Versöhnung im Herzen, die Scharia im Kopf

In der Bibelstunde der Presbyterianischen Persischen Gemeinde in Neukölln
Bibelstunde der Presbyterianischen Persischen Gemeinde in Neukölln. Sepher und Mohsen lesen die Texte des Korans ganz genau.

Foto: Sabine Oberpriller

Bibelstunde der Presbyterianischen Persischen Gemeinde in Neukölln. Sepher und Mohsen lesen die Texte des Korans ganz genau.

Wahid, Erfan und Mohsen sind aus dem Iran geflohen, vor Verfolgung, Verleumdung, vor der islamischen Gerichtsbarkeit. Sie haben viel verloren. Aber am Ende des Weges, sagen sie, haben sie einen Schatz gefunden: den christlichen Glauben. Er hilft gegen die Scharia im Kopf.

Die Dielen knarzen, wenn einer hereinkommt. Einen Schwall Sommerhitze bringt er mit, ein Lächeln, einen herzlichen, stillen Handschlag. Stühlerücken, wenn er sich leise setzt. Gegen die Fenster des Altbaus drückt die Sommerhitze. Die Wände des Raumes sind mit Regalen vollgestellt – diese bis oben hin mit Büchern und ein paar Brettspielen. In der Mitte des Raumes der große Tisch. Darauf: Kannenweise Schwarztee, Zucker, Kekse, Bibeln, gedruckt in den geschwungenen Buchstaben des Farsi, die Sprache vieler Iraner. Vor der Bibelstunde haben sie dafür gebetet, das Wort Gottes zu verstehen. "Damit wir frei sind", bitten sie.

Galater 5,6: "Wenn wir mit Jesus Christus verbunden sind, ist es völlig gleich, ob wir beschnitten oder unbeschnitten sind. Bei ihm gilt allein der Glaube, der sich in Taten der Liebe zeigt." Rund um den Tisch sitzen Männer, viele junge, einige ältere, aus schiitischen Familien, sunnitischen, alevitischen. Sie schauen sich mit großen Augen an, als sie das feststellen. Ihre Herkunft trennt sie hier nicht mehr, alle treffen sich, auch jene, die im Iran womöglich nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten.

Mohsen in der Mitte liest, die hellen Augen springen von Zeile zu Zeile, das große, kantige Gesicht konzentriert. Immer noch kommen ein paar dazu, Tritte, Sommerwärme, Handschlag, Stühlerücken. Draußen im Hof endet gerade der Deutschunterricht.

Hier, im kühlen Nebenraum der englischsprachigen Presbyterianischen Gemeinde in Neukölln, findet die Bibelstunde statt. Sie lesen die Texte ganz genau. Meistens handeln sie von der starken Liebe im Herzen, die alles Handeln bestimmt. Die Texte saugen sie in sich auf, sie helfen gegen die Scharia im Kopf. Die Scharia ist im Iran ein engmaschiges Gesellschaftssystem geworden, das sich verselbstständigt hat. Es hat sich auch in sie hinein gepflanzt, obwohl sie das nicht wollten. Vor dem System sind sie geflohen. Jetzt wollen sie es auch aus dem Kopf kriegen.

"Wir aber vertrauen darauf, dass wir durch den Glauben an Jesus Christus von Gott angenommen werden. Er hat uns ja durch seinen Geist diese Hoffnung geschenkt." (Galater 5,5)

"Bei Jesus kann ich ausruhen. In der Kirche habe ich mich viel sicherer gefühlt. Hier habe ich keinen Konflikt, keinen Streit"

Ganz unterschiedliche Männer beugen sich über die Bücher. Rechts neben Mohsen sitzt Erfan, der jüngste, 20, schüchtern. Um den Hals trägt er eine Kette, der Anhänger ein Adler. "Symbol der Weisheit wie bei Zarathustra", wirft er ein, um zu erklären. "Er steht für gutes Tun, gutes Denken, gutes Reden." Er ist mit seinem Bruder vor zweieinhalb Jahren gekommen, gerade noch nicht volljährig. "Ich war so ängstlich, so wütend.", sagt er. "Bei Jesus kann ich ausruhen. In der Kirche habe ich mich viel sicherer gefühlt. Hier habe ich keinen Konflikt, keinen Streit." Erfan ist meistens still, aber er schaut und hört aufmerksam zu.

Mohsen dagegen hat oft eine Frage, runzelt die Stirn, es arbeitet in ihm. Wenn er fragt, schauen auch die anderen auf und beginnen zu grübeln. Im Iran hat er Geschichte studiert, sich mit Marxismus und Kommunismus beschäftigt – und heimlich mit dem Christentum. Im Iran liest man die Bibel nicht bei Tageslicht. "Eine Frau aus dem Untergrund hat mich auf der Straße angesprochen. Ich war neugierig und bin zu den Treffen gegangen." Er verzieht das Gesicht und schwenkt die Bibel. "Barnabas-Bibeln waren das im Iran", sagt er. "Keine richtigen, christlichen. Der Text war verändert. Da waren Prophezeiungen drin, dass weitere Propheten kommen werden." In Deutschland hat er also von vorne angefangen, auch mit der Bibel.

Wahid leitet die Bibelstunde.

Wahid, am Kopf des Tisches, leitet die Bibelstunde, schmales Gesicht, Geheimratsecken, er grüßt freundlich, fragt freundlich, erklärt, bleibt ruhig, auch wenn einer der Schüler in manchen Punkten immer neue Einwände hat. Die Aufgabe hat er von dem iranischen Pfarrer übernommen, der die iranische Gemeinde in Berlin aufgebaut hat.

Davor hat er sich im Iran die Zähne am Islam ausgebissen. Tagsüber gearbeitet, nachts den Koran gewälzt. Wieder und wieder. Zweimal. Er schwenkt seine Brille und grinst. "Die Augen hat es kaputt gemacht", sagt er. "Gefunden habe ich nichts." Dann musste er weg mit der ganzen Familie. "Ich habe so viel verloren, Geld, meinen ganzen Besitz. Aber ich habe einen großen Schatz gefunden", sagt er. "Im Iran wäre ich niemals zu Jesus gekommen."

Erfan teilt sich mit seinem Bruder eine Wohnung am Rand von Berlin. Die meisten haben längst ihr Bleiberecht. "Das ist kein Alibi. Wir machen das nicht, um anerkannt zu werden", sagt Wahid mit seiner freundlichen Stimme. Die anderen nicken.

Den Rückweg haben sie sich versperrt. Ihren Familien erzählen sie nichts von der Konvertierung. Manche, um sie zu schützen. Würden sie bekannt, hätten alle Verwandten Drangsalierungen zu befürchten. Sepher weiß, dass seine Familie Christen nicht akzeptiert und die Bibel verabscheut. Er findet in jeder Erzählung die Pointe, die die anderen zum Lachen bringt, auch wenn der Humor oft bitter ist. "Meiner Familie schicke ich in jeder Mail ein Bibelzitat", sagt er. "Sie finden die Sätze wunderschön – weil sie nicht wissen, dass sie aus der Bibel sind."

"Christ sein ist nicht einfach nur ein Verhalten oder eine Moral, es kommt von tief innen, es ist eine Lebenshaltung"

Denn wer dieses eine Gebot befolgt: "Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!", der hat das ganze Gesetz erfüllt. (Galater 5,14) Über Jesu' Botschaft staunen sie: Sich opfern, zu vergeben, zu lieben. "Niemand kann tun, was Jesus getan hat", sagt Erfan. "Aus dem Herzen gut zu sein, nicht weil der Verstand es herleitet, das ist besonders am Christentum", sagt Sepher. "Im Iran sind Koran und Politik längst vermischt. Alles funktioniert nach dem Verstand. Wo soll man da noch die Wahrheit finden?"

Und Mohsen ergänzt: "Christ sein ist nicht einfach nur ein Verhalten oder eine Moral, es kommt von tief innen, es ist eine Lebenshaltung." Nichts lieber wollen sie, als diese Haltung verinnerlichen, dass der Kopf schweigt und alles von Herzen kommt. Das verbinden sie mit Freiheit: Sie kennen nicht die kriegerische Vergangenheit der Kirchen in Europa. Sie kennen ein christliches Deutschland, in dem die Kinder frei sind, sich für Religion zu entscheiden, wie Wahid sagt. Frei. Niemand wird hier zu einer Überzeugung gezwungen, außer zu der, anderen nicht zu schaden, so sehen sie das.

"Dagegen bringt der Geist Gottes in unserem Leben nur Gutes hervor: Liebe, Freude und Frieden; Geduld, Freundlichkeit und Güte; Treue, Nachsicht und Selbstbeherrschung. Ist das bei euch so? Dann kann kein Gesetz mehr etwas von euch fordern!" (Galater 5,22-23) "Ich habe Jesus als meinen Vater genommen", sagt Erfan. "Ich lege meine Hand in seine. Wohin soll ich sonst? Die Kirche ist meine einzige Hoffnung." Auf Anerkennung und Freiheit.