Evangelischer Theologe Klaus Tanner für Forschung an Embryonen

Klaus Tanner

Foto: epd-bild/Andreas Schoelzel

Durch neue Möglichkeiten zur Genomveränderungen erhoffen sich Forscher Fortschritte bei der Therapie schwerer Krankheiten. Der evangelische Theologe Klaus Tanner fordert deshalb eine Öffnung des Embryonenschutzgesetzes.

"Ich bin dafür, die Forschung an sogenannten verwaisten Embryonen in Deutschland zu erlauben", sagte der Ethiker dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es wäre ein Signal an junge Wissenschaftler, die wichtige entwicklungsbiologische Forschungsfelder in Deutschland aufgrund der restriktiven Gesetze derzeit meiden würden.

"Das Embryonenschutzgesetz ist mehr als 25 Jahre alt und es haben sich seitdem neue medizinische und biologische Möglichkeiten ergeben", sagte Tanner. Sie zu nutzen sei auch eine Pflicht aus christlicher Perspektive: "Der Kampf gegen Leiden ist mit der christlichen Ethik verbunden."

Tanner gehört zu den Autoren eines Papiers der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, in dem Möglichkeiten zur Grundlagenforschung an verwaisten Embryonen gefordert werden. Dabei handelt es sich um Embryonen, die etwa bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben oder aus anderen Gründen nicht mehr zur Fortpflanzung verwendet werden. Begründet wird die Forderung der Wissenschaftler mit den Neuentdeckungen in der Genomchirurgie, mit denen Erbgut gezielt verändert werden kann. Forscher erhoffen sich dadurch Fortschritte bei der Therapie schwerer Krankheiten.

"Lässt man sie im ewigen Eis, entsorgt man sie oder stellt sie der Wissenschaft zur Verfügung?"

"Die Genomchirurgie liefert die Notwendigkeit, sich mit den geltenden Gesetzen - Embryonenschutzgesetz und Stammzellgesetz - neu zu beschäftigen", sagte Tanner. Die Methoden seien billig, einfach zu handhaben, breit anzuwenden und eventuell vielversprechend für die Therapien schwerer Krankheiten wie Krebs, argumentiert der Heidelberger Professor für Systematische Theologie und Ethik. Er forderte eine neue Debatte um den Status verwaister Embryonen, "auch in den Kirchen".

"In der Theologie wird immer betont, dass sich der Mensch durch seine Beziehungen zu anderen Menschen definiert", sagte Tanner. Allein von der Beziehung zur Mutter hänge seine Überlebenschance ab, "nämlich von der Frage, ob sie das Kind will oder abtreibt". Der Wille der Eltern spiele auch beim Embryo außerhalb des Körpers eine entscheidende Rolle: "In dem Moment, in dem Eltern bei einer eigentlich geplanten künstlichen Befruchtung sagen, wie wollen diesen Embryo nicht mehr, ändert sich das ganze Beziehungsgefüge", erläuterte Tanner.

In den ethischen Diskussionen werde der Embryo aber immer noch sehr stark losgelöst von den Beziehungen und Bedingungen betrachtet, unter denen er entsteht. Tanner betonte, die verwaisten Embryonen seien nun mal auch in Deutschland entstanden: "Nun steht man vor der Wahl: Lässt man sie im ewigen Eis, entsorgt man sie oder stellt sie der Wissenschaft zur Verfügung?"