Weniger Licht, weniger Glückshormone

© Lidia Prinzen
Im Winter geht die Sonne früh unter.
Psychiater zu Winterdepression
Weniger Licht, weniger Glückshormone
Die dunkle Jahreszeit kann Menschen aufs Gemüt schlagen, auch die Gefahr einer Depression steigt. Im Gespräch erläutert Ulrich Voderholzer, Chefarzt für Psychosomatik & Psychotherapie, warum die Zahl depressiver junger Menschen steigt.

Der Ärztliche Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, Ulrich Voderholzer, weiß, was es mit dem "Blue Monday" auf sich hat, warum Hundebesitzer im Vorteil sind und warum die Zahl der jungen Leute mit Depressionen seit Jahren steigt. 

epd: Herr Voderholzer, immer häufiger hört man vom "Blue Monday". Was ist darunter zu verstehen?

Ulrich Voderholzer: Der "Blue Monday" ist nicht wissenschaftlich gesichert. Es ist nicht so, dass an genau diesem Tag die Menschen besonders depressiv sind. Aber: Es ist bekannt, dass es in der dunklen Jahreszeit zu einer Winterdepression kommen kann. Daran kann der "Blue Monday", der am dritten Montag im Januar stattfindet, erinnern. Wobei die schwierigen Monate aber eher der Oktober und der November sind, wenn das Tageslicht kontinuierlich abnimmt. Im Januar werden die Tage ja wieder länger, das wirkt sich auf uns positiv aus.

Ulrich Voderholzer ist Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck und Chefarzt für Psychosomatik & Psychotherapie.

Was genau ist eigentlich unter einer Winterdepression zu verstehen? Ein Gemütszustand oder ein echtes Krankheitsbild?

Voderholzer: Beides, die Übergänge sind aber fließend. Zunächst einmal: Im Winter sind die Tage bei uns kürzer, das heißt, es gibt weniger Sonnenlicht. Außerdem sind die Menschen wegen der Kälte weniger im Freien unterwegs, bleiben eher zu Hause und das Schlafbedürfnis ist höher. Das hat Einfluss auf den Hirnstoffwechsel und scheint auch das Glückshormon Serotonin zu beeinflussen. Das natürliche Licht, körperliche Aktivitäten und Naturerlebnisse sind aber essenziell wichtig für unser Wohlbefinden. Natürlich erkrankt nicht jeder im Winter an einer Depression. Wer aber schon eine hat, für den ist der Winter natürlich noch mal schwieriger.

Wie kann man sich denn auf die dunkle Jahreszeit vorbereiten?

Voderholzer: Ganz klar: Menschen mit schweren Depressionen brauchen fachliche Betreuung. Präventiv wirken generell regelmäßige Bewegung im Freien oder eine Lichttherapie. Hundebesitzer, die bei Wind und Wetter täglich spazieren gehen müssen, haben da tatsächlich einen Vorteil. Zudem sind soziale Kontakte wichtig, ausreichend Schlaf, kein übermäßiger Alkoholkonsum und ein guter Umgang mit Stress.

Ist denn auch die Suizidrate im Winter höher als im Sommer?

Voderholzer: Paradoxerweise ist die Suizidrate im Frühjahr und im Sommer, wenn Menschen wieder aktiver werden, etwas höher als im Winter. Dass es mit den Jahreszeiten zusammenhängen muss, weiß man, weil es sich in Australien, das ja auf der Südhalbkugel liegt, spiegelbildlich verhält.

Welche Auswirkungen der Corona-Pandemie sind denn noch spürbar?

Voderholzer: Wir hatten schon vor Corona eine deutliche Zunahme von Depressionen bei jungen Menschen. Die Pandemie hat diesen Trend dann noch verstärkt. Bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen erleben wir Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, keine stabilen Familienverhältnisse oder kein stabiles Wertesystem. Mit den Corona-Beschränkungen sind Bezugspersonen wie die Großeltern von heute auf morgen weggefallen, genauso wie Vereinssport oder soziale Kontakte. Dann noch die Schulschließungen. Das war eine Vollkatastrophe für viele junge Menschen in einer besonders wichtigen Entwicklungsphase ihres Lebens. Sie waren mehr vor dem Bildschirm. Exzessiver Medienkonsum kann bei Menschen ohne große Medienkompetenz zu noch mehr Orientierungslosigkeit führen.

Inwiefern?

Voderholzer: Im Internet lassen sich relativ leicht extreme Strömungen und Meinungen finden. Schon Zwölfjährige können mit ein paar Mausklicks an Pornos und Gewaltvideos kommen. Das überfordert so junge Menschen. Problematisch sehe ich auch, welches Körperbild in sozialen Medien vermittelt wird.

Was genau ist das Problem?

Voderholzer: Man wird ständig mit Bildern von vermeintlich perfekten Körpern und Gesichtern konfrontiert. Das überfordert die jungen Leute, einige von ihnen - vor allem Mädchen - rutschen in eine Essstörung ab, um sich den vermeintlich idealen Körper anzuhungern. Das hören wir auch in den Gesprächen mit den Patientinnen und Patienten.

Wie können junge Menschen geschützt werden?

Voderholzer: Man hat gesehen, wie die Corona-Pandemie die jungen Menschen verunsichert hat. Auch der Klimawandel oder die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten tragen zu dieser Unsicherheit bei. Wichtig sind ein sicheres familiäres Umfeld, verlässliche und liebevolle Bezugspersonen, Freundschaften. Auch weniger Leistungsdruck wäre schön. Gefühlt möchten heute die meisten Eltern, dass ihre Kinder aufs Gymnasium gehen. Das ist ein großer Druck für ein Grundschulkind.

 

Was hilft noch?

Voderholzer: Die jungen Leute brauchen mehr Medienkompetenz: Wie bewege ich mich in sozialen Medien, was sind verlässliche Quellen. Und dann noch ganz banale Dinge: regelmäßiger Sport, regelmäßig draußen sein. Und es braucht gute Zukunftsperspektiven. Gerade da finde ich persönlich, dass der Begriff "Work-Life-Balance" auch kontraproduktiv verstanden werden kann. Denn er impliziert, dass die Arbeit nicht zum Leben gehört. Das ist doch keine schöne Perspektive, wenn die eigene Arbeit keinen Sinn hat oder keinen Spaß macht.