Weil sie endlich sein wollte, wer sie ist

Die transsexuelle Pfarrerin Dorothea Zwölfer berichtet über ihr Leben als Frau
Dorothea Zwölfer

Foto: Maria Irl

Dorothea Zwölfer ist Bayerns einzige offen lebende transsexuelle Pfarrerin. Bis sie sich vor ihrer Frau und ihrer Gemeinde outen konnte, vergingen Jahrzehnte. Inzwischen setzt sich die Pfarrerin für die Rechte transsexueller Menschen ein - und kann endlich diejenige sein, die sie schon immer war, aber nicht sein durfte.

Dorothea Zwölfer hieß früher Andreas. Pfarrerin ist sie aber noch immer. Im April 2013 erzählte sie in einem Gottesdienst im niederbayerischen Neufahrn im Dekanat Landshut ihrer damaligen Gemeinde, dass sie transsexuell ist. Sie änderte offiziell ihren Namen und ist jetzt Bayerns bisher einzige offen lebende transsexuelle Pfarrerin.

"Ich habe permanent gegen mich selbst angekämpft, und jetzt ist der Kampf weg", erzählt sie gegenüber evangelisch.de von der Zeit rund um ihr Coming-out. Damals war sie 49 Jahre alt. "Mein Leben ist anders, aber es ist nun stimmig." Den großen Leidensdruck, ein Mann sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können, verspüre sie nicht mehr. Das neue Lebensgefühl sei schwierig zu beschreiben: "Es gibt Farben, Licht und Blumen", die sie früher so nicht gesehen habe. Als Mann habe sie es gehasst, Krawatten und Anzüge anziehen zu müssen. "Die habe ich als erstes aus dem Kleiderschrank aussortiert, nachdem feststand, dass ich als Frau leben werde."

Seit rund zwei Monaten ist die Personenstandsänderung amtlich. Gemäß den Vorgaben des Transsexuellengesetzes durfte Dorothea Zwölfer ihren Vornamen ändern und neue Dokumente beantragen - Personalausweis, Bankkarten, Führerschein.

Eine Personenstandsänderung geht nicht einfach so, zumindest in Deutschland. Per Gesetz ist eine psychologische Begutachtung durch zwei Sachverständige vorgeschrieben. Wer im falschen Körper steckt, muss also gegenüber den Gutachtern nachweisen, dass das auch wirklich so ist. Eine medizinische Diagnose bekommen Transsexuelle erst nach einer begleitenden Therapie. Andernfalls übernehmen die Krankenkassen keine Kosten für eventuelle Hormonbehandlungen und weitere Schritte zur Geschlechtsangleichung. Die nötigen Fristen und Schritte schreiben die Krankenkassen genau vor. Es ist ein restriktiver Umgang mit Menschen, die eigentlich auf der Suche nach Hilfe sind. 

Facebook ermöglicht es, nicht alleine zu bleiben

Ihre Erfahrungen mit diesem Prozess haben Dorothea Zwölfer und andere Transsexuelle im Internet miteinander geteilt. Facebook ist für die Transsexuellen ein hilfreicher Ort, um sich auszutauschen, oft unter Pseudonymen. Das soziale Netzwerk ist "ein Instrument der Freiheit", sagt Pfarrerin Zwölfer. Ohne den Austausch mit anderen Betroffenen wäre ihr das Coming-out auch gegenüber ihrer Frau erheblich schwerer gefallen: "Das Wichtigste ist, dass man nicht alleine bleibt mit der Thematik", rät sie.

Aus den gemeinsamen Erfahrungen von Transsexuellen ist die Waldschlösschen-Erklärung entstanden, die unter anderem eine Reform des Transsexuellengesetzes fordert. Dorothea Zwölfer erklärt das sogenannte "Landshuter Modell", den Vorläufer der Erklärung, mit zwei Kernaussagen: Namen- und Personenstandsänderungen sollen ohne Gutachten und Vorbedingungen möglich sein. Und Transsexualität soll im Krankheitsindex ICD der Weltgesundheitsorganisation nicht mehr als psychologische Krankheit, sondern als angeborene Fehlbildung des Körpers kategorisiert werden.

Denn es steckt nicht eine falsche Seele im richtigen Körper, sondern der Körper ist der falsche für das sogenannte "Gehirngeschlecht". Dieses wissenschaftliche Konzept sei in der deutschen Fachliteratur noch nicht ausreichend angekommen, aber es habe ihr sehr geholfen, sagt Dorothea Zwölfer: "Akzeptanz kann ich nur dann erwarten, wenn ich den Leuten erklären kann, dass das, was ich bin, nichts mit einer Wahl oder Lifestyle zu tun hat, sondern mit einem medizinischen Leidensdruck, weil mein Gehirn weiblich ist und nur mein Körper männlich." Inzwischen spricht sie auch auf Veranstaltungen öffentlich darüber, wie jüngst bei einer Tagung des Evangelischen Bildungswerks in Regensburg.

"Wir wollen keine von St. Pauli"

Transsexuell zu sein habe nichts mit Laune, Spiel oder einer Entscheidung zu tun, erklärte sie ihren Zuhörern dort. Und ergänzt gegenüber evangelisch.de: "Man macht das nicht, weil man jemand anders sein möchte, sondern weil man der sein möchte, der man ist." Sie erzählt, wie sie schon als Kind traurig war, dass sie nicht schwanger werden könnte.

In ihrer ehemaligen Gemeinde in Neufahrn teilten sich Dorothea Zwölfer mit ihrer Frau, selbst Pfarrerin, eine Pfarrstelle. Ihre Frau hatte sich entschieden, bei ihr zu bleiben, aber es war für beide nicht leicht. Seit Mitte 2013 hat Pfarrerin Zwölfer neue Aufgaben im Dekanat Landshut übernommen, und bis heute ist sie froh und dankbar darüber, dass die bayerische Landeskirche weiter zu ihr steht. Denn beim Outing ihrer Transsexualität wisse keine, wie es weitergeht mit dem Partner, der Familie, Freunden oder der Arbeit.

Im Vergleich zu anderen Transsexuellen, die in der Wirtschaft arbeiteten, sei das Coming-out in der evangelischen Landeskirche noch leicht gewesen, berichtet sie. Inzwischen wird ihre Frau auf Tagungen von Angehörigen ebenso um Seelsorge gebeten wie Dorothea Zwölfer selbst von Betroffenen.

Aber nicht jeder akzeptiert die Pfarrerin. "Bei einer Beerdigung wurde ich abgelehnt mit der Begründung: Wir wollen keine von St. Pauli", obwohl sie nun wirklich nicht vorhatte, in High Heels und Drag-Kostüm die Beerdigung abzuhalten. Auch habe jemand sein Kind nicht von ihr taufen lassen wollen, weil sie mit ihrer Transsexualität angeblich kein Vorbild sein könne. "Das ist doch absurd", sagt Dorothea Zwölfer. Sie selbst hat lange gebraucht, um ihr Selbstbewusstsein als Frau bis hin zum Coming-out zu finden. Aber "wenn sich keiner wehrt, wird sich nichts ändern" - und so wird die Pfarrerin weiter dafür kämpfen, dass Transsexuelle nach ihr es leichter haben, immer und überall sie selbst zu sein.

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