Wie lässt sich gendergerecht vom Teufel sprechen?

Höllenspaß

Foto: Stefan Bayer/ pixelio.de

"Für eine sanfte Revolution der Sprache" - Wolfgang Schürger berichtet von einem spannenden Podium während des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Berlin.

"Liebe Leser dieses Blogs" - uups, kommt jetzt gleich die Sprachpolizei und führt mich ab, weil ich die Leserinnen vergessen habe? Aber wo bleiben dann die Inter- und Transsexuellen zwischen Lesern und Leserinnen? Im Gender-Gap ("Leser_innen") oder im Gender-Stern ("Leser*innen")? Das kann ich zwar schreiben - aber geht das auch gesprochen?

Diese kleine Einleitung markiert schon die thematische Breite des Podiums "Für eine sanfte Revolution der Sprache", das Franz Kaern-Biederstedt für das Regenbogenzentrum des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin (24.-28.5.2017) organisiert hatte. Dass mit Berhard Lassahn ein ausgewiesener Kritiker der Gender-Debatte auf dem Podium saß, sorgte für eine lebendige Diskussion, die Friedemann Magaard gekonnt moderierte.

Er sei nicht gegen die Veränderung von Sprache, betonte Lassahn gleich zu Beginn, aber solche Veränderung müsse auf natürlichem Wege durch die Sprachgemeinschaft geschehen und nicht durch genderpolitische Vorgaben. "Es geht hier nicht um political correctness in der Sprache, es geht um politische Sprache. Wir haben doch quasi eine Sprachpolizei, die darauf aufpasst, dass Sie gendergerecht schreiben!" Aus dem Publikum wurde diese Feststellung durch Hinweise unterstrichen, dass es an Universitäten bereits Punktabzüge für Seminararbeiten gebe, die nicht gendergerecht formuliert sind. Leider blieb diese These undiskutiert im Raum stehen.

Gendergerechte Sprache macht Menschen sichtbar, die vorher verborgen waren, betonte dagegen Martin Leutzsch, Professor für Neues Testament an der römisch-katholischen Fakultät der Uni Paderborn. "Wir wissen, dass es zur Zeit Jesu durchaus üblich war, dass auch Frauen die Herden hüteten. An Weihnachten werden also sicherlich auch Frauen unter den Hirten gewesen sein. In der 'Bibel in gerechter Sprache' sprechen wir daher von den 'Hirtinnen und Hirten auf dem Felde'." Ein römisch-katholischer Theologe, der leidenschaftlich für Gender-Gerechtigkeit eintritt und für sich beansprucht, den Gender-Gap auch in der gesprochenen Sprache einer Vorlesung deutlich machen zu können - ganz sicher die zweite Überraschung auf diesem spannenden Podium! Sprache prägt Wirklichkeit und Wirklichkeit bildet sich in der Sprache ab - darüber waren sich alle einig. Einige Frauen aus dem Publikum brachten eindrücklich zum Ausdruck, wie inklusive Sprache in der Liturgie oder eben in der Bibel in gerechter Sprache ihren eigenen Glauben und ihre eigene Spiritualität duetlich beflügelt: "Endlich fühle ich mich wahr- und ernstgenommen als Frau in meiner Kirche!" Ob es da nicht immer noch unterschiedliche Ost-West-Wahrnehmungen in Deutschland gebe, wollte freilich eine andere wissen: "Im Osten war es für uns völlig selbstverständlich, dass nach der Aussage 'Der Arzt kommt gleich.' mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine Ärztin kommen könnte." Bernhard Lassahn griff diese Aussage gerne auf und verband sie mit dem Hinweis, dass es in der deutschen Sprache nun einmal ein "generisches Maskulin" gebe und die (maskuline) Genusbezeichnung ("der Lehrer") eben nichts über das natürliche Geschlecht der angesprochenen Person aussage. Wer im Internet die Heftigkeit der Debatte um dieses generische Maskulin recherchiert, zieht einmal mehr den Hut vor Friedemann Lagaard und seiner hervorragenden Art, das Podium zu moderieren.

Natürlich blieb Lassahns Aussage nicht unwidersprochen - weder von Gesine Agena, der frauenpolitischen Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen, noch von Andrea Lassalle. Die Germanistin griff Lassahns Argument der natürlichen Sprachentwicklung auf und zeigte, dass in dieser Entwicklung auch Differenzierungen verloren gehen können: "Ich war selber überrascht, als ich vor einigen Jahren bei meinen Forschungen festgestellt habe, dass es im Hochmittelalter völlig normal war, auch von der 'Gästin' zu sprechen." Gesine Agena betonte die Machtverhältnisse, die durch ein generisches Maskulin festgeschrieben werden: "Frauen blieben ausgebeutet, Frauen bleiben schlechter bezahlt - gerade in den Berufsgruppen, in denen sie durch ein generisches Maskulin wie den "Krankenpfleger" oder den "Lehrer" unsichtbar gemacht werden."

Dass auch die für viele fast schon vertraute inklusive Sprache Wirklichkeiten nur unzureichend, nämlich binär, wiedergibt, führte eine weitere Person auf dem Podium deutlich vor Augen: René_ Hornstein, Vorstand im Bundesverband Trans*. "Ich kann mich keinem Geschlecht zuordnen", sagt René_ - und macht das schon mit seinem Erscheinungsbild sichtbar: Die eine Gesichtshäfte mit deutlichem Bart, die andere Hälfte rasiert. "René_ hat mir wunderbar vor Augen geführt, wie bunt und vielfältig die Welt Gottes ist.", schwärmt eine heterosexuelle Freundin nach der Veranstaltung. "Als Pfarrerin auf dem Land erlebe ich so eine Vielfalt nur selten." Wie aber René_ ansprechen? Friedemann Magaard gibt zu, dass er das lange üben musste. "Lieber René_" wäre ja unpassend, aber einfach nur "René_"? Oder "Hallo René_"? René_ selber sagt, dass der Freundeskreis eine Vielzahl von zum Teil sehr kreativen Anreden gefunden hätte. "Das ist unglaublich wohltuend, zu sehen, wie liebevoll die mit mir umgehen. Wenn aber Leute, die mich nicht so gut kennen, mich mit 'Lieber René_' ansprechen, dann ist das durchaus in Ordnung, aber auch 'Hallo René' ist für Emails ja eine sinnvolle Möglichkeit. Manche weichen auch auf das englische 'dear' aus..." In der Diskussion um Möglichkeiten, binäre Sprachformen zu überwinden, zeigten Podium und Publikum in gleicher Weise große Kreativität. Der Vorschlag, wo immer möglich auf das Partizip auszuweichen, also von Mitarbeitenden anstatt von Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen, blieb allerdings nicht unwidersprochen: "Wenn der Mitarbeiter vor der Tür steht und Zigarette raucht, dann ist er auch kein Mitarbeitender, weil er ja gerade nicht arbeitet.", protestierte Bernhard Lassahn.

Am Ende einer spannenden Diskussion blieb damit nicht nur die Beobachtung, dass der Teufel auch in der Bibel in gerechter Sprache weiterhin nur männlich ist, sondern auch die Feststellung, dass Denken, Sprache und Wahrnehmung von Wirklichkeit eng miteinander verbunden sind - und die Vielfalt der Wirklichkeit in Sprache oft nur unzureichend zur Abbildung kommt.

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