Wie lange darf ich trauern?

Eine in schwarz gekleidete Frau sitzt im Regen an einem Flussufer und hält einen pinken Regenschirm über sich.

Foto: Getty Images/iStockphoto/kaspiic

Der Tod geliebter Menschen reißt ein Loch in das Leben der Hinterbliebenen. Manche trauern nur ein paar Wochen, bei anderen hingegen dauert es Jahre. Trauerexperten erklären, wie das Umfeld damit umgehen kann und welche Wege es für Betroffene zurück ins Leben gibt.

Das Kind stirbt bei einem Unfall, der Partner nimmt sich völlig unerwartet das Leben, eine schwere Krankheit reißt die beste Freundin in den Tod: Besonders bei plötzlichen Verlusten kann Trauer Menschen für lange Zeit aus der Bahn werfen. Doch Arbeitgeber, das private Umfeld und selbst die Schulmedizin erwarten häufig, dass Hinterbliebene nach einer gewissen Trauerzeit so schnell wie möglich wieder funktionieren. Aber hat Trauer überhaupt eine Dauer?

"Die Trauerphase hängt davon ab, wie eng oder kompliziert die Beziehung zum Verstorbenen war und wie unerwartet der Tod eingetreten ist", sagt der Psychologe und Trauertherapeut Roland Kachler. "Beim 90-jährigen Vater trauert man anders als beim 15-jährigen Kind." Gerade nach einem plötzlichen Todesfall verbringen Kachler zufolge die meisten Hinterbliebenen das erste Jahr im Schock. "Dann dauert es ungefähr drei bis fünf Jahre bis der Schmerz sich wandelt, aber eine gewisse Wehmut bleibt bei vielen dauerhaft zurück."

Im Mai 2013 erschien die fünfte Auflage des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", (DSM-5), ein diagnostischer Leitfaden der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft. Dieser Leitfaden empfahl intensive Trauer, die länger als zwei Wochen anhält, bereits als Depression zu behandeln. Kachler nennt das umstrittene Papier "schlichtweg Quatsch". Das forciere nur die Tendenz, Trauernde mit Tabletten zu beruhigen. "Da stehen finanzielle Interessen der Pharmaindustrie dahinter", sagt Kachler.

"Irgendwann lässt die Trauer nach"

Das sieht die Trauerseelsorgerin Tabitha Oehler auch so. "Solche Studien sollte man nicht allzu ernst nehmen", sagt sie. "Manche Menschen trauern ein Leben lang, ohne je depressiv zu werden." Oehler leitet die Trauerseelsorge des Evangelischen Dekanats Darmstadt-Land in Weiterstadt. Eine Trauerphase von drei bis fünf Jahren hält sie für normal. Bei Eltern, die ihr Kind verloren haben, seien auch bis zu zehn Jahre durchaus denkbar. "Irgendwann lässt die Trauer nach, aber dann besucht sie einen hin und wieder und man lernt, mit ihr umzugehen", sagt Oehler.

Manche Menschen kämen direkt nach der Beerdigung zu ihr in die Trauerseelsorge, andere erst nach vielen Jahren. "Die meisten suchen uns auf, wenn sie merken, dass ihre Trauer nicht nachlässt oder sogar schlimmer wird." Ein wichtiger Punkt ist in solchen Situationen die Bekämpfung der Einsamkeit. Deswegen bietet Oehler in der Trauerseelsorge neben Einzel- und Gruppengesprächen auch einmal im Monat einen Sonntagstreff für Trauernde an.

Auch sie betont die Individualität von Trauer - und dass Trauer deshalb nicht mit Fristen definiert werden kann. "Manche Patienten kommen sich verrückt vor, weil sie zum Beispiel nicht dem 'Phasenmodell' entsprechend trauern", erzählt Oehler. "Dadurch entstehen Selbstzweifel." Die Trauer selbst sei zwar gesund, aber unnötiger Druck könne krank machen, im schlimmsten Fall zu Depressionen führen.

Das 'Phasenmodell' der Schweizer Psychologin Verena Kast orientiert sich am Modell der Sterbephasen. Demnach durchlaufen Trauernde eine Abfolge von Phasen, in denen sie ihre Trauer bewältigen. Das beginnt mit der Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens. Die Hinterbliebenen erleiden einen Schock und leugnen den Verlust. Diese Phase soll bis zu einer Woche anhalten. Danach geht sie in die Phase der aufbrechenden Emotionen über, während der sich Gefühle wie Wut, Angst und Schmerz Bahn brechen. In der Phase des Suchens und Sich-Trennens bereitet sich der Trauernde innerlich auf ein Leben ohne den Verstorbenen vor. Zunächst suchen Hinterbliebene Orte auf, an denen die nahestehende Person gerne war oder übernehmen deren Gewohnheiten. Dann sprechen sie viel über den Verstorbenen oder treten mit ihm selbst in einen inneren Dialog. Zuletzt folgt die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs, in der sie den Tod der geliebten Person akzeptieren und ihn zu einem Begleiter werden lassen. Sie beginnen, sich wieder ihrem eigenen Leben zuzuwenden und es aktiv gestalten.

Einen Platz für den Toten im Leben finden

Roland Kachler hat sich selbst nach einem Verlust mit den Modellen der klassischen Psychologie auseinandergesetzt und gemerkt, dass sie den Bedürfnissen vieler Trauernder nicht gerecht werden: "Meistens geht es darum, den Verstorbenen loszulassen, aber für manche Angehörige kommt das einem Verrat gleich", sagt er. Also hat Kachler ein eigenes Modell entwickelt, in dem nicht das Loslassen im Zentrum steht, sondern das Bemühen, einen guten Platz für den Toten im Leben zu finden. "Ganz egal, ob im Herzen, in der Erinnerung oder im Himmel", erklärt Kachler. "Sonst geht der Verstorbene gleich zwei Mal verloren." Kachler schlägt beispielsweise vor, einen Brief zu schreiben an den Menschen, um den man trauert. "Darin kann man um Entschuldigung bitten, wenn einen vielleicht eine Mitschuld am Tod trifft", erklärt er. "Oder ich setzte mich dem Verstorbenen symbolisch auf einem Stuhl gegenüber und sage, was mir auf der Seele brennt." Letztlich sei zu klären: "Kann ich mich mit dem Segen der Verstorbenen auf das Leben einlassen?" Es geht ihm dabei nicht darum, den Tod zu verdrängen. "Man muss schon akzeptieren, was ist und sich allmählich damit arrangieren." So könne eine gelingende Beziehung entstehen, trotz bleibender realer Abwesenheit. "Der Platz am Tisch bleibt leer, das muss schmerzlich realisiert werden", betont Kachler.

Doch was, wenn dieser leere Platz ein Schreibtisch im Büro ist? Besonders am Arbeitsplatz kann der Umgang mit einem Trauerfall schwierig sein. "Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter aus den eigenen Reihen verstirbt oder Mitarbeiter einen Angehörigen verlieren, kann das Team bestürzt reagieren", sagt Annika Schlichting von der Trauerberatungsstelle Charon in Hamburg. "In so einem Fall beraten wir die Unternehmen, wie sie damit umgehen können."

Trauer darf am Arbeitsplatz kein Tabu sein

Auch Angestellte, die einen Verlust erlitten haben können sich an die Beratungsstelle wenden. "Auf der Arbeit wird erwartet, dass Menschen funktionieren", sagt Schlichting. "Bei einem Trauerfall sinkt die Leistung häufig." Die Sozialpädagogin rät zu einem offenen Umgang mit dem Thema. "Chefs sollten mit den Trauernden besprechen, was für diese momentan wichtig ist." Die Trauer dürfe kein Tabuthema sein. "Einem Arbeitgeber können ebenfalls die Worte fehlen, aber dann sollte er dies so mitteilen." Wenn ein trauernder Mitarbeiter seiner Arbeit nicht mehr nachkommen kann, sind etwa flexible oder reduzierte Arbeitszeiten eine Option, schlägt Schlichting vor. Für andere wiederum ist genau das Gegenteil eine Lösung. "Manchmal ist die Arbeit auch eine wichtige Stütze", erklärt Schlichting. "Sie bietet Halt und Normalität, wenn der Alltag aus den Fugen geraten ist." Auch Kollegen sollten offen damit umgehen. "Wichtig ist, das Thema anzusprechen", sagt Schlichting.

Für Betroffene selbst ist ein Ansprechpartner am Arbeitsplatz hilfreich. Das kann der Betriebsrat sein, die Sozialbetreuung, nahestehende Kollegen oder der Chef. "Auch die Trauernden sollten sich zutrauen, das Gespräch zu suchen", empfiehlt Schlichting. Falls keine dieser Möglichkeiten besteht, gibt es Beratungsstellen und Gesprächsgruppen, die helfen können. Umfangreiche arbeitsrechtliche Regelungen gibt es nicht. Im Todesfall eines nahen Verwandten können Betroffene nach § 616 des BGB Sonderurlaub "für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit" beantragen. Doch wie hilfreich ist diese schleierhafte Formulierung im Ernstfall?

"Auch eine Krankschreibung kann für einige Trauernde hilfreich sein", legt Schlichting nahe. Lohn erhält der Betroffene vom Arbeitgeber trotz Krankheit für maximal sechs Wochen. Das Thema Trauer am Arbeitsplatz gehöre bei allen Unternehmen auf die Agenda, plädiert Schlichting. "Es tut sich zwar schon einiges, aber es könnte noch mehr sein."

Prinzipiell gilt aber immer: "Trauernde Hinterbliebene müssen vor allem mit sich selbst Geduld haben", sagt Trauerseelsorgerin Oehler. "Ich darf in meiner Trauer tun, was ich für mich brauche, selbst wenn das bedeutet, dass ich mich manchmal ins Schneckenhaus zurückziehe." Die gleiche Geduld legt sie auch deren Angehörigen nahe. "Das Umfeld muss lernen zu akzeptieren, dass Trauernde oft untröstlich sind – denn genau das tröstet."