Mit Fingerspitzengefühl und Erfahrung alte Kirchenfenster restaurieren

Glasmalermeister  Bernhard Loers in seiner Werkstatt in Glückstadt. Vor ihm liegt eines der historischen Fenster aus der Bonifatiuskirche in Schenefeld.

Foto: Svenja Engel

Glasmalermeister Bernhard Loers in seiner Werkstatt in Glückstadt. Vor ihm liegt eines der historischen Fenster aus der Bonifatiuskirche in Schenefeld.

Bernhard Loers hat schon viele alte Kirchenfenster restauriert - mit Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung. Der 54-jährige Glückstädter ist Schleswig-Holsteins einziger Glasmalermeister. Seine größte Arbeit aber hängt heute in einem Berliner Museum und zeigt ein auf Glas gemaltes Bildnis von Kaiser Wilhelm I.

Vorsichtig schiebt Bernhard Loers (54) das schwarze Messer unter das Bleinetz. Es verbindet die einzelnen Buntglasfensterfragmente zu einem großen Kirchenfenster. Damit das Gefüge vor Regenwasser geschützt ist, wird das Bleinetz mit Leinöl-Kreidekitt abgedichtet. "Der Kitt ist nun porös geworden und muss ausgetauscht werden", erklärt Loers, während er konzentriert die graue, pulvrige Masse unter der schmalen Bleifassung hervorkratzt.

Wie im Kirchbau gibt es auch bei historischen Glasfenstern "Bausünden". Loers: "Ich habe auch schon Sikomastik oder Zement unter dem Blei gefunden." Es gebe eben Handwerker, die sich nicht mit historischen Fenstern auskennen. Beim Entfernen dieser ungeeigneten Materialien wird viel vom historischen Glas oder Bleinetz zerstört. Für Loers ist so ein "Pfusch" mehr als ärgerlich: "Da haben die Fenster zwei Kriege überstanden und dann so was."

Das Fenster auf seinem Werktisch stammt aus der Bonifatiuskirche in Schenefeld (bei Itzehoe). Es ist 109 Jahre alt und wird wieder seine ursprüngliche Abdichtung mit Leinöl-Kreidekitt erhalten. Es ist ein Werkstoff, den es nicht im Baumarkt gibt. "Leinölkreidekitt hat sich über 100 Jahre bewährt." Loers bestellt das Material in einer Spezialwerkstatt und rührt es selber an.

Loers beim Bemalen einer Scheibe mit Braunlot. Das Fenster liegt auf einem riesigen Glastisch, der von unten beleuchtet wird.

Bei Farben wie Schwarz- und Braunlot greift er sogar auf fünf Jahrhunderte Erfahrung zurück, wenn er farbiges Pulver mit einem Essig-Wassergemisch vermischt. Im Brennofen wird die Farbe bei 600 Grad in das Glas eingebrannt. Für eine antik aussehende Patina wischt der Glasmalermeister die historische Farbe mit einem "Dachshaarvertreiber", einem breiten Pinsel, auf das Glas. Für Konturen auf Gesichtern reibt er die Patina an einigen Stellen mit dem Handballen wieder etwas dünner. Akzente setzt er mit einem herkömmlichen Gänsekiel. "Als Glasmaler kann man alle Register ziehen, die man so drauf hat."

Seinen Beruf erlernte Loers Ende der 70er Jahre in Köln. Damals leitete sein Vater als Stadtplaner die Fenstersanierung an einer romanischen Kirche. Der Sohn durfte ihn begleiten - und hatte sofort ein Praktikum bei Deutschlands erster Glasmalermeisterin in der Tasche. Nach dem Schulabschluss begann seine dreijährige Ausbildung.

In Zwiesel im Bayerischen Wald absolvierte der Geselle 1985 die Meisterschule. Dort lernte er auch seine Ehefrau Martina (47) kennen, gelernte Feinoptikerin und gebürtige Glückstädterin. So machte sich Bernhard Loers 1992 mit einer eigenen Werkstatt an der Elbstadt selbstständig.

90 Prozent seiner Auftraggeber sind Gemeinden in Schleswig-Holstein und Hamburg. Seine größte Herausforderung war jedoch ein auf Glas gemaltes Bildnis Kaiser Wilhelms I. aus dem ehemaligen Kieler Schloss. Ein Privatsammler hatte das 3,40 mal 2 Meter große Fenster an das Deutsche Historische Museum Berlin verkauft und ließ es vorher von Loers restaurieren - eine Arbeit, die den Glasmaler heute noch mit Stolz erfüllt: "Es fehlte ein großes Stück Glas, und ich musste diese Fläche anhand eines alten Bildes rekonstruieren." Noch heute hängt ein großes Foto neben seinem Werktisch.

Wenn die Familie einen Ausflug macht, fährt Bernhard Loers immer gern einen kleinen Umweg zu Kirchen, in denen sich ein von ihm restauriertes Fenster befindet. Für ihn ist der Beruf des Glasmalers nach wie vor ein Traumberuf: "Es ist schon etwas Besonderes, wenn man mit seiner Hände Arbeit Kulturgüter erhalten kann."

Dieser Artikel erschien erstmals am 06.08.2015.