Diskussion über getrennte Unterbringung von Flüchtlingen

Nach einer Massenschlägerei in einem Flüchtlingslager im hessischen Calden ist die Diskussion über eine nach Ethnien und Religionen getrennte Unterbringung wieder aufgeflammt. Statistiken zu Motiven von Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften gibt es bisher nicht, auch nicht für die Schlägerei in Calden.

Die Gewerkschaft der Polizei forderte am Montag, Flüchtlinge stärker nach Ethnien und Religionen zu trennen. Polizeikollegen stellten "vermehrt weltanschauliche Motive" bei Streitigkeiten unter Flüchtlingen fest, sagte der stellvertretende Gewerkschaftschef Jörg Radek dem Evangelischen Pressedienst (epd). Konkrete Zahlen konnte er allerdings nicht vorlegen: "Es gibt zurzeit kein statistisches Material."

In Bezug auf die Schlägerei in Calden zitierte die "Hessisch Niedersächsische Allgemeine" am Montag den zuständigen Polizeisprecher, wonach es keine Hinweise auf religiöse beziehungsweise kulturelle Gründe gebe. Anlass der späteren Prügeleien sei eine Auseinandersetzung zwischen einem 18-Jährigen und einem 80-Jährigen an der Mittagessenausgabe gewesen: Der junge Mann habe sich vorgedrängelt, der Ältere habe sich darüber aufgeregt.

Das hessische Sozialministerium denkt nun über Deeskalation nach. Möglich wäre es beispielsweise, bei der Essensausgabe künftig gruppenweise vorzugehen, sagte Esther Walter, Pressesprecherin des hessischen Sozialministeriums, dem epd. Bei der Unterbringung selbst werde versucht, auf eine Trennung der Flüchtlinge nach Herkunft zu achten, um Zwischenfälle zu vermeiden, sagte Walter. Allerdings sei dies bei den steigenden Asylbewerberzahlen eine Herausforderung. Am Montag befanden sich nach Angaben des Ministeriums 17.772 Personen in den hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen.

"Die Enge macht aggressiv"

In Darmstadt habe das Land zudem eine Stelle eingerichtet, die ausschließlich allein reisenden Frauen vorbehalten sei, sagte Walter. Auch Polizeigewerkschafter Radek sprach von "Übergriffen auf Frauen".

Eine getrennte Unterbringung nach Religionen wäre ein "Armutszeugnis für die Bundesrepublik als Aufnahmeland und ein falsches Signal an die Schutzsuchenden", widersprach die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, den Forderungen. Nicht Glaubens- oder Kulturfragen, "sondern die qualvolle Enge in völlig überfüllten Flüchtlingsunterkünften" sei die Ursache für Konflikte, sagte sie.

Keine Chance auf die Realisierung einer getrennten Unterbringung sieht nach Angaben des Mitteldeutschen Rundfunks Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft: Der Vorschlag scheitere an der Masse der Menschen und der "Kompliziertheit der Ethnien und Religionen".

Die Hauptursache für Streitigkeiten bis hin zu Prügeleien in Flüchtlingsunterkünften sieht auch Radek von der Gewerkschaft der Polizei nach wie vor in den beengten Verhältnissen: "Die Enge macht aggressiv." Schon das Anstehen an der Essensausgabe oder vor der Toilette könne ein Anlass für Streit sein. Solche Auseinandersetzungen könnten allerdings in Streit über "religiöse und weltanschauliche Fragen" münden. Das würden Betroffene zwar "nicht unbedingt zugeben, aber die Wahrscheinlichkeit ist da", sagte der Gewerkschafter.

An der Schlägerei auf dem Gelände des alten Flughafens Calden am Sonntag waren Hunderte Flüchtlinge beteiligt, überwiegend Pakistaner und Albaner. Nach Polizeiangaben wurden 14 Menschen verletzt. In dem Lager sind rund 1.500 Menschen aus 20 Nationen untergebracht. Mitte August war die Erstaufnahmestelle in Suhl (Thüringen) in die Schlagzeilen geraten: Bei einer Prügelei waren elf Asylbewerber und sechs Polizisten verletzt worden. Auslöser soll ein Streit über den Koran gewesen sein.