Die Sache mit der Versuchung im Vaterunser

Betende Frau

Foto: Ben White/Unsplash

Das Vaterunser verbindet mehr als zwei Milliarden Christen weltweit, die meisten können den Text im Schlaf. Und jetzt wird darüber gestritten, ob die wohlbekannten Worte nicht tatsächlich anders lauten müssten. Die Hintergründe der Diskussion:

Nachts um halb drei aus dem Tiefschlaf gerissen, weiß man vielleicht nicht unbedingt sofort, was gerade Sache ist. Aber eines können die meisten Christen ganz bestimmt auch noch im Halbschlaf und völlig benommen: das Vaterunser aufsagen. Da läuft dann ein Automatismus ab, über die Reihenfolge der Worte muss nicht nachgedacht werden, von Generation zu Generation wurden sie so weitergegeben - bis jetzt. Denn aktuell wird darüber diskutiert, ob die Übersetzung des Vaterunsers in einigen Sprachen wie dem Deutschen oder dem Italienischen richtig ist.

Konkret geht es um die Bitte "und führe uns nicht in Versuchung". Die wurde von Papst Franziskus in einem am Mittwoch ausgestrahlten Interview mit dem italienischen Fernsehsender TV2000 "als keine gute Übersetzung" kritisiert. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle, sagte der Papst. Derjenige, der die Menschen in Versuchung führe, sei Satan. Stattdessen schlägt er vor, man solle die Formulierung "Lass mich nicht in Versuchung geraten" benutzen.

Ist diese Diskussion Haarspalterei? Ist es egal, mit welchen Worten wir beten, solange wir es tun? Für Papst Franziskus ist es so entscheidend, weil die Formulierung seiner Ansicht nach etwas mit dem Gottesbild der Menschen zu tun hat. Und in seinem Gottestbild steht fest: "Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen." Diese Position kann auch mit den Worten des Jakobusbriefes unterschrichen werden: "Doch wenn jemand in Versuchung gerät, 'Böses zu tun,' soll er nicht sagen: Es ist Gott, der mich in Versuchung führt! Denn so wenig Gott selbst zu etwas Bösem verführt werden kann, so wenig verführt er seinerseits jemand dazu." (Jak 1,13). Außerdem besteht sehr wohl ein Unterschied darin, ob Christen Gott als jemanden ansehen, der nicht in Versuchung führt oder der den Menschen nicht in Versuchung geraten lässt. Deshalb freut sich der Chef der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan, Pater Bernd Hagenkord, auf seinem Blog auch grundsätzlich über die Diskussion "Und trotz aller möglicher anderer Themen finde ich das das wichtigste: hier geht es um Gottesbild und um Gebet. Und wenn wir darüber nicht sprechen, dann ist eigentlich alles andere nicht mehr wichtig. Sprechen wir darüber, sprechen wir darüber was und wie wir beten, was wir meinen, wie wir es sagen, einzeln und in Gemeinschaft und in Liturgie."

Übersetzungen des Vaterunsers

Der Bibel zufolge hat Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern das Vaterunser gelehrt: Sie sollten nicht viel plappern wie die Heiden, denn das sei nicht nötig, weil Gott bereits wisse, was sie bräuchten, bevor sie darum bitten würden. Der Inhalt des Vaterunsers wird im Matthäus- und im Lukasevangelium überliefert - geschrieben wurden diese ein bis zwei Generationen nach Jesu Tod. Aber auf Griechisch und nicht auf Aramäisch - eben jener Sprache, die Jesus gesprochen hatte und in der Forschern zufolge das Gebet erstmals gesprochen wurde. Eine aramäische Version des Gebets hat die Jahrtausende jedoch nicht überdauertt. Deutsche Übersetzungen des Vaterunsers wurden wichtig, als sich der Protestantismus ausbreitete. Im Gegensatz zu den Katholiken der damaligen Zeit hielten sie ihre Gottesdienste auf Deutsch und nicht mehr auf Latein ab. Martin Luthers Übersetzung des Vaterunsers stammt aus dem Jahr 1522. Forscher gehen jedoch davon aus, dass es bereits vor Luther vereinzelt deutsche Übersetzungen gab.

Der Wortlaut, mit dem Christen das Vaterunser beten, variiert von Übersetzung zu Übersetzung, auch im Deutschen. In der Lutherbibel 2017 heißt es "Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen" (Mt 6,13), in der Einheitübersetzung von 2016 dagegen "Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!" (Mt 6,13) und am nächsten an dem Vorschlag von Papst Franziskus ist die Version der Neuen Genfer Übersetzung mit "Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern errette uns vor dem Bösen" (Mt 6,13).

Internationale Reaktionen

Anlass der Papstkritik war die Veränderung des Vaterunsers, die zu Beginn des neuen Kirchenjahres am ersten Advent in allen katholischen Kirchen Frankreichs vergenommen wurde. Dort wird nun nicht mehr "Ne nous soumets pas à la tentation (Unterwerfe uns nicht der Versuchung)" gebetet, sondern "Et ne nous laisse pas entrer en tentation (Lass uns nicht in Versuchung geraten)". Die geänderte Übersetzung des Vaterunsers in französischer Sprache wurde bereits im Jahr 2013 von der vatikanischen Gottesdienstkongregation approbiert. In Belgien, Benin und Togo ist die Neuübersetzung bereits in Kraft.

Wenn die zuständigen Gremien dem Vorschlag zustimmen, könnte die von Papst Franziskus vorgeschlagene Änderung zu Ostern 2018 auch schon in weiten Teilen der Schweiz zu hören sein - und zwar nicht nur in den katholischen Gemeinden der französischsprachigen Schweiz. Die dortigen Bischöfe haben die Einführung der Änderung nämlich auf Ostern 2018 verschoben, um sie dann gemeinsam mit anderen christlichen Kirchen des Landes vorzunehmen. Denn sowohl die Kantonalkirchen wie die evangelisch-reformierte Kirche im Kanton Waadt (EERV) als auch die theologische Kommission der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) haben sich bisher positiv zu der Neuübersetzung geäußert.

Vor einer "Verfälschung der Worte Jesu" warnte dagegen der Regensburger Bischof und frühere Dogmatikprofessor Rudolf Voderholzer bereits vergangene Woche. Er halte nichts von der "Korrektur" seiner französischen Kollegen, sagte er in einer Mitteilung des Bistums Regensburg vom 29. November. Dabei verwies er auch auf eine Predigt, die er bereits im Februar 2015 zu diesem Thema gehalten hatte. Im Predigttext skizziert er, was geschehen würde, wenn Menschen anfangen würden, Jesus zu verbessern: "Dann bekommen wir bald eine ganz neue Bibel nach unseren menschlichen Vorstellungen. Die Bibel würde aufhören, Zeugnis von Gottes Offenbarung zu sein." Trotzdem müsse man die Worte so erklären, dass "das Gottesbild nicht verdunkelt wird".

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält an der gängigen Übersetzung des Vaterunsers fest. Sie verteidigte den Gebetstext in der Form, wie er auch in der Luther-Bibel 2017 enthalten ist. "Dabei bleiben wir auch", teilte die EKD am Freitag auf ihrer Facebook-Seite mit.