Wenig Liebe zwischen Kunst und Kirche: Symposion kritisiert Documenta-Chefin

Teilnehmer eines kirchlichen Kunst-Symposions haben am Wochenende das Konzept der Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev kritisiert. Der Kunstbegriff der Documenta sei seltsam entgrenzt, kritisierte die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bahr.

Zwar kämen alle möglichen Bereiche von der Quantenphysik über die Philosophie bis hin zur Botanik in der Ausstellung vor, die Religionswissenschaft fehle jedoch. Stattdessen gebe es eine Wiederbelebung von animistischen und gnostischen Träumen, ohne dass die aufklärerische Kritik an diesen Phänomenen berücksichtigt werde, sagte Bahr auf einem Treffen in Hofgeismar.

Christov-Bakargiev schreibe der Kunst eine religiöse Funktion zu, so Bahr bei dem Symposion "Das FEST (der LIEBE zur KUNST)". Sie solle versöhnen und heilen sowie auf eine andere Welt hinweisen. "Das ist der ästhetische Versuch der Ersetzung der Religion durch die Künste", sagte Bahr. Ungeachtet dessen hätten Kunstwerke jedoch eine "visionäre Kraft". Deshalb sollten sich Besucher nicht von dem Programm der künstlerischen Leiterin beirren, sondern von den Kunstwerken "an der Nase herumführen" lassen, sagte Bahr in der Evangelischen Akademie Hofgeismar.

Der Kunstbetrieb kann von Paulus lernen

Der kurhessische Bischof Martin Hein äußerte sich zum Streit um eine kirchliche Begleitausstellung des Künstlers Stephan Balkenhol in der katholischen Kasseler Sankt Elisabethkirche. Ob man angesichts der massiven Weigerung Christov-Bakargievs, eine solche Begleitausstellung zuzulassen, noch von Liebe zwischen Kunst und Kirche sprechen solle, hänge davon ab, was man unter Liebe verstehe, sagte Hein bei einer Abendveranstaltung des Symposions in Kassel.

Unter Hinweis auf einen Bibeltext des Apostels Paulus über die Langmütigkeit der Liebe verwies Hein auf die große Toleranz, die bei Paulus durchschimmere. "Von der kann man auch seitens des Kunstbetriebes einiges lernen."

Trotz der merklichen Distanz der künstlerischen Leiterin zu den Kirchen arbeitet die Documenta nach Ansicht des kurhessischen Bischofs "mit religiösen Unter- und Obertönen". So trage beispielsweise der Katalog den Titel "Buch der Bücher" und die Programmformel laute "Trauma und Heilung".

Das Konzept unterscheidet nicht zwischen Mensch, Tier und Sache

Kritik am künstlerischen Konzept der Documenta-Chefin kam auch vom Karlsruher Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich. Dass Christov-Bakargiev keine grundlegenden Unterschiede mehr mache zwischen Menschen, Tieren und Dingen, verstünden die Besucher nicht, sagte Ullrich in der Evangelischen Akademie Hofgeismar.

Zur Weltkunstausstellung seien rund 100 Arbeiten von Christov-Bakargiev extra in Auftrag gegeben worden, erläuterte Ullrich. Mit ihnen habe sie das Nichtmenschliche in den Vordergrund stellen wollen. Viele Besucher seien aber so sehr von ihrer Liebe zur Kunst bestimmt, dass sie diese eigentliche Intention der künstlerischen Leitung nicht erkennen würden. "Der eigentliche Skandal der Documenta 13 ist, dass es keinen Skandal gibt", sagte Ullrich.