Die Vorkämpferin

Ungewöhnliche Frauen, starke Geschichten: Regisseurin Margarethe von Trotta wird 75
Regisseurin Margarethe von Trotta.

Foto: dpa/Caroline Seidel

Regisseurin Margarethe von Trotta.

"Ich will Filme machen, solange ich atmen, denken und laufen kann. Ich habe noch Ideen." So energisch äußerte sich Margarethe von Trotta vor rund zwei Jahren. Sie gilt als eine der wichtigsten Figuren des deutschen Kinos, hat mit Porträts starker Frauen wie "Rosa Luxemburg" (1986) oder "Hannah Arendt" (2013) beeindruckt. Am 21. Februar wird sie 75 Jahre alt. Die Regisseurin wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt im November mit dem Helmut-Käutner-Preis der Stadt Düsseldorf - als "profunde Chronistin deutscher Geschichte", wie es in der Begründung heißt.

Margarethe von Trotta hat fürs Kino wie fürs Fernsehen gearbeitet, ist in Italien und Frankreich so bekannt wie in Deutschland. Erlebt man sie bei öffentlichen Auftritten, beeindruckt die Frau mit den eleganten Outfits und dem eindringlichen Blick durch eine unglaubliche Energie.

Schon mit 20 wollte sie Regie führen. Aber erst mit 35 war es soweit. "Eine lange Zeit, eine lange Geduld", sagt Trotta über diese Jahre. Die Geduld hat sich ausgezahlt. Mit feinem Gespür für Widersprüche in Politik und Gesellschaft drehte sie Filme wie "Die bleierne Zeit" (1981), "Heller Wahn" (1983) und den ersten großen Film über den Mauerfall, "Das Versprechen" (1995).

Trotta will Regie führen

Geboren wurde Margaretha von Trotta in Berlin, mitten im Krieg, im Winter 1942. Sie war ein Siebenmonatskind, Tochter des Malers Alfred Roloff und der Aristokratin Elisabeth von Trotta. Und dazu das uneheliche Kind einer Staatenlosen. "Meine Mutter kam aus einer deutsch-baltischen Familie, die in Moskau lebte und 1920 nach der Revolution weg musste." Roloff starb 1951.

Margarethe wuchs in Düsseldorf auf. Ihr Leben ist von Ortswechseln geprägt. Berlin, München, Rom und Paris, wo sie heute lebt, sind die wichtigsten Stationen.

Die Filmregisseurin Margarethe von Trotta während der Dreharbeiten zu "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" im Februar 1975 in Kö†ln.

Schon mit 18 zieht es Trotta nach Paris, sie begeistert sich für das junge französische Kino, die Nouvelle Vague. Sie wird Schauspielerin, führt eine kurze Ehe, bekommt 1965 einen Sohn, Felix Moeller. Er hat sich als Historiker und Dokumentarfilmer ("Die Verhoevens") profiliert.

Erste Meriten als Schauspielerin erwirbt Margarethe von Trotta sich Anfang der 70er Jahre in Fernsehserien wie "Der Kommissar" und im Neuen deutschen Film, bei Herbert Achternbusch ("Das Andechser Gefühl", 1974) und Rainer Werner Fassbinder ("Warnung vor einer heiligen Nutte" (1970/71).

Aber Trotta will Regie führen, eigene Drehbücher verfilmen. Unterstützung findet sie bei dem Regisseur Volker Schlöndorff, ihrem zweiten Ehemann. Sie steht bei ihm nicht nur vor der Kamera, in "Strohfeuer" (1972) und "Der Fangschuss" (1976), sondern schreibt auch am Drehbuch mit. Co-Regie führt sie bei "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975).

"Bei ihm durfte ich an allem beteiligt sein. Von der ersten Idee übers Drehbuchschreiben, die Schauspieler- und Motivsuche bis zum Drehen, Schneiden und Mischen - also am ganzen gedanklichen und praktischen Vorgang", sagt Trotta über Schlöndorffs Bedeutung für ihre Karriere. Der erste eigene Film entsteht 1977/78, "Das zweite Erwachen der Christa Klages" - die Geschichte einer Kosmetikerin, die aus Frust zur Bankräuberin wird.

Es sind die 70er Jahre, die Zeit von RAF-Terror und Radikalenerlass. Und es ist die Zeit einer erstarkenden Frauenbewegung, der die Regisseurin durchaus kritisch gegenübersteht. Trotta zeigt Frauen, die kämpfen, auch leiden, sich in komplexen Beziehungen verstricken, wie "Schwestern oder die Balance des Glücks" (1979), "Die bleierne Zeit" (1981) oder "Heller Wahn" (1983).

"Die bleierne Zeit", in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, erzählt von der angepassten Juliane und der aufmüpfigen Marianne - beide unverkennbar nach dem Vorbild der Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin gestaltet. "Rosa Luxemburg" (1986), ist dann das erste einer Reihe historischer Frauenporträts. Die Hauptrolle spielt Barbara Sukowa. Sie ist auch Hauptdarstellerin in "Vision - aus dem Leben der Hildegard von Bingen" und in "Hannah Arendt" (2013), der von der jüdischen Philosophin und politischen Theoretikerin erzählt, die als Beobachterin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem 1961 die Debatte um die "Banalität des Bösen" auslöste.

Eine persönliche Erfahrung gab den Anstoß zu Trottas jüngstem Film "Die abhandene Welt" (2015). Er erzählt von zwei Schwestern, die von der Existenz der jeweils anderen nichts wissen. Dass auch Margarethe von Trotta eine - ältere - Schwester hat, erfuhr sie erst nach dem Tod ihrer Mutter. "Familiengeschichten sind oft geheimnisvoll - wer fragt schon seine Eltern nach Dingen, die ihnen offensichtlich unangenehm sind."