"Wir dürfen nicht aufgeben"

Eine palästinensische Christin macht anderen Frauen in ihrer Heimat Mut
Palästinensischer Frau

Foto: REUTERS/Flash Ninety

Sumaya Farhat-Naser wurde 1948 in eine Familie palästinensischer Christen geboren. Sie wuchs in dem Dorf Bir Zait nahe Ramallah auf. Schon als junges Mädchen war ihr bewusst, wie wichtig Bildung und gesellschaftliche Teilhabe für Frauen sind. Gegen den Willen ihres Großvaters, der sie im Alter von 14 Jahren verheiraten wollte, besuchte sie die Internatsschule Talitha Kumi. Danach studierte sie Biologie, Geographie und Pädagogik in Hamburg, um als Dozentin für Botanik in ihre Heimat zurückzukehren. Seit Jahrzehnten setzt sie sich für Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie für den palästinensisch-israelischen Dialog ein.

Frau Farhat-Naser, Sie kämpfen seit vielen Jahren für die Rechte der Frauen in Palästina. Wie beschreiben Sie die aktuelle Situation der Frauen in Ihrem Land?

Sumaya Farhat-Naser: Die Lage der Frauen in Palästina ist eng mit der politischen Situation verknüpft – und die hat sich in den letzten Jahren verschlimmert. Durch den Siedlungsbau der israelischen Regierung wird unser Land immer weiter zerrissen, wir dürfen die für die Siedler gebauten Straßen nicht benutzen und viele von uns haben keinen Zugang mehr zu ihren eigenen Grundstücken – etwa zu Olivenhainen oder zu Ländereien. Die täglichen Demütigungen an den Checkpoints, die es an vielen vielen Stellen innerhalb der Westbank gibt, sind zermürbend und entwürdigend. Wir kämpfen ums Überleben: zum einen in ökonomischer, zum anderen in sozialer oder sogar in physischer Hinsicht. Die Menschen hier glauben an nichts mehr. Denn sie erleben, dass Menschenrechte und internationale Konventionen unter der israelischen Besatzung nicht gelten. Es gibt keine Perspektive. Dieser psychische Druck führt zu Gewalt, auch innerhalb der eigenen Gesellschaft. Die Gewalt ist überall: in öffentlichen Einrichtungen, auf der Straße und in den Familien. Und darunter leiden vor allem Frauen. Manche von ihnen werden oft von ihren Männern geschlagen.  

Sie unterstützen Frauen in Ihrer Heimat und ermutigen sie zu Bildung, Eigenverantwortung und zum gemeinschaftlichen Protest gegen häusliche Gewalt. Welche politischen und gesellschaftlichen Rechte haben palästinensische Frauen?

Farhat-Naser: Grundsätzlich haben Frauen in Palästina politische Rechte, sie dürfen laut Verfassung wählen und gewählt werden. Doch was nützt das: Wir hatten seit sechs Jahren keine Wahlen mehr. Dabei warten wir dringend auf die Wahl eines neuen Präsidenten sowie auf Parlaments- und Kommunalwahlen. Die Trennung von Gazastreifen und Westbank und die Situation unter israelischer Besatzung führen zu Schwierigkeiten in der Verwaltung. Zwischen unseren politischen Parteien, Fatah und Hamas, gibt es keinen Dialog. Eigentlich sind wir alle, Männer und Frauen, verhindert, unsere politischen Rechte wahrzunehmen.

"Wenn eine Frau immer nur befolgt, was ihr Ehemann sagt oder ihre Schwiegermutter, werden sich die Strukturen nicht ändern"

Aber Männer und Frauen sind nicht auf allen Ebenen gleichberechtigt?

Farhat-Naser: Es gibt unterschiedliche Rechtssituationen, was Arbeit und Gehalt betrifft. Zum Beispiel verdienen Frauen in Ministerien und Schulen bei gleicher Qualifikation und in gleicher Stellung weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Anders ist es an der Universität in Bir Zait, meiner Heimatstadt: Hier bekommen Frauen und Männer das gleiche Gehalt. Wir kämpfen dafür, dass dieses Modell zum Vorbild für andere Einrichtungen wird. Das muss auf Regierungsebene geregelt werden. Ich denke außerdem, dass Männer und Frauen gleichberechtigt Verantwortung tragen sollten für die wirtschaftliche Versorgung der Familie und den Haushalt. Nach muslimischer, oder sagen wir orientalischer, Tradition ist allein der Mann verantwortlich für die ökonomische Absicherung der Familie. Zum Beispiel bekommt ein Mann, der arbeitet, Kindergeld, eine Frau nicht. Und wenn eine Frau arbeitsunfähig wird, erhält sie keine finanzielle Absicherung, ein Mann dagegen schon. Allerdings hat die Frau im Gegensatz zum Mann das Recht, ihr Gehalt für sich zu behalten und nicht an die Familie zu geben. Darüber gibt es aber häufig Streit. Früher haben viele Männer ihren Frauen das Geld einfach weggenommen. Wir haben erreicht, dass Männer das nicht mehr dürfen.

Sumaya Farhat-Naser.

Wie viele Frauen in den palästinensischen Gebieten sind denn berufstätig?

Farhat-Naser: Etwa 30 bis 40 Prozent der Frauen haben geheiratet, noch bevor sie 20 waren. Sehr viele halten Heiraten und Kinderkriegen für ihr einziges Lebensziel, einen Beruf haben sie nicht. Auch in der ganz jungen Generationen sind es etwa 20 Prozent der Frauen, die so leben – vor allem in den Dörfern. Ich halte es für sehr wichtig, dass Frauen einen Beruf erlernen oder studieren. Dass sie ein Gefühl für ihren eigenen Wert bekommen und sich bilden. In meiner Arbeit versuche ich, bei den Frauen ein Bewusstsein dafür zu wecken. Denn nur so können sie ihre Position innerhalb der Familie stärken. Wenn eine Frau immer nur befolgt, was ihr Ehemann sagt oder ihre Schwiegermutter, werden sich die Strukturen nicht ändern. Noch heute gilt: Wenn eine Frau arbeiten will, muss ihr Mann zustimmen. Wenn sie verreisen oder jemanden besuchen will, ebenfalls. Und wenn eine Frau nach einem Ehestreit aus dem Haus läuft, sich versteckt oder zu einer Freundin geht, dann muss sie vor Sonnenuntergang zurück bei ihrem Mann sein.

Gilt das für muslimische und christliche Frauen gleichermaßen? Oder gelten für jede Religion eigene Gesetze?

Farhat-Naser: Auch das Leben christlicher Frauen ist von der orientalisch-muslimischen Tradition geprägt, deswegen ist es ein gemeinsamer Kampf um Gleichberechtigung. Allerdings haben christliche Frauen größere Freiheit, Dinge zu kritisieren – ohne dass sie dafür etwas befürchten müssen. Daher haben wir Christinnen eine besondere Verantwortung, Missstände beim Namen zu nennen. Doch Sie müssen bedenken: Innerhalb der palästinensischen Gebiete machen wir Christen nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung aus. Dennoch ermutigen wir muslimische Frauen, zum Beispiel zur Interpretation ihrer religiösen Texte. Grundsätzlich gibt ihnen der Islam als Religion nämlich viele Rechte. Entscheidend ist die Interpretation. Wenn man will, findet man im Koran tolle, gerechte Interpretationen für Frauen, aber man kann auch Interpretationen erdenken, die Frauen unterdrücken. Das gilt übrigens auch für andere Religionen. Deshalb ist Bildung der Frauen so wichtig.

Welchen Einfluss haben Kirchengerichte?

Farhat-Naser: Die Kirchengerichte haben Souveränität, sie können Gesetze ändern. So hat das Kirchengericht der Evangelisch Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) ein neues Gesetz zum Erbrecht verabschiedet, nach dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Es ist seit 2015 in Kraft, einige Fälle wurden bereits danach entschieden. Vorher waren Frauen klar benachteiligt. Starb etwa der Vater von drei Töchtern, so erbten seine Witwe und die Kinder nur einen sehr kleinen Teil, der Großteil des Erbes ging an den nächsten männlichen Verwandten des Mannes – also an den Bruder oder an einen Onkel oder Cousin. Zwar waren die Männer nach dem alten Gesetz dazu verpflichtet, die Frauen und Kinder des Vertorbenen zu versorgen, nur ist das nicht immer geschehen. Nach dem neuen Gesetz geht das Erbe komplett an Ehefrau und Töchter. Das Gesetz der ELCJHL ist eine große Errungenschaft und bisher eine absolute Ausnahme. Die palästinensische Regierung hat es anerkannt. Doch die anderen Kirchen sind damit nicht einverstanden, weil es ein Bruch mit der orientalischen Tradition ist und weil viele Männer es nicht akzeptieren. Ich hoffe trotzdem, dass es Signalwirkung hat, auch wenn es nur für eine kleine Minderheit gilt.

Wie lange kämpfen Sie für die Rechte der Frauen?

Farhat-Naser: Schon mein Leben lang. Mein Großvater wollte mich verheiraten, als ich 14 war – doch ich wollte die Schule beenden und Abitur machen. Um mir das leisten zu können, habe ich in den Ferien gearbeitet, habe zum Beispiel die Internatswäsche gewaschen. Und ich habe für die älteren Mädchen dies und jenes erledigt, dafür haben sie mir ein Heft gegeben oder einen Kugelschreiber. Aufgrund der Fürsprache meiner Mutter und meiner Tante konnte ich dann nach Deutschland gehen und dort studieren. Ich habe neben der Universität gearbeitet, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, und habe immer Geld nach Hause geschickt und die Familie unterstützt. Schließlich hat auch mein Großvater meine Entscheidung respektiert und gesehen: Auch ein Mädchen kann die Familie versorgen und Verantwortung tragen. Und diesen Gedanken habe ich später in den Gruppen, mit denen ich gearbeitet habe, weitergegeben: Frauen können für ihre Rechte kämpfen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Sie können sich auch gegen Gewalt wehren. Indem sie diese nicht schweigend hinnehmen, sondern auf ihre Rechte aufmerksam machen – gemeinsam mit anderen Frauen. Dieses Thema war in meinem Leben immer präsent. Auch als ich an der Universität Biologie unterrichtet habe, habe ich zusätzlich mit den Studenten Projekte zur gesellschaftlichen Aufklärung durchgeführt.

"Du hast mir Mut gemacht, ich habe von dir gelernt, mich von niemandem provozieren oder demütigen zu lassen"

Gab es Solidarität von israelischen Frauenrechtlerinnen?

Farhat-Naser: Ja. Ich habe jahrelang mit israelischen Frauenrechtlerinnen gearbeitet. Es war eine sehr gute Arbeit, in der beide Seiten viel voneinander gelernt haben. Wir haben erkannt: Auf Basis der Gleichheit der Rechte und der Verantwortung ist so viel möglich. Wenn wir Ideologien loslassen, können wir gemeinsame Prinzipien erarbeiten, die gut für beide Seiten sind. Leider ist diese Arbeit seit zwölf Jahren nicht mehr möglich. Wegen der politischen Situation, wegen der Mauern. Wir können uns nicht mehr treffen. Wir schreiben uns ab und an, aber es gibt keine Aktivitäten mehr, mit denen wir die Situation verändern könnten. Viele der israelischen Frauen sind müde geworden, enttäuscht, einige verlassen das Land. Einige wollen sich nur noch ausruhen. Wir in Palästina können uns das nicht leisten. Niemand kann sich vorstellen, wie schlimm unsere Situation geworden ist. Auch viele Israelis können sich das nicht vorstellen. Es gibt so wunderbare israelische Friedens-Frauen aber auch Männer, die jahrzehntelang für eine friedliche Lösung des Konflikts gekämpft haben. Doch zurzeit haben wir auf beiden Seiten das Gefühl: Alles war vergebens.

Aber Sie lassen sich nicht entmutigen. Wie schöpfen Sie immer wieder Kraft für Ihre Arbeit?

Farhat-Naser: Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen mit unseren Menschen arbeiten und dafür sorgen, dass sie seelisch nicht zerknicken, dass sie nicht radikal werden, dass sie nicht die Hoffnung aufgeben. Ich versuche, Mädchen und Frauen, aber auch Männer zu ermutigen. Dazu, dass sie trotz allem Ideen und Pläne für ihr Leben entwickeln. Dass sie freudige Sachen bewusst erleben, denn das ist es, was uns am Leben hält. Durch meine Bildungsarbeit erreiche ich hunderte Schüler, Studenten und ihre Mütter. Es ist wunderbar, wenn ich die jungen Frauen auf der Straße treffe und sie mir sagen: "Du hast mir Mut gemacht, ich habe von dir gelernt, mich von niemandem provozieren oder demütigen zu lassen." Ich sehe also: Es kommen Menschen nach mir, die führen meine Arbeit weiter. Aber für mich ist es angesichts der Situation kein gutes Gefühl, mit meiner Arbeit abzuschließen. Es ist kein Ausruhen, wenn ich aufhöre, es ist eine Qual. Deshalb werde ich dranbleiben. Und die Kraft wird mir gegeben, so wie sie allen gegeben wird, die an einen möglichen Frieden glauben. Ich weiß, ich werde von Anderen und auch von Gott begleitet – und das ist der Segen.