Vom langen Leben der Feindbilder

 Montage aus religiösen Symbolen, Regenbogenfahne und mittelalterlicher Darstellung eines Teufelspaktes

Montage: Rainer Hörmann / "Compendium Maleficarum, 1608"/https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c8/CompendiumMaleficarumEngraving5.jpg

Antisemitische Übergriffe, Hass auf Schwule, Migranten als Sündenböcke - aktuelle Vorfälle geben Anlass zur Sorge. Die Menschenfeindlichkeit kann auf einen großen Vorrat an alten Vorurteilen zurückgreifen, der immer von Neuem gefüllt wird.

In einem Beitrag für den "Kölner Stadtanzeiger" setzt sich der ehemalige Radiomoderator Jürgen Domian mit dem jüngsten antisemitischen Übergriff in Berlin auseinander. Zwei junge Männer waren, weil sie eine Kippa trugen, von einem Arabisch sprechenden Mann attackiert worden. Domian findet klare Worte: "Wenn es so weitergeht; wenn Juden (oder auch Schwule) auf offener Straße verprügelt werden, weil sie sind, was sie sind – dann ist Deutschland nicht mehr mein Land, nicht mehr meine Heimat."

Nicht nur zieht Domian Parallelen zwischen Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit, er hat auch eine Schilderung früherer Zeiten parat: "Übrigens, wir waren in den 90er Jahren schon mal so weit, dass zwei Männer am Samstagabend entspannt Hand in Hand über die Kölner Ringe schlendern konnten. Heute sollten sie das nicht mehr wagen. Zu groß die Gefahr, eins in die Fresse zu bekommen." Und er benennt klar die seiner Meinung nach Verantwortlichen für den konstatierten Rückschritt: "Und das nicht von Nazis oder anderen Bekloppten, sondern von Männern, die selbst oder deren Eltern aus muslimisch geprägten Gesellschaften stammen. Aus Gesellschaften, in denen Schwulenhass, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus zum Alltag gehören."

Domian betont, dass der Islam "natürlich" zu Deutschland gehöre, solange alle sich nach dem Grundgesetz richten. Am Ende steht eine Aufforderung an Innenminister Seehofer, es doch zu richten. Als "Heimatminister" müsse er "dafür sorgen, dass wir unsere Heimat nicht verlieren".

Ich nehme den Beitrag von Jürgen Domian ernst, auch weil Domian nun nicht gerade als hetzerischer, sondern eher besonnener Redner sich einen Namen gemacht hat. Aber sein Pathos hinsichtlich "Heimat" ist mir fremd und schon gar nicht käme es mir in den Sinn, ausgerechnet nach Horst Seehofer zu rufen. Gefragt habe ich mich auch, ob es sinnvoll ist, Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit zusammenzubringen. Denn im Falle von Letzterer scheint mir - anders als beim Antisemitismus - ein bestimmtes Bild von Männlichkeit relevant, das sich in Abgrenzung zur Homosexualität inszenieren muss. Es scheint für Täter ein Weg, um sich nicht mit sich selbst und falschen (Selbst-)Bildern auseinandersetzen zu müssen. Dabei werden Feindbilder kultiviert und hier erst liegt eine Parallele zum Antisemitismus nah.

Wie bei vielen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bedient sich auch der Hass auf Juden und Homosexuelle aus einem über Jahrhunderte aufgebauten "Vorrat" an Vorurteilen, Klischees, Stereotypen, Unterstellungen, falschen Geschichten und Zuschreibungen. Es erschreckt gerade angesichts der jüngsten Übergriffe auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie hartnäckig sich Ressentiments halten und - eigentlich noch schlimmer - wie hartnäckig sich ein Denken (oder ist es eher ein Nicht-Denken?) hält, Ressentiments seien eine Rechtfertigung für Gewalt. Denn selbst wenn jemand dies und das in der Öffentlichkeit tut oder sich so oder anders kleidet, wie kommt es zu der Annahme, dies erlaube verbale oder körperliche Übergriffe?

Was mich aber noch weit mehr beunruhigt, ist der Umstand, dass dieser "Vorrat" an Vorurteilen und kollektiven Feindbildern (der Einzelne wird dabei stets für die Gruppe verantwortlich gemacht) weiter aufgefüllt wird. In diesem Zusammenhang sehe ich auch die jüngste Debatte um Preisverleihungen an antisemitische, frauenfeindliche und homophobe Musiker. Nicht ein einzelner geschmackloser Satz ist das Problem, sondern das dahinter stehende Weltbild, der Umstand, dass Musiker sich aus dem "Reservoir" bedienen und dabei Vorurteile nicht reflektieren und unterlaufen (wofür es ja auch Beispiele gibt), sondern - mit Unterstützung großer Plattenfirmen - kultivieren und tradieren.

Beunruhigend muss die ungeheure Popularität von islamistischen Propaganda-Videos im Internet, die neben der Kriegsverherrlichung Juden- und Homosexuellenhass wie Hass auf einen angeblich dekadenten Westen und auf Israel zelebrieren. "Das kursiert an den Schulen", wird Christoph Günther, Islamwissenschaftler und Leiter des Projekts "Dschihadismus im Internet" an der Mainzer Uni, in einem Artikel der "Allgemeine Zeitung" zitiert. "Und das nicht nur bei muslimischen Kindern."

Am Wochenende erst hat Margot Käßmann wieder darauf hingewiesen, dass sich für Homosexuelle viel in der evangelischen Kirche geändert hat. Und kürzlich hat sich selbst die bayrische Landeskirche durchgerungen, wenigstens die Segnung von homosexuellen Paaren zuzulassen. Diesen so wichtigen Signale, die den Abschied von jahrzehntelangen Vorurteile und falschen Unterstellungen markieren, stehen jene Bestrebungen entgegen, Ressentiments "am Köcheln" zu halten. Dazu zählen auch und gerade die jüngsten Äußerungen von Gloria von Thurn und Taxis. Man mag es als verschroben belächeln, was und wie sie gesellschaftliche Veränderungen als Teufelswerk geißelt; selbst der Mitbewerber katholisch.de musste ihre Auslassungen als Gefasel der Fürstin kommentieren. Aber es bleibt, dass - neben vielem anderen - erneut die Mär von der Frühsexualisierung gestreut wird und damit Klischee und Bedrohungsszenario vom (schwulen) Kinderschänder bedient werden.

Wie in christlich fundamentalistischen Kreisen versucht wird, Homosexualität erneut zu kriminalisieren, das zeigt ein aktueller Artikel auf queer.de: Ein bekannt gewordenes Strategiepapier zur "Wiederherstellung der natürlichen Ordnung" setzt auf Re-Aktivierung alter Stereotype und Begrifflichkeiten. So solle nicht von Homosexualität, sondern von "Sodomie" gesprochen werden. Den Mitgliedern eines Netzwerkes "Agenda Europe" wird geraten, Homosexualität als Gesundheitsrisiko darzustellen. Zitat: "Die gefährlichen Effekte der Dekriminalisierung von Sodomie sind unterschätzt worden. Das liefert starke Argumente für die Wiedereinführung von Gesetzen, die homosexuelle Aktivitäten unterdrücken."

In die Reihe der Beispiele, wie ein dumpfer Bodensatz an Vorurteilen gegenüber Menschen systematisch erzeugt werden soll, gehört nicht zuletzt auch eine parlamentarische Anfrage der AfD, die "in bösartiger Weise einen abwegigen Zusammenhang von Inzucht, behinderten Kindern und Migrantinnen und Migranten" herstelle, wie es in einer scharfen öffentlichen Replik von Sozialverbänden heißt.

Man mag das alles im Einzelnen für gering oder für Einzelfälle aus der Parallelwelt von fundamentalistischen Gruppen halten, aber all dies füllt den Vorrat an antisemitischen, frauenfeindlichen, homophoben, transphoben und ja: auch islamophoben Vorurteilen auf, der ein aggressives gesellschaftliches Klima begünstigt, das es erleichtert, letztlich und in einem (affektiven) Kurzschluss, Gewalt gegen andere Menschen, gegen Gruppen von Menschen als gerechtfertigt anzusehen.

Übergriffe und Gewalt gegen andere Menschen müssen konsequent bestraft und dürfen nicht verharmlost werden und auch nicht als Bagatellen im Archiv verschwinden. Mindestens so wichtig aber ist, den jahrhundertealten Sumpf an negativen Stereotypen und Zuschreibungen auszutrocknen und alle Versuche, ihn weiter zu füllen, müssen entlarvt und verurteilt werden. Das ist sicher nicht mit einer Aktion allein getan, sondern erfordert Ausdauer und Beharrlichkeit. Anfänge sind gemacht, aber sie müssen fortgeführt und nicht den medialen Zyklen von Aufregung und Vergessen bzw. Beschwichtigung überlassen werden. Der Kampf gegen jede Form gruppenbezogener Feindlichkeit ist umso überzeugender, wenn er neue gruppenbezogene Unterstellungen vermeidet. Mit Pauschalisierungen wie "die" Schwulen, "die" Muslime, "die" Israelis ist niemandem geholfen, mag ihre Einfachheit noch so verführerisch sein.

Orte, an denen aufgeklärt, erklärt und beharrlich für ein Ende vereinfachender Stereotype und bösartiger Zuschreibungen gestritten werden muss, sind Schulen, Vereinen, die Lieblingskneipe und nicht zuletzt die Kirchen!