Protestantische Erziehung ist der Weg zu sich selbst

Heute vor 85 Jahren starb Ferdinand Buisson: Vorkämpfer für Laizismus und Emanzipation in Frankreich
Ferdinand Buisson

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Ferdinand Buisson (1841 - 1932) bekam 1927 den Friedensnobelpreis.

Er war Protestant, Pädagoge und radikaler Sozialist: Heute vor 85 Jahren starb Ferdinand Buisson (1841-1932). Er hat im französischen Schulsystem die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt und Hochschulen geschaffen, an denen Frauen studieren konnten. Eine bewegte Lebensgeschichte, die bis heute nachwirkt.

Als protestantischer Franzose gehört Ferdinand Buisson zu einer religiösen Minderheit. 1868 ist er diplomierter Philosoph. In dieser Zeit regiert in Frankreich Kaiser Napoleon III. (1851-1870) und räumt der Katholischen Kirche (offiziell "Kirche der Mehrheit der Franzosen") im Bildungswesen weit reichende Kompetenzen ein: An den staatlichen Schulen des Zweiten Kaiserreichs  unterrichten viele Priester und Ordenslehrerinnen ohne elementares Pädagogik-Diplom. Der Klerus unterweist die Jugend nicht nur in der so genannten "Heiligen Geschichte", sondern bestimmt auch in den übrigen Schulfächern Lehrpläne und Methoden. Mädchen werden an den katholischen Schulen auf Heim und Herd vorbereitet. Die meisten Hochschulen nehmen keine Frauen auf.

Derweil unterrichtet Buisson im schweizerischen Neuchâtel. Als 1871 in Frankreich die Republik ausgerufen wird, kehrt  der Philosoph ins Vaterland zurück, wo ihn der neue Bildungsminister Jules Simon, ebenfalls Protestant, zum Inspektor für Primarstufen-Unterricht ernennt. Buisson will eine laizistische und kostenfreie staatliche Schule schaffen, an der nur noch Personal mit staatlicher Eignungsprüfung unterrichtet. Für alle Sechs- bis Dreizehnjährigen will er die Schulpflicht einführen. Dagegen läuft die Katholische Kirche Sturm: Wenn Buisson seinen Plan an den Staatsschulen umsetze, dann verlören alle nicht-diplomierten Priester und Ordenslehrerinnen ihre Anstellung. Moralisch befürchten die Konservativen noch Schlimmeres: Wenn demnächst alle Sechs- bis Dreizehnjährigen Zugang zu Schrift und Wissen haben, dann versinke die Gesellschaft in Chaos und Korruption.

Um dies zu verhindern, setzt Monseigneur Dupanloup den französischen Bildungsminister so sehr unter Druck, dass Buisson degradiert werden muss. Aber Buisson kämpft weiter und setzt seine Schulreformen durch: 1879 wird in jedem Département für die Ausbildung staatlicher Lehrerinnen eine so genannte Ecole Normale Féminine (Frauen-Normalschule) geschaffen. 1881 wird Schulbesuch kostenfrei, 1882 wird an den staatlichen Schulen der Laizismus eingeführt; Buisson selbst hat das Wort "laïcité" geschaffen. Die Kirchen sollen sich nicht mehr in die Personalfragen staatlicher Schulen einmischen noch der Staat in die Personalfragen der Kirchen. Buisson ersetzt das Fach "Heilige Geschichte" durch eine "Staatsbürger-Kunde", und jeder Lehramts-Anwärter der Primarstufe muss fortan mindestens ein Elementar-Diplom vorweisen. Im selben Jahr führt Buisson für alle Sechs- bis Dreizehnjährigen die Schulpflicht ein.

Buisson gründet die Ecoles Normales Supérieures (Höhere Normalschulen) von St.-Cloud und Fontenay-aux-Roses bei Paris, wo die erste Generation staatlich-laizistischer Lehrer ausgebildet wird. Dass Buisson den konservativen Attacken die Stirn bieten kann, verdankt er nicht zuletzt auch seinen protestantischen Mitstreitern: Félix Pécaut (1828-98) ist an der Gründung der Normalschule von Fontenay mit beteiligt, Jules Steeg (1836-98) übernimmt deren Inspektion. Madame Jules Favre bildet Hochschullehrerinnen an der Normalschule von Sèvres aus, Jules Ferry arbeitet mit Buisson das Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche aus, das 1905 mit den Stimmen zahlreicher Protestanten parlamentarisch verabschiedet wird.

Revolutionär: An den Normalschulen von Fontenay und Sèvres werden jetzt systematisch Frauen ausgebildet. Damit verändert sich ab den 1880er Jahren geradezu das Lebensgefühl der Frauen in Frankreich: Als Hochschulabsolventinnen steigen sie jetzt in die höheren Berufe auf, mit eigenem Budget werden sie von der Männerwelt unabhängig, finanziell und geistig. Schließen in den Naturwissenschaften von 1866-82 in ganz Frankreich 32 Frauen mit dem Diplom Baccalauréat  ab und nur drei mit einer "Lizenz" (dem Vordiplom des Magisters), so beträgt ihre Zahl in der Zeit von 1888-99 allein 84 (Baccalauréat) und 20 (Lizenz). 1911 arbeiten am Pariser Gericht die ersten Anwältinnen, die ersten Pharmazeutinnen haben ihre Tätigkeit aufgenommen. 1907 zählt Frankreich insgesamt dreiundachtzig Doktorinnen der Medizin. 1900 gibt es in ganz Frankreich 401 Studentinnen (drei Prozent aller französischen Studenten), zehn Jahre später sind sie bereits 2.121 (12 Prozent), 1935 schließlich 9.200 (28 Prozent). Bereits Ende des 19. Jahrhunderts sind in Frankreich 22 Prozent der Gymnasiastinnen protestantisch.

Der Protestantismus spielt bei der Neuordnung des Schulwesens in der Dritten Republik eine herausragende Rolle: Sieben von 34 neu geschaffenen Pädagogik-Lehrstühlen an den Universitäten sind von Protestanten besetzt (Buisson selbst unterrichtet ab 1896 Pädagogik an der Sorbonne), zehn Prozent der Lehrer sind Protestanten, 25 Prozent der Schulleiter.

Woher kommt das besondere Interesse der Protestanten an Bildung und Wissenschaft?

Als religiöse Minderheit sehen sich die französischen Protestanten als Volk des Buches und der Diaspora – ähnlich den Juden. Seit der Zeit des Reformators Jean Calvin haben sie eine besondere Gewandtheit im Umgang mit Zeichen ausgebildet, geldlichen und kulturellen. Zu diesem Selbstverständnis kommt Martin Luthers Grundsatz, dass jeder Gläubige zur Priesterschaft berufen ist, also in der Lage sein muss, die Bibel selbst zu lesen und auszulegen. Die Wertschätzung überträgt sich auf die Wissenschaft im Allgemeinen, und darum vertrauen die Protestanten darauf, dass der Zugang zum Wissen wohltuend wirkt. Besonders in der Dritten Republik sind die Protestanten Importeure und Übersetzer von Ideen und Einflüssen, vor allem aus den angelsächsischen Ländern, Skandinavien und Deutschland. Dadurch stehen sie Kant (1724-1804) näher als Chateaubriand (1768-1848). Im Mittelpunkt protestantischer Erziehung steht der Weg zu sich selbst hin: "Du wirst eines Tages du selbst sein", lautet eine Maxime Buissons. Eine andere: "Gute Erziehung stärkt zuerst den Willen." Das Ideal ist der selbstständige individuelle Mensch, der seine Entscheidungen selbst fällt und die Vernunft gebraucht.

Der Einfluss der Protestanten ist in der Dritten Republik so stark, dass die anti-republikanische Rechte klagt, eine "jüdisch-protestantische Allianz" regiere den Staat. Der Nationalist Ernest Renauld wettert in seinem Buch "Die protestantische Gefahr", die laizistische Schule sei in Wahrheit durchsetzt von den Konzeptionen einer religiösen Minderheit. Wenn der Name Buisson heute auch nicht  mehr jedem auf Anhieb ein Begriff ist, so wirken Buissons Reformen in der französischen Gesellschaft bis heute nach: Heute sind in Frankreich 90 Prozent der Frauen berufstätig, Buissons Erziehungsgrundsätze sind in der französischen Gesellschaft Allgemeingut geworden.