TV-Tipp: "Die Diva, Thailand und wir!" (ARD)

11.1., ARD, 20.15 Uhr: "Die Diva, Thailand und wir!"
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Das Kunststück des Films besteht darin, die Titeldiva als Frau einzuführen, die sich durch eine fast schon pathologische Ich-Bezogenheit auszeichnet; und dieses Bild schließlich in Frage zu stellen.

Dieser Film ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie souverän ARD und ZDF in ihren Fernsehfilmen mit einem Stoff umgehen, der vor zwanzig Jahren allenfalls als Drama verfilmt worden wäre; wenn überhaupt. Über den eher an einen Freitagsfilm erinnernden Titel "Die Diva, Thailand und wir!" lässt sich streiten, aber er ist das richtige Signal: Die Komödie erzählt erfrischend respektlos und mitunter sehr böse, wie eine Frau ihre lästige Mutter beim gemeinsamen Familienurlaub in einem thailändischen Seniorenheim entsorgen will; der Arbeitstitel lautete treffenderweise "Thailand sehen und sterben".

Das Drehbuch von Aglef Püschel und Franziska An der Gassen wirkt zunächst wie eine finstere Variation der Mutter/Tochter-Komödie "Mama geht nicht mehr" (kürzlich im ZDF). Das Kunststück des Films besteht darin, die Titeldiva als Frau einzuführen, die sich durch eine fast schon pathologische Ich-Bezogenheit auszeichnet; und dieses Bild schließlich in Frage zu stellen. Wie in vielen Geschichten dieser Art erfolgt die Läuterung der Hauptfigur dennoch etwas plötzlich, aber dank Hannelore Elsner fällt das nicht weiter ins Gewicht: Als eine der letzten deutschen Filmdiven ist sie die perfekte Besetzung für die Opernsängerin, die Zeit ihres Lebens stets nur an sich und ihre Karriere gedacht hat. Kein Wunder, dass Tochter Susanne (Anneke Kim Sarnau) der Meinung ist, dieser Frau, die sie früh in ein Internat abgeschoben hat, nichts schuldig zu sein, und aus der Haut fährt, als ausgerechnet Anneliese ihr Erziehungsratschläge gibt.

Seniorenheim der Insel reinstes Paradies

Die Handlung beginnt ähnlich wie Uwe Jansons Kinofilm "Auf das Leben!" (2014) mit einer Zwangsräumung. In Jansons Drama spielt Elsner ebenfalls eine Sängerin, hier wie dort hat sie auch Gesangseinlagen, aber damit enden die Parallelen: Als Anneliese Behrens nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus kommt, wird ein Gehirntumor entdeckt; ihr bleiben noch maximal zwei Jahre. Sie ist zwar kein Pflegefall, braucht aber rund um die Uhr jemanden in der Nähe, weshalb Susanne sie zu sich nehmen soll. Anneliese verschweigt ihr jedoch die Wahrheit und berichtet stattdessen von einem "kleinen Schlaganfall". Ihre Tochter will die Winterferien samt Familie in Thailand verbringen, und weil sie auf die Schnelle keine Pflegekraft findet, muss die Mutter notgedrungen mit.

Schon allein die Konfrontation dieser beiden Charaktere ist ein darstellerischer Genuss, schließlich prallen mit Elsner und Sarnau zwei Schauspielerinnen aufeinander, die das richtige Potenzial für die Powerfrauen haben. Für beide schließt sich in gewisser Weise ein Kreis: 2001 haben sie in Stefan Krohmers Regiedebüt "Ende der Saison" schon einmal Mutter und Tochter verkörpert. Auch damals spielte Elsner eine todkranke Frau, die die letzten Lebenstage bei ihrer Tochter verbringen will; Sarnau bekam damals für erste Hauptrolle den Deutschen Fernsehpreis. In "Die Diva, Thailand und wir!" ist die Konstellation allerdings eine ganz andere; mit diebischer Freude haben Püschel und An der Gassen Situationen ersonnen, in denen sich Anneliese und die kontrollsüchtige Susanne, die ihre Mutter bloß "die Callas" nennt, nichts schuldig bleiben. Nicht minder eindrucksvoll ist allerdings die Leistung der Dritten im Bunde: Die junge Lina Hüesker hält sich als 13-jährige Tochter Leni in den bösen Dialogduellen mit Elsner vortrefflich. Die drei weiblichen Generationen lassen derart die Funken sprühen, dass Marcel Mohab als Susannes Mann Frank kaum zur Geltung kommt. Immerhin ist er präsent genug, um die moralische Instanz der Geschichte zu verkörpern: Als Susanne rausfindet, dass es in Thailand als Ehre gilt, sich um alte Menschen zu kümmern, weshalb das Seniorenheim der Insel das reinste Paradies und außerdem auch noch erschwinglich ist, meldet sie Anneliese kurz entschlossen hinter deren Rücken dort an.

Verblüffende Auflösung

Obwohl Frank seine Schwiegermutter nicht ausstehen kann und anfangs lieber einen Auftragskiller als eine Pflegekraft besorgt hätte, ist er schockiert von der Kaltblütigkeit, mit Susanne ihre Mutter entsorgen will. Nicht zu Unrecht macht er sie darauf aufmerksam, was für ein Vorbild sie damit für die eigenen Kinder sei, und spätestens jetzt schlägt der Film auch andere Töne an, ohne jedoch belehrend zu werden. Um den moralischen Diskurs aber mogelt sich das Drehbuch trotzdem herum, denn nun ereignet sich beinahe buchstäblich über Nacht die angesprochene Läuterung: Nachdem sich die Eltern zerstritten haben und Frank in ein Zelt am Strand umgezogen ist, macht sich Leni heimlich aus dem Staub, um eine Vollmondparty zu besuchen. Als es sie auf dem Weg dorthin mächtig gruselt, taucht als rettender Engel ausgerechnet Anneliese auf. Die beiden besuchen die Party gemeinsam, haben einen Riesenspaß und stellen fest, dass die andere eigentlich gar nicht so übel ist. Das gleiche Erlebnis haben kurz drauf Anneliese und Susanne, die nach dem Verzehr halluzinogener Drogen eine wilde Nacht erleben. Das Familienglück scheint gerettet; bis der Manager des Seniorenheims auftaucht, als Susanne im Kleiderschrank ihren Rausch ausschläft, und Anneliese mitteilt, soeben sei ein Platz freigeworden.

Neben den bösartigen Dialogen zeichnet sich der Film durch liebevoll zusammengestellte Details aus. Das Bett des Sohnes von Frank und Susanne zum Beispiel ist ein Drachenmaul mit illuminierten Zähnen. Der kleine Paul (Luis Kurecki) überlässt der Oma großzügig sein Zimmer; sie revanchiert sich, indem sie dort ebenso unbeschwert vor sich hin raucht wie im Krankenhaus. Mit Leni wiederum liefert sie sich eine lautstarke "Music-Battle": LMFAO, laut Anneliese "Primatenmusik", vs. Arie; Ergebnis: unentschieden. Dass diese Frau, einsam, pleite und dem Tod geweiht, im Grunde eine höchst tragische Figur ist, gerät angesichts ihrer Arroganz ohnehin rasch in Vergessenheit, zumal Elsner der Frau mit Ausnahme einiger wehmütiger Blicke auf Fotografien aus ihrer glorreichen Vergangenheit auch keine Schwäche erlaubt. Immerhin ist ihr ein kleines Glück vergönnt, als sie auf der Insel einen sympathischen Österreicher (Karl Fischer) kennenlernt. Sehr clever ist auch die Idee, erst mal zu verschweigen, was in der wilden Nacht passiert ist. Es muss ein mittleres Ereignis gewesen sein, denn am nächsten Tag beglückwünschen wildfremde Männer Susanne zu ihrer Vorstellung. Die verblüffende Auflösung gibt es als Schmankerl zum Schluss. 

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