Ein Rest Ängstlichkeit

Grafik des LSVD zu den Wahlprüfsteinen 2017

Grafik (Ausschnitt): lsvd.de/politik/bundestagswahl-2017/

Händchen halten in der Öffentlichkeit, ein Kuss - überall, jederzeit, gar in der Kirche? Der großen Akzeptanz von Homosexuellen stehen immer wieder einzelne Meldungen von Gewalt und Diskriminierung gegenüber. So richtig sicher können und sollen wir uns anscheinend nicht fühlen.

Das Neue Testament warnt uns davor, Angst zu haben - "und dies an mehr als achtzig Stellen!" Nachgezählt hat der Franziskanerpater Richard Rohr, um auf die Diskrepanz zwischen der Aufforderung, sich nicht zu fürchten, und der (medialen) Allgegenwärtigkeit von Angst in unserer Gesellschaft hinzuweisen. "Uneingestandene Angst", so schreibt er in einer Sammlung kurzer Meditationen, "erstickt Beziehungen, Offenheit und Liebe. Es ist fast unmöglich, für Nächstenliebe und Gerechtigkeit einzutreten, solange wir vor allem und jedem Angst haben. Dadurch sind wir verschlossen und defensiv und nicht dazu in der Lage, dem Augenblick zu vertrauen. Besorgnis ist wahrscheinlich das treffendere Wort für diese Art von ungerichteter Angst und permanentem Selbstzweifel. Der dadurch ausgelöste innere Tumult nimmt unser Leben gänzlich in Beschlag."

Es waren die Wahlprüfsteine des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), die mich an die Äußerungen Rohrs erinnerten. Die erste Frage, die im Vorfeld der Bundestagswahl vom LSVD an politische Parteien gestellt wurde, lautet nämlich: "Wie wollen Sie dafür sorgen, dass LSBTI auch im Alltag an jedem Ort offen und angstfrei leben können?" Man kann die sehr unterschiedlichen Antworten von CDU, SPD, Grünen, Linke und AfD auf der Internetseite des LSVD (Link) nachlesen.

Anfang August wies das Bundesinnenministerium auf die erneut gestiegene Zahl der (erfassten) Straftaten gegen Lesben, Schwule und Transgender hin. Allein in der ersten Hälfte diesen Jahres waren es 130 Straftaten, darunter allein 33 Gewaltdelikte. Sollte man sich also nicht fürchten? Wenn in Berlin die gestiegene Zahl der Verbrechen gegen Homosexuelle vermeldet wird, wie etwa vom "RBB" im Mai, dann findet sich stets auch ein Zitat von Maria Tischbier, Ansprechpartnerin für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI) bei der Berliner Polizei, die darauf hinweist, dass mehr Strafanzeigen nicht bedeuten müssen, "dass prinzipiell mehr passiert, sondern dass mehr Menschen zur Polizei kommen und Taten zur Anzeige bringen". Das ist so sachlich wie wenig hilfreich, tröstlich schon gar nicht. Aber zumindest Letzteres ist auch nicht unbedingt die Aufgabe der Polizei.

Die Bedrohung von Homosexuellen und Transgender ereignet sich in einem erstaunlichen gesellschaftlichen Umfeld. Denn nie gab es hierzulande gesamtgesellschaftlich mehr Akzeptanz und Unterstützung. Trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) wird immer versucht, Zweifel und Warnhinweise zu streuen - auch von christlicher Seite. Da geht es dann nicht um Verbrechen, um Straftaten in einem juristischen Sinn; da ist Angst nicht unmittelbar Bedrohung von Leib und Leben, sondern es geht um jene Angst, die die Seele aufisst, um das beständige Aufrechterhalten von Besorgnis und Unsicherheit. Es sind Nadelstiche, kleine Hiebe, die einen Rest an Furcht und Zweifel aufrechterhalten, die, um es mit Richard Rohr zu formulieren, Menschen das Vertrauen nehmen sollen. Wie kann dies im Rahmen der Kirche geschehen?

Jüngstes Beispiel für das Schaffen einer Atmosphäre, in der sich Homosexuelle nicht sicher fühlen können, ist das Mobbing gegen den schwulen Jugendwart Jens Ullrich, das auch evangelisch.de mit einer Meldung aufgriff. Mehrere Kirchengemeinden aus dem Erzgebirge hatten dem 54-Jährigen nach seiner Verpartnerung wegen "nicht bibeltreuer Lebensweise" ein Predigt- und Begegnungsverbot mit Jugendlichen erteilt. Pfarrer Jörgen Schubert ließ es sich nicht nehmen, einen wenig freundlichen Vergleich zu formulieren. "Wenn einer eine Mehlstaub-Allergie hat, dann kann er auch nicht Bäcker werden." Aber er könne ja als Friedhofsgärtner arbeiten (zitiert nach queer.de) Das ist keine Einladung an Lesben, Schwule und Transgender, sich in der Kirche zu engagieren. Eher schon eine verächtliche Warnung. Zugleich erhält Jens Ullrich auch Unterstützung und selbst der sächsische Landesbischof Carsten Rentzig hat sich, so "Tag24", eingeschaltet und dem Gemiedenen "den Rücken gestärkt".

Ein dritter Aspekt, der dazu beiträgt, ein Gefühl von Angst und Besorgnis hierzulande wach zu halten, selbst wenn man davon nicht unmittelbar betroffen scheint, sei noch kurz erwähnt, weil man sich der Wirkung kaum entziehen kann: Weltweit mehren sich erschreckende Nachrichten von Verfolgung von Homosexuellen, wie etwa in Tschetschenien, oder aber auch "nur" die Zurückdrängung von Schwulen und Lesben aus dem öffentlichen Leben. Russland ist dafür ein trauriges Beispiel. Es gibt noch viel zu viele Länder, in denen Homosexuelle und Transgender allen Grund zur Furcht haben. Und doch finden sich auch hier immer wieder Mutige, die sich dem entgegenstellen, die Kraft finden, sich ihren Ängsten und denen, die Angst verbreiten, zu stellen.

Fürchtet euch nicht? Wie das vom LSVD formulierte Ziel, "an jedem Ort offen und angstfrei" leben zu können, erscheint mir auch die verkündigte christliche Zuversicht (oder Aufforderung) manchmal ein bisschen utopisch. Es macht allerdings die Aufgabe, sich den Ängsten sowohl einzeln als auch gemeinsam, im Kleinen wie im Großen zu stellen und sie zu überwinden - auch und gerade im Raum und mit Unterstützung der Kirche - nicht obsolet.