Der Trend geht rund

Heute geht es um 360-Grad-Medien, Virtual-Reality-Brillen und das "Kunstmedium" des Rundbild-Panoramas. In Lutherstadt Wittenberg wimmelt es erfolgreich, in Altötting ist ein älteres echtzeit-orientiert.

Nicht sehr vieles aus dem Jahr 1913 gilt weiterhin. Aber über das Rieplsche Gesetz können Medieninteressierte immer noch gut streiten. In dieser eigentlich grotesk tiefen Vergangenheit wurde zum Beispiel Wilhelm II., heute als mehr oder minder durchgeknallter letzter Kaiser bekannt, anlässlich seines 25-jährigen Thronjubiläums als "Friedenskaiser" gefeiert. Schließlich war sein Reich bis dahin an keinem einzigen Krieg beteiligt gewesen, aber drauf und dran, jener Exportweltmeister zu werden, der Deutschland aktuell auch wieder ist; und der Erste Weltkrieg begann erst im Jahr darauf. 1913 formulierte der Zeitungswissenschaftlter Wolfgang Riepl die These, dass "kein gesellschaftlich etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs von anderen Instrumenten, die im Laufe der Zeit hinzutreten, vollkommen ersetzt" wird" (Wikipedia). Also dass neue Medien alte Medien nicht komplett verdrängen.

Gedruckte Zeitungen wird es trotz Internet demzufolge noch lange geben, lautet die häufigste Auslegung des Gesetzes. Zwar stehen kaum noch irgendwo Faxgeräte herum, aber bei denen handelt es sich ja auch um reine Übertragungsgeräte, nicht um eine Mediengattung mit spezifischen Inhalten. Theaterstücke, Radiosendungen und Kinofilme dagegen laufen trotz Fernsehen und Internet tatsächlich immer noch, oft gut.

Und passt die Langlebigkeit von Schallplatten, die die alte Musikindustrie (kurz vor ihrem relativem wirtschaftlichen Untergang) zugunsten des neuen, hochpreisigen, angeblich unzerkratzbaren digitalen Tonträgers CD abschaffen wollte, nicht erst recht zum Thema? Über Riepls Gesetz streiten lässt sich jedenfalls, nicht zuletzt auch, weil der dynamische Medienwandel viele etablierte Medien alt aussehen lässt.

Ego-Shooter im All, Dome und Münster

Frisches Beispiel sind 360-Grad-Medien. Einerseits ist "360 Grad" gerade ein absoluter Trendname. Zum Beispiel heißt das Portal des MDR, auf dem seit dieser Woche das Altpapier erscheint, "Medien360G" – ein wenig wohl auch, weil sich das zuständige Landesfunkhaus Thüringen in Erfurt in der Gothaer Straße 36 befindet, aber natürlich schwingt die Assoziation von Rundum-Übersicht mit. "#WDR360", einer der öffentlich-rechtlichen Youtube-Kanäle für junges Publikum, heißt definitiv wegen der Übersichts-Anmutung so. Denn reine 360°-Videos bietet der WDR woanders an.

Bei solchen Angeboten, die man am besten mit "taucherbrillen-ähnlichen Geräten" wie den von einer Facebook-Tochter entwickelten "Oculus"-Headsets anschaut (sofern einem darunter nicht schlecht wird), ist der WDR vorn dabei: "Der Kölner Dom - wie ihr ihn noch nie erlebt habt" (dom360.wdr.de) gewann in diesem Jahr den Grimme Online Award. Ohnehin scheinen Kirchen in diesem Rahmen gut zu laufen: Dem Bonner Münster gilt das jüngste WDR-Projekt. Fürs 360-Grad-Medium schöpfen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Bestands- und Entwicklungsgarantie, die eben auch völlig neue Techniken einschließt, voll aus. Wobei es natürlich schön ist, dass für VR-Brillen außer "Ego-Shootern im Weltraum" auch Dome zur Verfügung stehen.

Auf einer völlig anderen Seite boomt 360° auch streng ortsgebunden und – analog. Über die Reformations-Jubiläums-Feierlichkeiten in Lutherstadt Wittenberg herrschen bekanntlich unterschiedliche Ansichten. Jedenfalls erfolgreich ist das "Luther 1517"-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, eines Berliners mit iranischen Wurzeln. Im neu errichteten Rundkuppel-Bau nahe beim Lutherhaus am Eingang zur Innenstadt ist auf 15 Meter hohen, insgesamt 1100 Quadratmeter großen Leinwänden die Wittenberger Innenstadt vor einem halben Jahrtausend zu sehen. Die Fülle von Details zieht Besucher in den Bann (einige so sehr, dass sie gleich mit Smartphones nicht nur Details fotografieren, sondern das Halbrund abfilmen). Über die Überwältigungsstrategie, die die Inszenierung durch Illumination und Tonspuren fährt, ließe sich vielleicht streiten. Immer wenn es Nacht wird, erklingt "Vom Himmel hoch", das zwar von Martin Luther stammt, aber ja doch ein Weihnachtslied ist. Luther selbst soll sich, sagte Asisi, so zehn- bis zwölfmal entdecken lassen.

Wimmelbild in Wittenberg, Echtzeit in Altötting

Als "Kunstmedium", wie der Künstler es nennt, funktioniert das Panorama-Wimmelbild. Auf Produktionsseite handelt es sich um eine komplexe, vor allem digital bearbeitete Mischung aus Techniken: Das Bild enthält sowohl fotografierte, zeitgenössisch kostümierte Darsteller als auch letzte Striche, die Asisi schließlich noch mit Wachsmalstiften zog (so zeigt ihn zumindest das Making-of-Video im Vorraum). Doch das Faszinosum ist überhaupt nicht digital reproduzierbar, sondern zieht Besucher an einen bestimmten, auratischen Ort an und veranlasst sie, elf Euro Eintritt zu bezahlen. Wie Asisi dazu kam, schreibt er in seinem Internetauftritt: "Er entdeckte die Kunstform 1993 neu, als er an der Ausstellung 'Sehsucht – Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts' in der Bundeskunsthalle in Bonn mitwirkte."

Tatsächlich ziehen weitere Beispiele aus älteren Epochen der Zeitgeschichte in Deutschland Menschen an entlegene Orte. Am bekanntesten dürfte Werner Tübkes Bauernkriegs-Monumentalgemälde sein, das weiterhin Besucher nach Bad Frankenhausen zieht, obwohl das bei der Auftragsvergabe geforderte Geschichtsbild der DDR (der Bauernkrieg als "frühbürgerliche Revolution") zurzeit kaum etwas gilt. Ruhiger als Asisis Wittenberg, wiederum mit sozusagen noch christlicher Thematik, entfaltet das "Jerusalem-Panorama" in Altötting seine Faszination. Es zeigt die Sterbestunde Jesu. Während Asisi sehr viel in sein Bild packt, nach eigenen Angaben rund 30 Jahre, darunter auch Hexenverfolgung und Bauernkrieg, bildet das Altöttinger Rundbild streng einen Augenblick im römisch besetzten Jerusalem ab. Eigentlich passiert, wenn man genau hinschaut (oder einfach seine Timeline öffnet), ja auch in Echtzeit genug, könnten sich Besucher denken ...

Natürlich profitiert das "Jerusalem-Panorama" davon, dass Altötting seit Jahrhunderten Ziel solcher Wallfahrten ist, die Martin Luther für den Protestantismus abschaffte (und auch davon, dass die Nähe zu Marktl am Inn, dem Geburtsort des "Wir sind Papst!-"Papstes, dort geschickt vermarktet wird). Aber als auratisches Kunstwerk überzeugt es ebenfalls, obwohl es überhaupt nicht digital hergestellt wurde. Der Maler Gebhard Fugel hatte es klassisch gemalt zu Zeiten Wolfgang Riepls und Kaiser Wilhelms: in den Jahren 1902 und 1903.

Gerade für Orte, die nicht unbedingt dauerhaft im Zentrum von Touristenströmen stehen, können solche Panoramen sinnvolle Attraktionen sein. Lutherstadt Wittenberg, dessen Altstadt-Restaurierung nach jahrelangen Arbeiten abgeschlossen wurde, braucht und verdient ja auch noch nach dem Reformations-Jubiläum Besucher. Insofern ist gut, dass das Panorama vorerst stehen bleiben wird.

Wobei auch im neuen Boom dieses alten Mediums Markt-Mechanismen greifen. Yadegar Asisi hat eine Menge weiterer Panoramen beziehungsweise "Panometer" errichtet; in Berlin gilt eines der Mauer, in Dresden abwechselnd dem Barock und der Weltkriegs-Zerstörung. Und ein Trend geht dahin, dass sie sich inhaltlich von den Aufstellungsorten abkoppeln: Das neueste Asisi-Panorama, nun in Leipzig, wird ab Oktober den Untergang der "Titanic" zeigen  – der mit Leipzig überhaupt nichts zu tun hat, außer dass er zu den Top-Topoi der globalisierten Unterhaltungsindustrie gehört, die halt überall funktionieren. Sonst wären es ja keine. So etwas gehört ebenfalls zu den schwer greifbaren, aber faszinierenden Gesetzmäßigkeiten der Medien.