Jemen: "Hunderttausende Kleinkinder, die akut unterernährt sind"

Die kleine Hatem in den Armen ihrer Eltern

Foto: CARE/Abdulhakim Ansi

Der sieben Monate alte Hatem ist dehydriert. Den Cholera-Test können seine Eltern nicht bezahlen. Sie sind vom Gehalt eines Onkels abhängig, der mehrere Familien ernähren muss. Die Krankenhäuser sind überlastet. Die Cholera breitet sich aus, der anhaltende Krieg, die Hungersnot und die saudi-arabische Militärblockade verschlimmern das Leben der Menschen im Jemen.

Die humanitäre Situation im Jemen ist katastrophal. Ein Viertel der Bevölkerung droht zu verhungern. Zudem breitet sich eine Cholera-Epidemie aus. Wegen der schwierigen politischen Lage geht die Hilfe nur schleppend voran. Karl-Otto Zentel, Generalsekretär der Hilfsorganisation CARE Deutschland-Luxemburg e.V., spricht im Interview über die Lage der Menschen und was für sie getan werden kann.

CARE ist gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen im Bündnis "Aktion Deutschland Hilft" organisiert. Die Hilfsorganisation CARE arbeitet seit 25 Jahren mit Partnern im Jemen zusammen.

Herr Zentel, Sie sind seit 25 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig. Wie bewerten Sie das, was momentan im Jemen passiert?

Karl-Otto Zentel: Es ist eine sehr ungewöhnliche Situation. Wir hatten das in der Vergangenheit, als es noch die Blockbildung gab, als die westliche Welt gegen die Sowjetunion stand, dass dann die Zugangsmöglichkeiten beschränkt waren und Gebiete abgeriegelt waren. De facto haben wir im Jemen jetzt eine vergleichbare Situation, die auch durch die geografische Lage des Landes bedingt ist. Die Grenze nach Saudi-Arabien ist geschlossen, auf der anderen Seite ist die Grenze nach Oman, da müssten Menschen durch den Hadramaut hindurch, was nicht so einfach ist. Und das Meer wird auch kontrolliert. Von daher sind die Menschen in ihrem eigenen Land gefangen und haben kaum eine Möglichkeit sich der Situation zu entziehen.

Sie waren im März/April 2017 in Sanaa und dann in Aden. Was haben Sie vor Ort erfahren?

Zentel: Der Jemen war schon immer das ärmste Land der Region - es gibt zwar ein bisschen Erdöl, aber nur weniger als drei Prozent der Landesfläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Es ist ein sehr karges Land. Die Menschen müssen mit sehr wenig klar kommen. Und wenn dann noch der Handel und die Arbeitsmigration durch den Krieg unterbrochen werden, dann bricht die Lebensgrundlage der Menschen weg. Die Männer in den Dörfern haben mir erzählt, dass sie normalerweise drei bis vier Monate im Jahr nach Saudi Arabien gegangen sind, um dort ihr Geld zu verdienen. Zusammen mit dem, was die zurückgebliebene Familie landwirtschaftlich erarbeiten konnte, hat es gereicht. Das geht jetzt nicht mehr. Sie können nicht mehr über die Grenze als Arbeitsmigranten nach Saudi-Arabien. Die Reserven sind natürlich auch schnell aufgebraucht. Wir haben inzwischen eine Situation, in der weit über die Hälfte der Bevölkerung auf internationale Unterstützung angewiesen ist, um überhaupt zu überleben.

Hundertausende Unter-Fünfjährige sind akut unterernährt und es gibt mehr als 900.000 Verdachtsfälle auf Cholera. Dass eine Krankheit ein derartiges Ausmaß annehmen kann, bei einer Gesamtbevölkerung von 28 Millionen, das ist ein Unding und nicht hinnehmbar im 21. Jahrhundert.

Was macht es neben der aktuellen saudi-arabischen Blockade schwierig, den Menschen im Jemen zu helfen?

Zentel: Die Hauptursache für das Leid der Bevölkerung sind die drei Jahre Krieg. Dieser Krieg führt dazu, dass der ganze Staatssektor nicht mehr bezahlt wird. Beamte, Lehrer, Ärzte haben seit mindestens einem Jahr kein Gehalt mehr bekommen. Durch die Sicherheitslage ist es sehr schwierig überhaupt Güter zu transportieren und auch für uns als Hilfsorganisation ist es sehr aufwendig in so einer Umgebung operativ tätig zu sein. Wir müssen sehr viele Absprachen treffen, mit allen am Wegesrand, die was zu sagen haben. Wir müssen Übereinkommen erzielen, um überhaupt in die Projektregionen hineinzukommen und dort arbeiten zu können. Die Not ist mittlerweile so groß, dass eigentlich jeder aus nachvollziehbaren Gründen Hilfe braucht.

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Karl-Otto Zentel

Karl-Otto Zentel ist Generalsekretär der Hilfsorganisation CARE Deutschland-Luxemburg e.V. Er studierte Afrikanistik und Islamwissenschaften und arbeitet seit Anfang der 1990er in der humanitären Hilfe und internationalen Zusammenarbeit.

Was hat der Krieg im Land bisher angerichtet?

Zentel: Durch die Kampfhandlungen sind über zwei Millionen Menschen intern vertrieben, sie mussten ihren Wohnort aufgeben und zu Verwandten ziehen. Wenn überhaupt noch ein Einkommen erzielt wird, muss es für mehrere Familien reichen. Das erzählen auch unsere Mitarbeiter, die sagen: ‚Bis vor einem Jahr hat mein Einkommen meine Familie ernährt, meine Frau, meine Kinder und mich. Jetzt muss es für sieben Familien reichen.' Auf einer Stammes- oder Clanbasis gibt es aber auch einen sehr engen sozialen Zusammenhalt der Jemeniten untereinander, die sich wirklich helfen, so lange es nur geht.

Durch den Krieg ist auch der Kaufkraftverlust sehr hoch, die Preise sind für die wenigen Dinge, die es noch gibt, enorm gestiegen. Die Blockade im November hat nochmal zu einem Preisanstieg geführt. Die Kosten steigen und gleichzeitig haben die Menschen kein Einkommen mehr. So dreht sich die Spirale in Armut, Hunger, Unterernährung, Mangelernährung und was alles damit zusammenhängt.

Die Bilder der unterernährten Kinder zu sehen, ist kaum auszuhalten.

Zentel: Die Kinder sind die Schwächsten. Sie haben weniger Reserven gegen die akute Unterernährung, sie sind krankheitsanfälliger. Von der Durchfallerkrankung Cholera sind überproportional viele Kinder betroffen, weil die kleinen Körper keine Abwehrkräfte haben. Der Vorrat an Impfstoffen ist zudem im Moment begrenzt. Er muss dringend aufgefüllt werden, sonst kommen noch weitere Erkrankungen dazu. In den Städten und auf dem Land gibt es Probleme mit der Wasserversorgung. Die Versorgung mit Wasser funktionierte in mehreren Städten über Generatoren. Da es keinen Treibstoff mehr gibt, stehen die Generatoren still und es gibt kein sauberes Wasser mehr. Das ist eine Infektionsquelle.

Aktuell finden zudem in Sanaa Straßenkämpfe statt. Leute werden in ihren Häusern festgehalten, sie können aufgrund der Sicherheitslage nicht hinaus. Das Wenige, was die Menschen noch in den Häusern haben, geht zur Neige. Die Menschen wissen nicht, wo sie Nahrung finden sollen.

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Jemen, ein Krieg gegen die Schwächsten
Jemen im Jahr 2017

Gibt es etwas vor Ort, was sie besonders beeindruckt hat?

Zentel: Mich hat positiv beeindruckt, dass die Jemeniten untereinander zusammenhalten. Die Menschen verzichten auf einiges, um anderen zu helfen. Sie nehmen ihre Verwandten auf, so dass es keine großen Flüchtlings- oder Vertriebenencamps gibt. Man hilft sich gegenseitig, so gut es geht. Das ist eine unheimlich große Ressource, was unheimlich Tolles, dass das Land bietet.

Ansonsten zeigt der Jemen-Konflikt, dass die Konfliktlösungsmöglichkeiten, von denen wir dachten sie würden immer funktionieren, überhaupt nicht greifen. Die internationale Gemeinschaft versagt hier in der Konfliktlösung. Es gelingt nicht, aus welchen Gründen auch immer, den Druck aufzubauen, den man bräuchte, um die einzelnen Parteien an einen Tisch zu bringen und ernsthafte Friedensgespräche in Gang zu setzen. Die beste Lösung für dieses Land wäre zu allererst Frieden. Damit wäre das Leid noch nicht von heute auf morgen beendet, aber dann hätten wir die Möglichkeiten nicht nur die ärgste Not zu lindern, sondern auch in Entwicklungsschritten zu denken, Perspektiven zu bieten. Mit der Hoffnung, dass unsere Projekte die Zeit bekommen, um zu wirken, und auch stabil genug sind, um zu halten. So lange die Situation so ist, wie sie im Moment ist, können wir nur reine Nothilfe leisten.

Was können Sie momentan tun?

Die Mitarbeiter unserer Büros vor Ort sind Gott sei Dank alle noch wohlauf. Aber die Unruhen und Auseinandersetzungen zwischen Huthi und den Gefolgsleuten von Saleh sind ja nicht nur in der Hauptstadt Sanaa, sondern finden auch in anderen Landesteilen statt. Was ich hier an Berichten über die Situation bekomme ist sehr unsicher, unklar und unruhig. Das schränkt uns ein. Aber so lange wir Hilfsgüter ins Land bekommen können, solange wir die Möglichkeit haben auch die Menschen mit Bargeld-Transfers zu unterstützen, die besonders bedürftig sind, können wir arbeiten. Wir machen das auch jetzt schon seit 25 Jahren im Jemen.

Was müsste passieren, damit die Hilfe im Jemen wieder effektiv werden kann. Bargeld-Transfers sind ja nicht ausreichend, wenn sonst nichts da ist?

Die Unruhen begannen vor wenigen Tagen. Nun kam die Nachricht, dass der jemenitische Ex-Staatschef Saleh ums Leben gekommen ist. Was für Auswirkungen das haben wird, wissen wir noch nicht. Ob das zu einer Einstellung der Kampfhandlungen von seinen Anhängern und den Huthis führt? Oder ob die Kämpfe an Intensität zunehmen? Im Moment befinden wir uns in einer sehr heißen Phase der Auseinandersetzung. Wir hoffen, dass sie nicht lange anhält. Wir brauchen dringend Zugang zu den Menschen, damit wir Lebensmittelhilfe leisten können. CARE hilft auch im Bereich Sanitär- und Wasserversorgung. Wir liefern Trinkwasser, setzen Brunnen instand und verteilen Hygienekits. Das sind wichtige Beiträge für die Gesundheit der Menschen, die eine weitere Ausbreitung der Cholera verhindern sollen.

Sind sie finanziell gut ausgestattet, was den Jemen angeht?

Der Jemen hat derartige Bedarfe, dass man nicht davon reden kann, dass die Mittel, die zur Verfügung stehen, reichen. Nach der Geberkonferenz Mitte 2017 gab es von der Internationalen Gemeinschaft weitreichende Zusagen. Die sind leider überholt, weil anschließend der Cholera-Ausbruch mit völlig neuen Anforderungen kam. Die Preissteigerungen durch den andauernden Krieg und die Blockade bedeuten, dass das, was wir früher einmal kalkuliert haben, was einer Familie hilft, heute nicht mehr ausreicht, sondern aufgestockt werden muss. Von daher ist jede Unterstützung, die für den Jemen zusätzlich bereitgestellt werden kann, höchst willkommen und auf keinen Fall verschwendet.