Hilfsorganisationen wollen Katastrophenhilfe barrierefrei machen

Alfons Dushime (10 Jahre) am 05.12.2008 im IDP Lager Mugunga in Goma, Demokratische Republik Kongo, wo er von der Hilfsorganisation Handicap International betreut wird.

Foto: epd-bild/Stefan Trappe

Alfons Dushime (10 Jahre) im IDP Lager Mugunga in Goma, Demokratische Republik Kongo, wo er von der Hilfsorganisation Handicap International betreut wird.

Rampen, breitere Türen, mündliche Durchsagen: Oft sind es kleine Dinge, die den Alltag auch in Krisengebieten für alle barrierefrei machen. Die spezifische Behandlung von Behinderten ist jedoch teuer. Hilfswerke zeigen, wie es trotzdem geht.

Weil sie nicht mobil sind, bleiben sie außen vor: Drei von vier Menschen mit Behinderung werden bei Erdbeben, Hungerkrisen oder anderen Katastrophen nicht ausreichend versorgt. Sie kommen nicht an Wasser, Lebensmittel, Unterkünfte oder Gesundheitsversorgung. Dabei ist Inklusion auch in diesem Bereich mit wenigen Mitteln möglich, betonen Behinderten-Hilfswerke. Wie das praktisch aussehen kann, zeigt eine neue App der Christoffel Blindenmission. Im "Humanitarian Hands on Tool" finden Helfer Praxistipps, wie sie Barrieren in der Katastrophenhilfe abbauen können.

"Natürlich baut die App keine behindertengerechten Toiletten", räumt Esther Dopheide von der Blindenmission ein. Aber dort können Helfer nachlesen, wie breit eine Toilettentür sein muss, damit auch ein Rollstuhl durchpasst. Auch in der App: Eine Anleitung zum Bau einer Rollstuhlrampe mit einfachen Mitteln. Und: "Wenn Lebensmittelverteilungen nicht nur durch Aushänge angekündigt werden, sondern auch mit einer Durchsage im Dorf, wissen auch Blinde, wann sie Hilfsgüter abholen können", erklärt Dopheide.

Rollstuhlrampen im Erdbebengebiet

Solche Hinweise finden die Helfer in der App. Das Tool rege zum Mitdenken an. "Ein Smartphone hat sowieso jeder dabei und mit der App hat jeder Helfer dann auch ein ganzes Inklusionshandbuch in der Tasche", erklärt Dopheide. Sie betont: "Inklusion ist kein Hexenwerk, auch nicht in der Katastrophenhilfe."

20 Millionen Behinderte erleben laut Berechnungen von Handicap International humanitäre Krisen: Erdbeben, Stürme, Hungersnöte, Kriege. In Gebieten wie Syrien, wo mit Waffen gekämpft wird, steigt die Zahl der körperlich Behinderten durch Amputationen oder schwere Verletzungen. Dann ist für die Patienten eine gute Nachsorge wichtig. Handicap versorgt die Menschen mit Prothesen und Rollstühlen, bietet Physiotherapie an und hilft, mit der neuen oder schon älteren Veränderung am Körper zurechtzukommen.

Diese spezifische Versorgung von körperlich behinderten Menschen sei personalintensiv und teurer, erklärt die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation, Susanne Wesemann. Eine ausreichende Finanzierung sei nicht immer leicht. "Die UN-Behindertenrechtskonvention regelt auch die Inklusion in der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit", betont Wesemann. Auch vom Auswärtigen Amt und Entwicklungsministerium gebe es ein klares Bekenntnis dazu. "Ich sehe das sehr positiv", betont Wesemann. Trotzdem: 85 Prozent der Helfer gaben in einer Studie von Handicap an, dass behinderten Menschen nicht immer genug geholfen werde.

Deshalb schulen Handicap und die Blindenmission Mitarbeiter von Hilfswerken in Sachen Inklusion. Finanziert wird das vom Auswärtigen Amt. Neben Informationen und Theorie gibt es auch praktische Trainings für bestimmte Fachbereiche. Ab nächstem Jahr sollen auch einzelne Organisationen mit bestimmten Fragen gezielt unterstützt und ausgebildet werden.

Das Entwicklungsministerium hat 2016 rund sieben Millionen Euro für Inklusionsprojekte von Hilfswerken ausgegeben. Eine große Rolle spielt dabei die Bekämpfung von Mangelernährung. So können körperliche Fehlentwicklungen und geistige Behinderungen frühzeitig verhindert werden: Die ersten 1.000 Tage im Leben eines Kindes sind besonders wichtig für die körperliche und geistige Entwicklung.

Ein sehr wichtiger erster Schritt ist es, überhaupt zu erkennen, was Menschen mit Behinderung in Krisengebieten brauchen. Handicap hat deshalb Fragebögen erarbeitet, um Sehstörungen oder Probleme beim Gehen und Treppensteigen zu erfassen. Und mobile Teams von Handicap suchen auch nach Menschen, die die Verteilstellen für Lebensmittel oder Treffpunkte nicht erreichen können.