Heiligt der Zweck die Provokation?

Menschen vor dem Segensroboter BlessU-2

Foto: Manon Priebe

BlessU-2 in Aktion

Darf ein Roboter segnen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau seit Monaten. Nun lud die EKHN Kritiker, Zweifler und Befürworter zu einem "offenen Dialog". "Segensroboter – Zweifeln erlaubt" hieß die Veranstaltung in der Evangelischen Akademie Frankfurt, bei der BlessU-2-Initator Fabian Vogt und Kritiker Lukas Ohly sprachen.

Fabian Vogt gab vor rund 90 Zuhörerinnen und Zuhörern ganz den stolzen Erfinder. Doch waren wenig neue Argumente zu hören, mit denen er den Segensroboter verteidigte, die zuvor noch nicht in Pressemitteilungen verbreitet worden waren. So betonte Vogt, dass mit dem Roboter als künstlerische Installation die Menschen dazu gebracht werden sollen, über theologische Inhalte zu reden. Nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Provokation. Natürlich solle der Segensroboter keinen Pfarrer ersetzen, er wurde auch nie in einer Kirche oder in einem Gottesdienst eingesetzt, sondern lediglich im Rahmen der "Lichtkirche" auf der Weltausstellung Reformation. Alles, was der Roboter sage, hätten echte Menschen – Fabian Vogt und Ehefrau – eingesprochen und zwar "mit einem segnenden Hintergrund". Außerdem: Neben dem Roboter stünden stets Menschen, die mit den "Gesegneten" ins Gespräch kommen. "Diese diskursive Meta-Ebene ist uns sehr wichtig", so Vogt. Und verriet: "Die Grundidee hatte mein 13-jähriger Sohn".

Die "Gegenseite" vertrat Pfarrer Lukas Ohly, der das Thema als systematischer Theologe (außerplanmäßiger Professor an der Frankfurter Goethe-Universität) anpackte. Wäre BlessU-2 bloße Kunstinstallation ohne theologischen Anspruch, wäre für Ohly eine ästhetische Diskussion näherliegend. Ginge man davon aus, dass der Roboter tatsächlich segnet, wäre das eine theologische, aber nicht unbedingt ethische Fragestellung. Zum Ethik-Thema werde es erst, wenn man frage "Dürfen Roboter segnen?" Beziehungsweise: "Dürfen Roboter Segen suggerieren, obwohl sie es gar nicht könnten?" Erzeugte die Kirche solch eine Suggestion, wäre das für Ohly "bedenklich". Immerhin stelle sich dann die Frage, ob es "übliche Praxis" der Kirche sei "absichtlich Unwahrheiten in die Welt zu setzen". "Wenn man es dennoch macht ist es so, als erklärte man Johann Tetzel zum ersten Reformator." Eine glatte Lüge also, immerhin gilt die Praxis des Ablasspredigers Tetzel, Ablassbriefe zu verkaufen, als Anlass für Luthers Thesenanschlag. "Doch könnten Roboter tatsächlich segnen. Wäre es nicht verwerflich, es ihnen zu verbieten?" 

Um die Frage "Können Roboter segnen?" zu beantworten, stellte Ohly den Unterschied, den schon die Bibel kennt, zwischen "segnen" und "Segen sein" heraus, zwischen Subjekt und Objekt. Ein Segen könnten auch Gegenstände, Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, Krankenhäuser sein. Doch Segnen als Handlung könnten nur Menschen, die "verantwortungsfähig eine Antwort auf die Frage geben können 'Warum machst du das eigentlich?'" Roboter seien bloße Objekte, die durchaus ein Segen sein könnten, aber keine segnenden Subjekte. Doch wird in der kirchlichen Praxis Segen schon immer automatisiert: Segen werden schriftlich ausgeteilt, an Hauswände geschrieben, auf Internetseiten verbreitet. "Ja, aber: Sprüche und Wörter können ein Segen sein. Aber die Segenshandlung – das Schreiben auf Papier, ins Netz, an Hauswände – kann nur von einer verantwortungsfähigen Person ausgeführt werden", so Ohly. Auch Roboter könnten einer solchen Person ähneln und "in absehbarer Zukunft" den Eindruck erwecken, als könnten sie Entscheidungen treffen (selbstlernende Systeme, selbstfahrende Autos). Also verschwämmen die Grenzen zwischen menschlich und maschinell, zwischen geistig und materiell, also als Subjekt segnen und als Objekt Segen sein. "Man kann gar nicht nachprüfen, ob sich ein Segen erfüllt", schloss Ohly. Sei nicht Segen vielleicht schon immer eine virtuelle Realität gewesen?

Erst nach den beiden Kurzvortragen von Vogt und Ohly wurden die Kontrahenten gemeinsam auf die Bühne gelassen. Und die Besucher kamen zu Wort. Gesittet, aber mit klaren Worte. Und doch kam nie eine echte Diskussion zustande, da die Moderatorin weder Zwischenrufe aus dem Publikum noch direkte Erwiderungen der Diskutanten zuließ. Das Publikum quittierte das mit Grummeln. Also wurden mehr Argumente ausgetauscht als gestritten, und das, obwohl die Provokation doch eines der Hauptaufgaben des Segensroboters sei. So sagte Vogt: "Provokation ist christliche Tugend, auch schon Jesus nahm in Kauf, dass Menschen sich aufregen."

von links: Christian Ferber, Lukas Ohly, Moderatorin Andrea Seeger und Fabian Vogt

Ein Zuschauer widersprach: "Seit 60 Jahren wird jeder Humbug mit 'Provokation' und der 'diskursiven Meta-Ebene' gerechtfertigt. Ich weiß nicht ob der Aufwand der dafür getrieben wird, sinnvoll ist. Ist das Aufgabe der Kirche?" Doch in der Tat, ohne Segensroboter kein enormes, weltweites Medienecho auf den "robot priest", das Christian Ferber vorgestellt hatte: 1.074 Artikel darunter bei "The Guardian", "Daily Mail" und "Huffpost" und 1.747 Social Media-Posts. Höhepunkt der medialen Beachtung waren die Monate Mai und Juni 2017. Danach ließ der 'Hype' deutlich nach. Doch auch die 10.000 Menschen, die den Segensroboter ausprobierten, ließ Ohly nicht gelten: "Nur, weil so viele Leute da waren, macht es die Sache nicht richtig."

Die deutlichsten, streitbarsten Worte kamen von einem Zuschauer: "Ihr sagt, das ist eine Kunstinstallation und in der Kunst ist alles erlaubt. Das ist Bullshit." Er forderte stattdessen eine klare evangelische Position. Diesen Vorwurf der Simplifizierung der Theologie zu einer Eventtheologie wies Vogt klar von sich und sah sich in der Tradition der Reformatoren: "Wir bringen das Thema zum Menschen, so dass sie es verstehen und sie sich eine eigene Meinung bilden können." Gerade in Ostdeutschland sei das wichtig. 

Kommentar einer Pfarrerin, die den Segensroboter auf der Weltausstellung Reformation begleitet hat

Kommentar von Christian Ferber, dem Leiter des EKHN-Reformationsbüros, zum Segensroboter

Doch das Publikum hakte weiter nach. Eine Gemeindepfarrerin habe es "als Spiel empfunden" und sich nicht gesegnet gefühlt. Stattdessen wisse sie nicht "wohin mit meiner Scham über eine Kirche, deren Öffentlichkeitsarbeit so etwas verbreitet". Viel Zeit habe sie damit verbracht, mit Empörten zu diskutieren: "Mit dieser Aktion fällt mir meine Kirche in den Rücken." Ohly ging einen Schritt weiter. Der Mensch werde immer stärker selbst zur Maschine, zum Hybrid, dessen Gehirn unterstützt werde durch maschinelle Teile und künstliche Intelligenz. Statt Trauroboter können weiter Menschen trauen – und die Predigt in einem Neurochip im Gehirn abgespeichert haben.

Eine echte Antwort auf die Digitalisierung hatte an diesem Abend niemand. Kirchenpräsident Jung steht weiter zu seiner Entscheidung für das Experiment Segensroboter, besonders nach seiner Reise ins Silicon Valley. "Es passiert momentan unheimlich viel. Der Roboter ist ein kommunikativer Erfolg, wenn wir uns darüber Gedanken machen." Sprach er und segnete alle Anwesenden.

Das sagt sein Erbauer über "BlessU-2":

Alexander Wiedekind-Klein ist gelernter Elektroingenieur und bastelt seit den 1990er Jahren Roboter. Er hat auch den Segensroboter "BlessU-2" geschaffen. Wiedekind-Klein wohnt in Cochem an der Mosel. Seine Frau ist Pfarrerin.

Wie viel Arbeit steckt in "BlessU-2"?
Alexander Wiedekind-Klein:
Etwa 500 Stunden. Ein dreiviertel Jahr habe ich meine gesamte Freizeit dem Projekt gewidmet.

Hätte der Roboter nicht viel menschlicher aussehen können?
Wiedekind-Klein: Ich wollte keinen Menschen nachbauen. Der Roboter sieht humanoid aus, hat Arme und ein "Gesicht". Das würde ich beim nächsten Mal übrigens noch freundlicher machen. Aber der Roboter soll aussehen wie eine Maschine.

Der Unterbau ist ein Bankautomat?
Wiedekind-Klein: Richtig, ich habe mich voll auf die Software und Mechanik konzentriert und wollte nicht auch noch ein Gehäuse zimmern. Das Infoterminal eines Bankautomaten ist perfekt.

Ist "BlessU-2" der einzige seiner Art?
Wiedekind-Klein: Nein, es gibt zwei davon. Ich wohne an der Mosel und es wäre viel zu aufwendig gewesen, im Falle einer Reparatur mal eben nach Wittenberg zu fahren. Der Ersatz-Roboter hat mich ruhiger schlafen lassen.

Wird ein Roboter demnächst auch trauen?
Wiedekind-Klein: Das finde ich schwierig. Eine Trauung ist sehr persönlich. Bei meiner eigenen war mir sehr wichtig, dass die Predigt auch auf uns zugeschnitten ist.

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