TV-Tipp: Praxis mit Meerblick: Willkommen auf Rügen (ARD)

21.4., ARD, 20.15 Uhr: "Praxis mit Meerblick: Willkommen auf Rügen"
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Eine Frau will die Vergangenheit hinter sich lassen und versucht irgendwo in der Provinz einen Neuanfang: Geschichten dieser Art hat die ARD-Tochter Degeto schon zu Dutzenden erzählt.

"Praxis mit Meerblick" aber grenzt fast an eine Kopie. Nora Kaminski, die Heldin dieses Auftakts zu einer neuen Freitagsfilmreihe im "Ersten", zieht sich auf eine Insel zurück und wird auch noch von Tanja Wedhorn verkörpert: Das erinnert frappierend an "Reiff für die Insel"; mit dem Unterschied, dass die Produktionsfirma Real Film, die beide Reihen herstellt, die Handlung diesmal nach Rügen verlegt hat; das hat den Vorteil, dass nun auch Ost/West-Konflikte erzählt worden können. Um weiterer Verwechslungsgefahr vorzubeugen, wird "Reiff für die Insel" nicht fortgesetzt, was schade ist, denn die Geschichten von Autor Marcus Hertneck hatten einen ganz besonderen Charme.

"Praxis mit Meerblick" erinnert aber noch an ein weiteres Degeto-Format. Nora Kaminski ist mit Leib und Seele Ärztin, weshalb sie sich auch nach Feierabend Zeit für ihre Patienten nimmt; wie die Versorgungsassistentin aus "Eifelpraxis". Geschickt zögert das Drehbuch (Lars Albaum, Michael Vershinin) hinaus, warum sich Nora nach Rügen zurückgezogen hat, wo sie Praxispartnerin eines früheren Kommilitonen Richard Freese (Stephan Kampwirth) wird. Zentraler Erzählstrang ist zunächst die schwierige Lage einer jungen Frau, die gleich mehrere Probleme hat, und wie sich zeigt, ist der Unfall, bei dem Nora ihr zu Hilfe kommt, fast noch das kleinste: Wiebke (Sinje Irslinger) ist 17 und schwanger. Ihr Vater Alexander (Martin Lindow) neigte nach dem Tod seiner Frau vermutlich schon früher zu einer gewissen Überbehütung, aber seit Wiebke vor einem Jahr einen Autounfall hatte, ist er ihrer Ansicht nach ein bisschen paranoid. Den Unfall hat Wiebkes damaliger älterer Freund Eric (Björn Ingmar Böske) verursacht, als er bekifft Auto gefahren ist. Er ist auch der Vater des Kindes, und weil Alexander glaubt, dass Eric im Leben seiner Tochter keine Rolle mehr spielt und auch von der Schwangerschaft keine Ahnung hat, bittet Wiebke Nora um Hilfe.

Die findet zwar, sie sei nur für die medizinischen Fragen zuständig, aber selbstredend lässt sie Wiebke nicht im Stich. Dabei hat sie ganz andere Sorgen: Sie hat ihre Anstellung als Ärztin auf einem Kreuzfahrtschiff verloren, weil sie angeblich einem alten Mann mit Herzproblemen unter der Hand ein Potenzmittel verkauft hat. Der hat den Liebesakt prompt nicht überlebt, weshalb die Angehörigen Nora verklagt haben, und natürlich macht die Nachricht irgendwann die Runde.

Obwohl die beiden Geschichten alles andere als heiter sind, ist der Tonfall keineswegs dramatisch. Die Freitagsfilme von Regisseur Jan Růžička (zuletzt "Freundinnen – Alle für eine") haben fast immer einen nachdenklichen Kern ("Annas Geheimnis", "Den Tagen mehr Leben"), wirken aber stets mit leichter Hand inszeniert. Bei "Willkommen auf Rügen" signalisiert die gern auch mal rockige flotte Musik (Hansen & Jansen) von Anfang an, dass der Film vor allem unterhaltsam und kurzweilig sein soll. Außerdem streut das Autorenduo regelmäßig verblüffend komische Momente und witzige Dialoge ein. Den Rest besorgt Tanja Wedhorn, zumal Nora eine dieser typischen Frauenfilmheldinnen ist, die sich in einer Männerwelt behaupten müssen. Tatsächlich sind mit Ausnahme von Wiebke sämtliche wichtigen Nebenfiguren Kerle, die zudem alle eine Macke haben: Praxispartner Richard bezeichnet sich als leicht exzentrisch, hat aber in Wirklichkeit eine ausgewachsene Hygiene-Neurose. Noras Vermieter (Hans-Uwe Bauer), ein Wessi- und Ärztehasser (Nora kommt aus Dortmund), ist mit dem Etikett "verschroben" nur annähernd korrekt beschrieben. Im Krankenhaus trifft sie auf den arroganten Kollegen Heckmann (Patrick Heyn), der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt, als er akzeptieren muss, dass sie mit einer von ihm ins Lächerliche gezogenen Malaria-Diagnose richtig lag; er revanchiert sich, indem er dafür sorgt, dass sich die Kunde von der Klage verbreitet.

Dank Heckmanns Internetrecherche erfährt auch das Publikum, welche Last Nora mit sich rumschleppt. Weil es gleichzeitig zwischen ihr und dem Arzt, der sich selbstredend über ihren fehlenden Doktortitel mokiert, auch ein bisschen knistert, könnte sie sich demnächst zwischen zwei Ärzten wiederfinden, denn auch der alleinstehende Richard wird auf Dauer garantiert nicht bloß ein guter Freund bleiben. Das wäre dann eine weitere Parallele zu "Eifelpraxis". Und es gibt noch eine: Glaubt man den beiden Reihen, sind Arzthelferinnen junge Frauen mit knallbunt gefärbten Haaren und großzügigen Ausschnitten; Richards Mitarbeiterin heißt Mandy (Morgane Ferru), ist tätowiert und hat ein Dekollete zu bieten, das Rainer Brüderle schlaflose Nächte bereiten würde. Selbstverständlich sorgen Růžička und Kameramann Gunnar Fuß dafür, dass es nicht nur Ein-, sondern dem Titelzusatz entsprechend auch Aus- beziehungsweise Meerblicke gibt.