Medienkritiker Wolf: Medien müssen sich für Kritik des Publikums öffnen

Eine Fußgängerin und ihr Hund gehen in der Münchner Innenstadt an sechs Zeitungsständern vorbei.

Foto: dpa/Peter Kneffel

Die Medien in Deutschland müssen nach Ansicht des Medienkritikers Fritz Wolf viel stärker als bisher auf ihr Publikum zugehen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Für Leser und Zuschauer sei es heute wesentlich einfacher als früher, in Blogs, sozialen Medien und Online-Kommentarspalten öffentlich Kritik zu äußern, sagte Wolf.

Viele Redaktionen reagierten nur unwillig auf die neue Macht des Publikums. "Die Medien sind nach wie vor an das alte Modell von Senden und Empfangen gewöhnt", erklärte Fritz Wolf: "Sie sind nicht darauf vorbereitet, dass sich da jemand einmischt."

So hätten etwa die öffentlich-rechtlichen Sender sehr abwehrend auf die Publikumskritik an der Ukraine-Berichterstattung reagiert, sagte Wolf, der sich in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung mit der "Beziehungskrise" zwischen Medien und Publikum befasste. WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich habe erklärt, die Beschwerdeführer hielten die Redaktionen von ihrer journalistischen Arbeit ab. "Das ist kein Standpunkt, den die Sender werden durchhalten können", erklärte der Kritiker. "Denn diese Reaktionen werden nicht mehr weggehen, das Publikum wird sich weiter zu Wort melden."

Am ZDF ist nach Ansicht des Experten besonders deutlich zu spüren, wie schwer sich Journalisten mit der Forderung der Zuschauer nach mehr Beteiligung tun. Zwar habe der Fernsehsender schließlich eine "kleine Website für Korrekturen" eingeführt. "Aber selbst da merkt man einen gewissen Unwillen", sagte Wolf. "Da werden zwar Fehler korrigiert, aber man kann nicht behaupten, dass richtig auf das Publikum eingegangen wird." Weiter sei man hingegen bei der "Tagesschau", deren Redaktion täglich fast 1.000 Mails erhalte. Dort seien neue Stellen für Social-Media-Redakteure entstanden, die sich um die Eingaben der Zuschauer kümmerten.

Als guten Ansatz bezeichnete Wolf auch den zum "ARD-Check" erweiterten "WDR-Check". Allerdings sei die Auftaktsendung, in der sich die Intendanten Tom Buhrow und Lutz Marmor den Fragen von Zuschauern, Hörern und Usern stellten, wenig geglückt. "Das Ganze wirkte doch sehr von oben herab, sehr gesteuert", sagte er. "Man spürte förmlich die Angst der Sender, dass da etwas Unbotmäßiges auf sie zukommen könnte." Anstatt als Besserwisser aufzutreten, müssten Journalisten noch viel mehr Bereitschaft entwickeln, ihre eigene Arbeit umfassend offen zu legen. Potenzial für mehr Transparenz bietet dem Experten zufolge auch die Publikumsstelle des WDR, die allerdings bisher kaum bekannt sei.

Neben den Medien sehe er aber auch das Publikum in der Pflicht, sagte Wolf mit Blick auf Hassbotschaften und Hetze. "Ein zentraler Schlüsselpunkt lautet: Schluss mit der Anonymität", erklärte er. "Keine Pseudonyme, keine Fantasienamen. Wenn man miteinander spricht, dann muss man auch Gesicht zeigen. Sonst kann man nicht in den Dialog treten, sondern nur wüten."

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