"Moonrise Kingdom": Wenn Kinder sich verlieben

"Moonrise Kingdom": Wenn Kinder sich verlieben
Ähnlich wie die Gebrüder Coen gehört Wes Anderson zu den amerikanischen Filmemachern, die sich von Hollywood nicht vereinnahmen lassen und ihren ganz eigenen, persönlichen Stil kultivieren. Zu Filmfestspielen in Cannes hat Anderson nun seinen neuen Film "Moonrise Kingdom" mitgebracht. Ein Interview.

Schon in der melancholischen High-School-Komödie "Rushmore" (1998) zeigte Anderson seine Vorliebe für leicht entrückte Charaktere, die sich der Profanität der gesellschaftlichen Wirklichkeit verweigern. Es folgte die schräge Familienchronik "The Royal Tenenbaums" (2001), der maritim-philosophische Abenteuerfilm "Die Tiefseetaucher" (2004) und das äußerst unterhaltsame Indien-Roadmovie "Darjeeling Limited" (2007) um drei ungleiche Brüder auf Selbstfindungskurs sowie der Animationsfilm "Der fantastische Mr. Fox" (2009).

In seinem neuen Film "Moonrise Kingdom", der in diesem Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnet, entwirft Anderson nun eine melodramatische Liebesgeschichte, um zwei Zwölfjährige. Auf einer Insel vor der Küste Neuenglands Mitte der sechziger Jahre reißen der hoch begabte Pfadfinder Sam (Jared Gilman) und die sehr belesene Rechtsanwaltstochter Suzy (Kara Hayward) aus, um in der freien Natur ihr Glück jenseits der Erwachsenenwelt zu suchen.

Mit von der Partie auf der prominenten Besetzungsliste sind Edward Norton als Leiter des Pfadfinderlagers, Bruce Willis als Insel-Sheriff, Frances McDormand und Bill Murray als ebenso besorgtes wie zerstrittenes Elternpaar, Tilda Swinton in der Rolle der militanten Sozialarbeiterin und Harvey Keitel als Kommandant des Pfadfinder-Hauptquartiers.

"Moonrise Kingdom" erzählt eine Liebesgeschichte im Pfadfindermilieu. Waren Sie als Kind selbst bei den Pfadfindern?

Anderson: Ich war etwa vier Monate dabei, habe es jedoch nicht geschafft, mir irgendein Abzeichen zu verdienen. Es hat mir Spaß gemacht, aber ich war einfach nicht sonderlich begabt in diesen Dingen.

Ist das der Grund, warum Sie die Pfadfinder in Ihrem Film mit dieser ungewöhnlichen Mischung aus Ironie und Respekt betrachten?

Anderson: Ich mag schon allein den Ausdruck "Pfadfinderbewegung" - das hört sich doch schon ungeheuer altertümlich und bedeutungsvoll an. Es stimmt natürlich, dass man bei dem Wort Pfadfinder nicht gleich an Leute wie James Dean denkt. Es ist sicher nicht das Coolste, was man als Jugendlicher machen kann. Aber eigentlich ist es eine gute Sache. Wenn man sich bei den amerikanischen Pfadfindern auf der Leiter ganz nach oben zum "Eagle Scout" hochgearbeitet hat, muss man schon einiges leisten. Bill Clinton und eine Menge anderer beeindruckender Persönlichkeiten waren "Eagle Scouts". Selbst dem coolsten Lead-Sänger in einer Punk-Band flößt ein echter "Eagle Scout" Respekt ein. Das sind Leute, die als Teenager Dinge gelernt haben, die wir heute einfach nicht mehr drauf haben.

In Ihrem Film spielt Harvey Keitel den "Eagle Scout", und der ist mindestens so cool wie James Dean…

Anderson: Ja, und man glaubt es kaum, aber Harvey Keitel war als Kind selbst bei den Pfadfindern. Ich kenne Harvey Keitel schon seit 15 Jahren und wollte immer einmal mit ihm machen, aber irgendwie hat es nie geklappt. Normalerweise würde man denken, dass ein Mann wie er sich nicht für so einen kleinen Cameo-Auftritt hergibt. Der Hauptgrund für seine Zusage war, dass er sich der Geschichte aus nostalgischen Gründen verbunden fühlte.

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Warum haben Sie die Geschichte in den sechziger Jahren angesiedelt?

Anderson: Das war weniger eine durchdachte, konzeptionelle Entscheidung. Am Anfang des Films stand das Musikstück "The Young Person's Guide to the Orchestra” von Benjamin Britten und die Stimme des Jungen, der auf dieser Schallplatte die Musik und das Orchester erklärt. Daraus hat sich die Geschichte langsam entwickelt und weil diese Musik und der Klang dieser Stimme aus den Sechzigern stammen, bin ich auch mit meiner Erzählung in dieser Ära gelandet. Erst später, als ich die Geschichte drum herum gebaut hatte, habe ich festgestellt, wie gut dieses Setting dazu passte. Die Insel etwa, auf der die Geschichte spielt, war bis Mitte der Sechziger eine Sommerkolonie. Dann haben sie eine Brücke zum Festland gebaut und heute ist es eigentlich gar keine Insel mehr, sondern eine Vorstadt von Newport. Der Film zeigt somit auch ein Stück von Amerika, das heute nicht mehr existiert.

Die Echos der Kindheit sind in vielen Ihrer Filme sehr präsent. Was hat Sie dazu verleitet, sich nun mit "Moonrise Kingdom" direkt auf eine Geschichte mit zwei Kindern als Hauptfiguren einzulassen?

Anderson: Ich wollte schon seit langem einen Film über eine Romanze zwischen zwei Kindern drehen, in der die beiden ihre Liebe zueinander so ernst nehmen, dass die Erwachsenen nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Die Eltern sind geschockt, weil sich die Kinder mit ihren radikalen Emotionen ihrer Kontrolle entziehen. Ich hatte mich einfach in die Idee verliebt, dass die beiden zusammen ausreißen und ihr Glück selbst in die Hand nehmen.

Wie riskant ist es, einen Film auf die Schultern von zwei so jungen, unbekannten Schauspielern zu legen?

Anderson: Die Arbeit mit Kinderdarstellern ist für mich nicht einfacher oder schwerer als mit erwachsenen Schauspielern. Das Schwierige ist, das richtige Kind für die Rolle zu finden. Wir haben ein Jahr lang an Schulen überall im Land nach unseren Hauptdarstellern gesucht. Die beiden hatten ein wenig Schultheater gemacht, aber noch nie in einem Film mitgespielt.

Ihre Filme zeichnen sich in der Ausstattung immer durch eine Unmenge an sorgfältig ausgewählten Details aus. Wie entwickeln Sie diese Setkompositionen?

Anderson: Sobald ich eine Grundidee für einen Film habe, beginne ich mit dem Sammeln von Details, von denen ich denke, dass sie zum Film passen. Diese Kollektion von Details habe ich während der Entwicklung des Filmes sozusagen ständig griffbereit neben mir stehen, um einzelne Dinge einarbeiten zu können. Aber dann gibt es bei der Entwicklung des Films auch immer Leerstellen, für die man sich etwas ganz Neues einfallen lassen muss. Nach dem Haus, in dem das Mädchen mit seiner Familie wohnt, habe ich sehr lange gesucht. Ich hatte die Vorstellung, dass es eines dieser Häuser sein sollte, in dem man auf dem Dachboden geheimnisvolle Dinge entdecken kann. Außerdem musste es unbedingt eine kleine Aussichtsplattform auf dem Dach haben, von dem das Mädchen mit seinem Fernglas die Insel beobachten kann. Letztendlich besteht das Haus nun aus zwei Häusern. Das Äußere des Gebäudes haben wir auf Rhode Island gefunden und die Innenräume haben wir von einem Haus nachgebaut, das wir in Georgia entdeckt hatten.

Die Farbauswahl spielt in Ihren Filmen auch immer eine große Rolle. In "Moonrise Kingdom" ist Gelb die dominante Farbe…

Anderson: Ich lebe in Gelb. Meine ganze Wohnung ist gelb gestrichen. Aber ich habe immer das Gefühl, dass Worte und Farben einfach nicht zusammen passen. Ich kann beim besten Willen nicht erklären, warum ich diese oder jene Farbe benutze.

Seit "Rushmore" ist Bill Murray in großen oder kleinen Rollen in jedem Ihrer Filme zu sehen. Ist Bill Murray Ihre Muse?

Anderson: Ich bin ein großer Fan von Bill Murray. Es ist immer ein großes Glück, wenn man einen Mann wie ihn für eine Rolle gewinnen kann. Egal was er spielt, es kommt immer etwas irgendwie Großartiges dabei heraus. Er ist ein ungemein lustiger, aber auch sehr charismatischer Typ. Auf ihn kann man sich vollkommen verlassen. Wenn man sich vorstellt, dass auf der Straße irgendein Mob alles kurz und klein schlägt, dann wäre Bill Murray einer der wenigen Menschen, zu dem man sagen könnte: "Kannst du bitte diesen Mob aufhalten?" - und ich würde ihm gute Chancen ausrechnen, dass er das schafft.