Die Schuld-Frage

Seit dem Bundestagswahl-Abend wird (bis hin zum Bundespräsidenten!) diskutiert, ob das Fernsehen die AfD "groß gemacht" hat. Jedenfalls sind die Medien in einer Stöckchen/Furz-Falle gelandet. Ein Ausweg könnte darin bestehen, statt der vielen austauschbaren Talkshows mal wieder mehr Bundestag zu wagen.

Der Wahlausgang bewegt Deutschland erheblich mehr als es über weite Strecken der Wahlkampf tat (vgl. Ausgabe 1 dieser Medienkolumne), und die "Berliner Runde" am Wahlabend war spannender als das TV-Duell der Kanzlerkandidaten Anfang September. Einer live gestellten Aufforderung eines der versammelten "Elefanten" wird in großem Umfang nachgekommen. "Darüber wird in den nächsten Wochen auch noch zu diskutieren sein: in welchem Ausmaß die beiden öffentlich-rechtlichen Sender in den letzten Wochen massiv dazu beigetragen haben, nicht die AfD klein zu machen, sondern groß zu machen", sagte der CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann (der aufgrund der Wahlkreis-Landeslisten-Mechanik, durch die der neue Bundestag zum zweitgrößten Parlament der Welt wird, selbst nicht dort einziehen kann).

Sind die Medien und besonders die Talkshows schuld am relativen Erfolg der AfD? Darüber wird nun viel diskutiert: in Leitartikeln, die den guten alten Rat geben, nicht über jedes Stöckchen zu springen; in weiteren Talksendungen, in denen statt "Stöckchen" "Furz" gesagt wird; vom "Berliner Runde"-Comoderator und ZDF-Chefredakteur Peter Frey in eigener Sache in seinem Sender; im ZDF-Fernsehrat demnächst auch. Und sogar vom Bundespräsidenten, der der "Zeit" sagte: "wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert" (und dabei so wirkt, als hätte er sich in den vergangenen Monaten gründlich mit sinnvolleren oder schöneren Dingen als der deutschen Medienberichterstattung beschäftigt).

Wer das doch ein wenig getan hat, weiß, dass rund um das Thema seit Jahren diskutiert wird. Gut möglich, dass die "Berliner Runde"-Moderatoren am Wahlabend das TV-Duell im Hinterkopf hatten und Angst, ähnlich kritisiert zu werden wie dessen Moderatoren, deren Fragestellung ja auch schon AfD-Begünstigung vorgeworfen worden war. Vielleicht haben die "Runde"-Moderatoren genau deshalb in jedem zweiten Satz, den sie an den anwesenden AfD- Vertreter Jörg Meuthen richteten, ihre kritische Haltung zum Ausdruck gebracht. Und so lauter "Fragen, mit denen man gegen die AfD nur verlieren kann" (Stefan Niggemeier bei uebermedien.de), gestellt und schon wieder dazu beigetragen, die AfD groß zu machen. Zumindest hatte Meuthen es relativ leicht, souverän zu wirken.

"In die Fresse"

Natürlich hat jeder Massenerfolg mit medialen Mechanismen zu tun, so wie diese mit Erfolgen und Misserfolgen zusammenhängen. Die regelmäßig aufbrandenden Empörungswellen bewirken häufig Reaktionen in einer Gegenrichtung, über die sich auch wieder empören lässt. Vorwürfe, dass AfD-Vertreter zu selten eingeladen und ihre Themen ausgeblendet würden, gab es eine Zeitlang ebenfalls, und auch sie konnten instrumentalisiert werden: als Beleg dafür, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen die AfD eben "klein halten" wolle. Vermutlich hatten die Moderatoren des TV-Duells solche Vorwürfe im Hinterkopf gehabt und ihnen entgegentreten wollen.

Alle Empörungswellen werden instrumentalisiert, und nicht einmal das ist per se schlecht, sondern Teil der Wahlkämpfe und Politik. Ein tagesaktuelles Beispiel bildet das "In die Fresse"-Zitat der neuen SPD-Hoffnungsträgerin Andrea Nahles, das im Fernsehbericht wie ein authentischer, vielleicht nicht besonders geglückter Versuch wirkt, mal umgangssprechlich statt staatstragend zu reden. Auf Twitter, wo die drei Worte entkontextualisiert zirkulieren, taugt es trotzdem für einen Trend und Vorwürfe an die SPD, sie  passe sich der AfD-Sprache an. Was wird haften bleiben?

Was dagegen hilft? Nicht anhand jedes Stöckchens zu betonen, dass nicht über jedes Stöckchen gesprungen werden muss, und präzise zu bleiben. Daran mangelt es zurzeit. "Nirgends – zumindest fühlt es sich so an – bleibt die ARD kurz nach 18 Uhr länger zu Gast als bei der Alternative für Deutschland", schrieb etwa die "taz" in ihrer launigen Wahl-Fernsehabend-Beschreibung und hieb damit wiederum in die Kerbe der Herrmann'schen ARD/ZDF-Kritik.

"Gefühlt" haben alle recht

Das mag so gewesen sein (und tatsächlich mit einer Entscheidung der AfD-Strategen zusammenhängen, anders als andere Parteien zur besten Fernsehzeit den Sendern schon eine Chefrede anzubieten, wie Jürn Kruse dann auch schreibt). Aber aufs Behelfswort "gefühlt" sollten Journalisten verzichten, erst recht in AfD-Zusammenhängen. Mit dem eigenen Gefühl als Maßstab haben immer alle recht, ohne argumentieren zu müssen – auch AfD-Anhänger und Rechtsextreme, wenn sie Hasskommentare absetzen.

Wer die AfD jetzt schon regelmäßig "rechtsradikal" nennt, wie es die "Süddeutsche" seit einiger Zeit tut, ist vielleicht engagiert, aber auch nicht präzise. Gewiss lassen sich in der Partei und ihrem Umfeld viele Beispiele für rechtsradikale Tendenzen finden, die dann allerdings auch genannt werden müssten. In Talkshows (zum Beispiel der Anne-Will-Show nach der "Berliner Runde") werden als Argumente gegen die AfD immer wieder die gerade geläufigsten Alexander-Gauland-Zitate, zum Beispiel "jagen" und "entsorgen", zitiert. Dabei sollten doch zumindest Profis wissen, dass Gaulands Berater vorher überprüft haben, ob jemand anderes dasselbe in unanfechtbaren Zusammenhängen auch schon gesagt hatte (was das Jagen betrifft: der frühe Grüne Ludger Volmer). Wer auf diesem Niveau argumentiert, landet erstens doch wieder in der Stöckchen/Furz-Falle, indem er zur Noch-Weiterverbreitung eines vergleichsweise gleichgültigen Aufregers beiträgt. Und gerät zweitens mindestens in die Nähe von Verharmlosung.

"Das Gleiche ist, wenn wir zulassen, von Nazis zu sprechen. Ich glaube, dass das ziemlich geschichtsvergessen ist. Wir sollten das benennen, was ist", sagte jedenfalls einer der zurzeit besonnensten ARD-Vertreter, der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn (zum Deutschlandfunk). Wer schrieb von "Nazis"? Jakob Augstein bei "Spiegel Online" zum Beispiel, kurz vor der Wahl, ohne diese damit (psoitiv) zu beeinflussen. Vielleicht oder sogar wahrscheinlich werden sich AfD-Mitglieder im Bundestag rechtsradikal äußern. Es gebe "dutzende offen rechtsradikale Abgeordnete", kommentierte Mathias Müller von Blumencron (FAZ) in einem der klügeren Kommentare und prophezeite: "Wir werden Reden hören, die uns beschämen". Wer erst dann von "Nazis" schreiben oder reden wird, wird überzeugend wirken.

Selbstverständlich lässt sich an den Talkshows vieles kritisieren. Dass alle immerzu dasselbe diskutieren (aktuell Plasberg am Montag: "Wie regieren nach dem Debakel der Volksparteien?" und Maischberger am Dienstag: "Haben die Volksparteien ausgedient?", was Maybrit Illner heute abend mit "Wenn vier sich streiten – mit Jamaika in die Zukunft?" nur sehr leicht variiert). Sie blenden Themen aus, die schlechte Einschaltquoten hatten, und konkurrieren daher umso mehr untereinander um dieselben Gäste. Unzählige Wolfgang-Bosbach-Witze zeugen davon.

Vor neun Jahren hatte der inzwischen ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert ARD und ZDF aufgefordert, "lieber häufiger aus dem Bundestag senden, statt immer stärker auf Talkshows zu setzen". Das hatte wenig geholfen, und seit der Bundestagwahl 2013 haben die Sender recht damit gehabt, wenig aus dem Bundestag zu übertragen, weil Kontroversen zwischen der großen Koalition und der kleinen grün-roten Opposition im Parlament selten waren, sich in Talkshows dagegen programmieren ließen. Vielleicht auch deshalb, weil die Poltiker sich ihre besseren Formulierungen für Talkshows aufsparten.

Jetzt haben wir den größten Bundestag jemals mit sieben Parteien und Reden, die interessant werden dürften, sowohl, weil wir womöglich beschämt werden, als auch, weil es echte, sogar multilaterale Kontroversen geben wird. Das könnte für die Berichterstattung ein guter Neuanfang sein: wieder mehr aus dem Bundestag zu berichten und darüber präzise zu diskutieren, ohne Parteien groß machen oder klein halten zu wollen und ohne von wem auch immer geworfene Stöckchen aufzufangen, sondern mit präzisen Argumenten. Und dabei jedes der vielen Themen spiegeln, und nicht nur die, die der AfD oder dem Talkshow-Publikum liegen. Sondern gerade auch die anderen.