Sing it loud - Luthers Erben in Tansania

Ein Film von Julia Peters über den größten Chorwettbewerb in Tansania
Der Cantate-Stadtchor probt in der Kirche

Foto: Vita Spieß

Die Mitglieder des Cantate-Stadtchores gehören zur tansanischen Mittelschicht.

Die erste Idee zu "Sing it Loud - Luthers Erben in Tansania" hatte die Regisseurin Julia Irene Peters bereits bei ihrem Tansania-Besuch 2005. Die Leidenschaft der Chöre und die Musik hatten sie begeistert und nicht mehr losgelassen. Peters will mit ihrem Film Vorurteile abbauen und von einem Afrika erzählen, das in den Köpfen der meisten Menschen nicht präsent ist.

Zur Verwirklichung ihres Projekts brauchte Peters einen langen Atem: Vier Jahre lang, von 2012 bis 2016, suchte sie nach Geldgebern für ihr Filmprojekt über den größten Chorwettbewerb Tansanias, an dem rund 1.500 Chöre teilnehmen. Jedes Jahr singen die Teilnehmer ein selbstkomponiertes Lied und einen europäischen Choral. Dieses Mal fiel die Wahl anlässlich des Reformationsjubiläums auf Martin Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott" - der Hauptgewinn für Peters, die so die letzten Geldgeber ins Boot holen konnte. Sie begleitet in ihrem Film den Neema-Landchor, den Cantate-Stadtchor und den Kanaani-Jugendchor auf ihrem Weg zum Wettbewerb und erzählt vom Leben, Glauben und dem musikalischen Schaffen der Chöre. Es geht um  Musik, Talent, Glauben und Bestimmung. Und was dem im Wege stehen kann. Alle Chorsänger haben etwas gemeinsam: Sie sind Autodidakten, Christen, Musik ist ihre größte Leidenschaft und alle wollen den Chorwettbewerb gewinnen.

Zur Premiere des Films und für eine kleine Kino-Konzert-Tour reisen auch einige Mitglieder des Kanaani-Jugendchores aus Tansania an (Tourdaten siehe Infokasten auf der rechten Seite). Im Interview mit evangelisch.de erzählt Julia Irene Peters von dem langen Weg von der Idee bis zum fertigen Film "Sing it Loud - Luthers Erben in Tansania" und wie sie es sie persönlich verändert hat.

evangelisch.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Chorwettbewerb in Tansania zu begleiten?

Julia Irene Peters: Ich habe einen befreundeten Pastor in Tansania besucht und zusammen waren wir auch in einigen Kirchen und da habe ich viele Chöre singen gehört. Irgendwann habe ich ihm erzählt, wie sehr mich der Gesang der Menschen fasziniert und da hat er mir zum ersten Mal von diesem Chorwettbewerb erzählt. Und das fand ich so faszinierend, dass ich ein Jahr später wieder nach Tansania geflogen bin, um mir diesen Wettbewerb anzusehen. Ich habe mir damals schon gedacht: Das ist eine tolle Geschichte, daraus muss ich unbedingt einen Film machen. Ich war von dem Wettbewerb wirklich begeistert und habe sofort angefangen, die Leute zu befragen, wie das alles funktioniert, wann und wie oft sie proben und so weiter. Ich dachte die ganze Zeit nur: "Das ist perfekt." Und dann habe ich angefangen, diesen Film zu planen.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zur Region oder zur religiösen Musik?

Peters: Ich bin in der DDR-Kirche aufgewachsen und habe dort im Posaunenchor gespielt. Zur Musik habe ich also schon einen Bezug, zur Region dagegen eigentlich gar nicht. Ich bin durch Zufall nach Tansania gekommen. Und ich war danach von mir selber erschüttert, was ich für ein schlechtes Bild ich von diesem Kontinent hatte: Ich habe wirklich gedacht, dass ich nicht wieder gesund nach Hause komme. Das hat mich echt erschüttert. Dabei habe ich dort ganz tolle Sachen erlebt und speziell beim Chorwettbewerb habe ich gedacht: "Damit kann ich erzählen, wie toll Land und Leute sind."

Wie konnten Sie den Film finanzieren?

Peters: Die Finanzierung war schwierig und hat auch sehr lange gedauert. Als erstes haben die Leipziger Mission und die Mission EineWelt Geld investiert. Das sind Missionswerke, die schon vor hundert Jahren dort tätig waren und es auch immer noch sind. Und später ist noch 3Sat dazugekommen, weil für sie die Verbindung Luther-Jahr, Luther-Chöre, Luther-Lieder und deutsch-tansanische Geschichte interessant war. Zusätzlich habe ich natürlich auch noch Crowdfunding betrieben. Es gab also noch viele Leute, die privat Geld in den Film investiert haben.

Wie haben Sie die Protagonisten für den Film gefunden?

Martha und Simon sind arme Bauern, doch sie brennen für die Musik. Martha komponiert selbst Lieder in der Tradition der WaGogo.

Peters: Nach dem ersten Wettbewerb 2005 habe ich die Chöre, die ich damals toll fand, das erste Mal besucht. Und als ich 2012 das erste Geld bekommen habe, war ich zwei Mal auf mehreren Wettbewerben in Tansania und habe mir da 70 Chöre angehört. Und bei einem dieser Wettbewerbe habe ich zum Beispiel den Kanaani-Jugendchor kennengelernt. Die habe ich singen gehört und gedacht: "Oh mein Gott, die muss ich unbedingt kennenlernen, die sind großartig." Ich habe dann eine Woche gebraucht, um sie in Arusha zu finden. Außerdem haben wir auch die Chöre von damals besucht, die ich noch von früher kannte. Das sind der Nema-Landchor mit den armen Bauern und Soldaten und der Cantate-Mittelschichtschor aus der Stadt. Die waren weiterhin interessant.

Als Sie die Chöre gefunden hatten, war es dann schwer, die Menschen zum Mitmachen zu überzeugen?

Peters: Mit meinen Protagonisten Martha und Simon aus dem Nema-Landchor stand ich seit 2005 in Kontakt. Ich finde es unglaublich beeindruckend, dass Menschen, die sich mitten in der Savanne alleine mühsam durchs Leben kämpfen, so für diese Chormusik brennen, dass sie alles tun, um  diesen Chor am Leben zu erhalten. Martha hat sogar festgestellt, dass sie das Talent zum Komponieren hat und es beeindruckt mich unheimlich, dass sie neben der schweren Arbeit noch versucht, sich weiterzubilden und Lieder komponiert. Die Leute haben insgesamt alle gerne mitgemacht.

Gab es ein Ereignis während der Dreharbeiten, das sie besonders überrascht hat?

Peters: Eine Sache hat mich eigentlich bei allen überrascht: Diese Selbstverständlichkeit, mit der man in der Kirche etwas tun kann. Man kommt in die Kirche und die Leute beten und klagen an, das fand ich schon toll. Ich glaube, das ist hier überhaupt nicht so. Die Kirche wird als mein Ort wahrgenommen: Mein Ort, an dem ich mit Gott reden kann und da kann ich halt immer hingehen.

Gab es auch ein Ereignis während der Dreharbeiten, das Sie besonders berührt hat?

Peters: Ich saß bei Martha und Simon mit der Familie zusammen im Wohnzimmer und da habe ich gefragt, ob sie auch in der Familie singen. Und plötzlich hat die ganze Familie mir ein Lied gesungen und das fand ich großartig. Da dachte ich: "Genau deswegen mache ich diesen Film, das ist toll." Oder wenn der Jugendchor im Bus ein A-Cappella-Lied singt. Ach, da ist mir das Herz aufgegangen.

Julia Irene Peters bei den Dreharbeiten in einer tansanischen Kirche.

Welchen Stellenwert haben die Musik und das Singen im Chor in Tansania?

Peters: Das hat einen sehr großen Stellenwert. Der Chor ist im Grunde so eine Art moderne Familie: Die passen alle aufeinander auf. Wenn Leute nicht zur Probe kommen, besuchen die anderen sie zu Hause und bringen sicherheitshalber auch noch was zu Essen mit. Sie gucken, wie es demjenigen geht und kümmern sich um ihn. Außerdem glaube ich, dass Musizieren für die Leute eine Möglichkeit ist, um glücklich zu sein. Denn wenn sie singen und Musik machen, strahlen alle totale Lebensfreude und das totale Glück aus. Die Musik und das gemeinsame Singen sind das Lebensglück der Leute. Und wenn man Chormitglied ist, ist die Chance, eine Arbeit zu bekommen, auch höher. Denn dann weiß man: Das sind zuverlässige Leute. Die Arbeitgeber erleben sie jeden Sonntag in der Kirche und dadurch haben sie schon einen viel besseren Ruf. Die Leute wissen: man trinkt nicht und man nimmt keine Drogen zu sich. Für das Leben der Leute ist das etwas extrem Positives.

Gehören Chöre zur tansanischen Kultur?

Peters: Die Musik ist generell in der tansanischen Kultur stark verankert. Aber es ist schwierig darüber zu sprechen, denn Tansania hat 128 verschiedene Kulturen und jede Kultur hat ihre eigenen Umgang mit Musik. In kirchlichen Kreisen kann man sagen, dass die Menschen dort lutherisch missioniert worden sind, das bedeutet mit Herz und Verstand. Luther hat die Leute intellektuell, aber auch gleichzeitig emotional missioniert. Und die Emotionen kommen über die Musik. Deswegen hat Luther ja auch Lieder geschrieben. Eingängige, einfache Melodien, die einen berühren. Und die Missionare, die vor ein bisschen mehr als hundert Jahren nach Tansania gegangen sind, waren alle sehr lutherisch und pietistisch geprägt. Die Missionare haben von Anfang an Chöre gegründet und die Leute über diese europäische Kirchenmusik zum christlichen Glauben bekehrt.

Geht es bei dem Chorwettbewerb nur ums Gewinnen oder geht es da für die Menschen um mehr?

Peters: Es geht darum, zu gucken, wo man mit seinem Chor steht, und natürlich auch darum, gemeinschaftlich Gott zu lobpreisen. Aber natürlich geht's auch ums Gewinnen.

Was haben Ihre Protagonisten zu der Liedauswahl "Ein feste Burg ist unser Gott" gesagt?

Peters: "Das hat Martin Luther komponiert, den kennen wir und das ist sein erstes Lied." Dieser Chorwettbewerb wird ja seit über 60 Jahren von der Kirche veranstaltet und da singen die Chöre immer ein Pflichtlied. Und dieses Pflichtlied ist immer ein, ich würde sagen europäischer, aber eigentlich meistens deutscher Choral. Der wird ausgewählt, um unbekanntere Choräle in der Gemeinde bekannter zu machen, damit dieses Lied dann auch im Gottesdienst gesungen werden kann. Die Chöre betrachten das immer als eine positive Herausforderung. Bei dem Wettbewerb spielen sie dann dieses Luther-Lied und ein eigenes Lied.

Es gibt 128 Kulturen in Tansania und in allen hat die Musik einen hohen Stellenwert.

Man könnte jetzt erwarten, dass sie viel lieber ihre eigenen Lieder singen statt des Pflichtliedes - ist das tatsächlich so?

Peters: Interessanterweise ist das nicht so. Die Leute in Tansania haben nicht wie wir im Westen die Chance, durch die Welt zu reisen und sehen das als Erweiterung ihres Horizonts. Und das Bedürfnis, etwas zu lernen, ist bei den Leuten dort extrem hoch. Die Chance auf immer neuen Input lassen sich die Leute nicht entgehen. Die singen beides sehr gern: Sowohl ihre eigenen Sachen als auch die anderen Lieder.

Welche Botschaft soll Ihr Film präsentieren?

Peters: Der soll uns Europäern ein paar Geschichten von Leuten aus Tansania erzählen, die wir vermutlich so nicht erwartet hätten. Im Grunde soll der Film von einem Afrika erzählen, von dem wir meiner Meinung nach wenig hören. Er erzählt von Leuten, die unsere Nachbarn sein könnten, die zwar in einer anderen Kultur aufgewachsen sind, die aber toll, großartig und gar nicht so weit von uns entfernt sind, wie man manchmal denkt.

Welche Reaktion erhoffen Sie sich hier auf den Film?

Peters: Mehr Toleranz mit sich selbst und vielleicht auch etwas weniger Klischeedenken über Leute, die anders sind. Und natürlich, dass die Zuschauer die Musik total toll finden.

Die Jugendlichen vom Kanaani-Chor leben ihre Religion ganz entspannt.

Wie wird denn Ihre Deutschland-Tour ablaufen?

Peters: Wir haben es geschafft, genug Geld zu sammeln, um den Kanaani-Jugendchor aus dem Film hierher bringen zu können. Und mit dem Jugendchor werden wir gemeinsam eine Konzert-Kino-Tour machen. Die wird in Frankfurt starten, durch Bayern gehen und in Thüringen beim Kirchentag auf dem Weg werden wir dabei sein. Und dann wird der Jugendchor in Wittenberg auf dem Kirchentag singen. Außerdem gibt es dann noch ein paar kleinere und größere Stationen in Deutschland mit dem Chor und mir. Man kann sich dann mit den Leuten aus dem Chor unterhalten, ganz viele Fragen stellen und die werden auch ganz viele Fragen haben. Sie werden bestimmt über das religiöse Leben hier erstaunt sein, was ein anderes ist als in Tansania. Und wir werden erstaunt sein, wie entspannt die Jugendlichen die Religion leben.

Was hat der Dreh für Sie ganz persönlich verändert?

Peters: Ich muss gestehen, dass ich schon ein bisschen ernüchtert bin und meine Afrika-Romantik ein wenig verloren gegangen ist. Und noch etwas habe ich gelernt: Wir können wirklich glücklich sein, wo wir geboren worden sind.

Wir suchen übrigens noch Chöre, die bei unserer "500 Chöre"-Challenge auf www.reformaction2017.de/500choere mitmachen!  Wer bis zum 30. April 2017 sein Video von "Ein feste Burg" hochlädt, kann ein Video-Porträt über seinen Chor gewinnen, das hier auf evangelisch.de läuft. Aus allen Teilnehmern wird ein Gewinner ausgesucht und per E-Mail von uns benachrichtigt!

Sie sind in keinem Chor und wollen sich aber trotzdem engagieren? Hier können Sie spenden:

Bank für Kirche und Diakonie

IBAN: DE10 1006 1006 0500 500500

BIC: GENODED1KDB

Stichwort: 500 Choere Challenge

aus dem chrismonshop

Choral:gut!
Es war Martin Luther, der den Choral populär gemacht hat. Er ließ die Lieder auf Flugblätter drucken und verteilte sie ans Volk. So entstand Gemeinschaft durch gemeinsames...