Evangelischer Theologe rückt Gender in die Nähe des Nationalsozialismus

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Foto: Matthias Albrecht

Gender Forschung in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, so wie es Reinhard Slenczka aktuell versucht, ist ein Skandal. Der renommierte Theologe verlässt damit den Boden einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu Gunsten billiger Polemik.

Gezielte Angriffe auf die akademische Geschlechterforschung und emanzipatorische Bewegungen nehmen in den letzten Jahren stark zu. Kleine, aber laute Gruppen aus Konservativen, Rechten und Rechtsextremen sowie religiösen Fundamentalist_innen, insbesondere aus dem Islam und dem Christentum schießen stetig gegen jeden Versuch, allen Menschen die gleichen Rechte zuzusprechen. In diesen Chor stimmt nun einmal mehr der emeritierte Theologie-Professor Dr. Reinhard Slenczka ein. In seinem vor kurzem online gestellten sechsseitigen Gutachten zu der Frage: Mit welchen Gründen von Vernunft und Recht wird die Ideologie des Genderismus in Politik, Kirche und Schule eingeführt und aufgezwungen? versucht er die vermeintliche Ideologie des von ihm sogenannten "Genderismus" zu entlarven. Was dem Titel nach so wissenschaftlich daher kommt, entpuppt sich bei näher Betrachtung als Pamphlet, das von mangelnder Sachkenntnis sowie Tendenzen, die beinahe paranoid anmuten, zeugt.

Schon am Beginn seines Gutachtens formuliert Slenczka eine Behauptung, die nicht haltbar ist: "Biologisch wird im Genderismus das Geschlecht nicht nach Mann und Frau mit ihren jeweiligen geschaffenen Geschlechtsmerkmalen definiert, sondern nach verschiedenen Formen des Gebrauchs der Geschlechtsorgane zur Befriedigung des Sexualtriebs". Das Gengenteil ist der Fall. Akademischer Geschlechterforschung und vielen emanzipatorischen Bewegungen geht es gerade darum, dass Menschen wegen ihres sexuellen Verhaltens keine bestimmte geschlechtliche, sexuelle oder sonst wie geartete Identität zugeschrieben bekommen. Eben jene Praxen von Identitätspolitiken sind seit jeher Kritikpunkt und Forschungsgegenstand der Gender- und Queer Studies. Statt seine Argumentation auf beinahe hundert Jahre alte Schriften von Hirschfeld, Reich sowie Kinsey aufzubauen, hätte sich Slenczka mit den Theorien und Theoretiker_innen befassen sollen, die aktuell wirklich in den Gender Studies maßgeblich rezipiert werden. Michel Foucault legt in seinem Buch Der Wille zum Wissen dar, wir Homosexualität im 19. Jahrhundert von einem Fehlverhalten systematisch zu einer das Subjekt in seiner Gesamtheit durchdringenden psychiatrischen Krankheit gemacht wurde - mit allen Konsequenzen, wie der Einsperrung von unschuldigen Menschen in Psychiatrien und lebensgefährlichen Menschenexperimenten. Judith Butler, eine der wohl einflussreichsten Wissenschaftlerinnen in der heutigen akademischen Geschlechterforschung, kritisiert in ihren Werken wie etwa Das Unbehagen der Geschlechter an vielen Stellen Identitätszuschreibungen aufgrund des sexuellen Verhaltens eines Menschen.

Um eine sachliche Auseinandersetzung geht es dem Theologen aber offenkundig gar nicht. Statt in einen wissenschaftlichen Austausch qualifizierter Argumente einzutreten, warten die Zeilen Slenczkas mit billiger und reißerischer Polemik auf. So beschwört er gar in apokalyptischer Manier, Ziel des "Genderismus" sei es, "die bestehende Gesellschafts- und Rechtsordnung tiefgreifend zu verändern, ja zu zerstören". Dabei lässt sich der Autor sogar dazu herab, die Einrichtung und die Arbeit des Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in die Nähe der Ideologie des deutschen Nationalsozialismus zu rücken. Er assoziiert das erklärte Ziel des Studienzentrums, die "Kirche geschlechtergerecht zu gestalten", mit der "Forderung von 1933 nach einem 'Artgerechten Christentum'". So scheibt der Theologe: "Hört nicht ein jeder, der die deutsche Kirchengeschichte kennt, bei dieser Bezeichnung die Forderung von 1933 nach einem : 'Artgerechten Christentum'?" Spätestens mit dieser Aussage vergreift sich Slenczka endgültig im Ton.

Die akademische Geschlechterforschung und emanzipatorische Bewegungen mit dem Faschismus gleichzusetzen ist eine eklatante Verdrehung der Tatsachen und dazu noch eine Verhöhnung der Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes. Hat Slenczka vergessen, dass homosexuelle Liebe im Nationalsozialismus verfolgt wurde? Dass nicht wenige schwule Männer im Konzentrationslager ermordet wurden? Hat er vergessen, welche grausamen Operationen an intergeschlechtlichen Menschen im Nationalsozialismus durchgeführt wurden?

Der Verweis auf den Nationalsozialismus scheint bei näherer Betrachtung des weiteren Textes allerdings nur eine Chiffre zu sein. Slenczkas Furcht, die ihn zu so wüsten Beleidigungen antreibt, rührt wohl letztlich daher, dass er eine heteronormierte Gesellschaft als die einzig legitime Form der Gesellschaft betrachtet und eine Evangelische Kirche, die für den Erhalt dieser Ordnung arbeitet, indem sie Frauen nicht zum Pfarramt zulässt, Homosexuellen die Trauung und das Pfarrhaus verweigert, als die einzig legitimierte Form der Kirche. Dabei legt er ein zutiefst heteronormatives Weltbild an, dass sich nicht aus der Bibel ableiten lässt und dass er der Bibel überstülpt. Slenczka erhebt dieses Weltbild, das sich aus Traditionalismus und einer Jahrtausende andauernden Unterdrückung speist, zu einem goldenen Kalb. Er will eine Kirche, die im Namen Gottes normiert, selektiert, unterdrückt und Eindeutigkeiten herbeizwingt, da wo schöpferische Vielfalt herrscht. Und es ist geradezu paradox, dass er jenen, die einer solchen Kirche und einer solchen Gesellschaft widersprechen, die für die Freiheit jedes Menschen kämpfen, vorwirft, eine Diktatur zu wollen. Wo er doch wissen müsste: Diktatur schaltet gleich und gewährt nicht Gleichheit als unveräußerliches Recht. Slenczka vergisst, dass die Heilsbotschaft von Jesus Christus, die uns die Bibel bezeugt, keine Botschaft der Geschlechternormen, sondern eine Botschaft der Freiheit und der Liebe zu Gott und zu den Menschen ist.

Vor dem Hintergrund des Zeugnisses von Jesus Christus, dem Heil der Menschen, und der Nachfolge, in der wir stehen, lässt sich Slenczkas Frage Mit welchen Gründen von Vernunft und Recht wird die Ideologie des Genderismus in Politik, Kirche und Schule eingeführt und aufgezwungen? beantworten: Die akademische Geschlechterforschung, die emanzipatorischen Bewegungen und viele, viele andere Menschen haben es als vernünftig und rechtens erkannt, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Liebe und/oder ihres Begehrens nicht mehr beschimpft, diskriminiert, Opfer von Gewalt, von Verstümmelung und Ermordung werden. Und es ist nur gut und richtig, dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrem Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie und einigen anderen Maßnahmen dieser Erkenntnis anschließt. Dass sie als Kirche Jesu Christi dafür kämpft, dass keine Apokalypsen im Leben von Menschen mehr drohen, weil sich die Tochter wegen ihrer homosexuellen Begabung das Leben genommen hat, weil dem Säugling, der nicht in das Schema Mann oder Frau passt, bei der Geburt Geschlechtsorgane amputiert werden oder weil sich eine transsexuelle Frau folterähnlichen ärztlichen Begutachten unterziehen muss, um die ersehnte Operation zu bekommen.

Ich wünsche Herrn Slenczka die Demut, die Schriften der akademischen Geschlechterforschung einmal gründlich zu studieren, bevor er urteilt und noch mehr, dass er den Menschen, die für eine Gleichberechtigung der Geschlechter und sexueller Begehrensweisen kämpfen, ernsthaft zuhört, bevor er noch einmal erwägt, eine Gleichsetzung der Genderbewegungen und der Genderforschung mit dem Nationalsozialismus zu wagen.