Wo sich Protestanten in Prag zum Gebet trafen

Denkmalgeschütztes Haus

Foto: epd-bild/Kilian Kirchgessner

In Prag haben Denkmalschützer das Haus entdeckt, in dem Protestanten nach langer Unterdrückung ab 1784 wieder zusammenkommen konnten.

In Prag haben Denkmalschützer ein Haus entdeckt, in dem Protestanten nach langer Unterdrückung ab 1784 wieder zusammenkommen konnten. Nach dem Willen der Kirche soll dort ein Museum des Protestantismus entstehen. Die Stadt plant ein Jugendzentrum.

Wie erdrückt wirkt das Haus, die umliegenden Gebäude überragen es um einige Etagen. Doch Marta Prochazkova strahlt, wenn sie auf dem Gehsteig in der früheren Tischlergasse steht, die heute Truhlarska-Straße heißt. In der Hand hält sie einen Stich aus dem 19. Jahrhundert, auf dem das Haus abgebildet ist. "Ich war sehr überrascht, dass hier alles quasi unverändert ist", sagt sie und deutet auf die Fassade: "Die Kamine, die Form des Daches, alles ist so wie früher. Das ist einzigartig!"

Hier, mitten im Prager Zentrum, ist der Expertin vom tschechischen Amt für Denkmalschutz ein Sensationsfund gelungen: In dem unscheinbaren Wohnhaus liegen die Wurzeln der neuzeitlichen evangelischen Geschichte der Stadt.

Sensationsfund für den Denkmalschutz

Als die Prager Protestanten im Jahr 1784 das zweistöckige Haus kauften, ahnten sie nicht, dass ihr Gebäude noch fast 250 Jahre später für Wirbel sorgen würde. Damals hatten sie nach langer Unterdrückung gerade wieder grundlegende Freiheiten erhalten: Der österreichisch-ungarische Kaiser Josef II. erließ 1781 seine berühmten Toleranzedikte, die es in seinem streng katholischen Reich den Evangelischen erstmals erlaubten, sich frei zu versammeln und eigene Pfarrhäuser, Schulen und Bethäuser zu bauen.

"Das unterlag aber strengen Vorschriften", sagt Denkmalschützerin Prochazkova: "Die Bethäuser durften nicht an katholische Kirchen erinnern, sie durften also zum Beispiel keinen Turm, keine Uhr und keine Glocken haben." In Prag kaufte die neu entstehende protestantische Gemeinde deshalb das klassische Wohnhaus in einer Anliegerstraße - dort befand sich im Obergeschoss ein Tanzsaal, den sie zum Gebetsraum umbaute. Das alte Bethaus diente den Prager Protestanten bis ins Jahr 1863.

Heute ist von dem historischen Saal nicht mehr viel zu erahnen. Vor mehr als 100 Jahren wurde er in mehrere Wohnungen umgewandelt, neue Mauern veränderten den Grundriss. Im Laufe der Jahrzehnte ging das Wissen um die historische Bedeutung des Hauses verloren. "Wir konnten das Haus von innen besichtigen", sagt Marta Prochazkova, "und da konnten wir tatsächlich noch rekonstruieren, wo früher der Gebetsraum lag." Heute stehen die Wohnungen leer. Das Haus gehört der Stadt, die hier nach einer Renovierung ein Jugendzentrum errichten will.

Eine Zeichnung von 1861 zeigt den Gebetssaal in dem Haus. Nach dem Willen der Kirche soll hier ein Museum des Protestantismus entstehen.

Und genau das ist der Punkt, an dem sich derzeit die Diskussion entzündet. Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder will hier lieber ein Museum über den Protestantismus in Böhmen einrichten. "Eine solche Ausstellung fehlt im Land, trotz der reichen Reformationsgeschichte", sagt Monika Zarska, die sich bei der Kirche der Böhmischen Brüder engagiert und eine der Initiatorinnen des Museums-Gedankens ist.

Reformation und Gegenreformation

Tatsächlich hat der Wechsel von Reformation und Gegenreformation Prag so stark geprägt wie kaum eine andere europäische Stadt: Der Reformator Jan Hus (1370-1415) vereinigte schon 100 Jahre vor Martin Luther zahlreiche böhmische Christen hinter seinen Ideen. Es folgten blutige Religionskriege, bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts die katholischen Habsburger Heere gewannen. Böhmen wurde zum Kronland von Österreich-Ungarn, es setzte eine flächendeckende Gegenreformation an. Der Druck auf die Protestanten ließ erst mit den Toleranzedikten nach.

Zofie Vobrova kann ihre Familiengeschichte bis in diese Zeit zurückverfolgen. Die betagte Dame ist im Verein "Veritas" aktiv, der sich mit jener Zeit beschäftigt, die im Tschechischen als "Toleranzzeit" bezeichnet wird. Ihre Vorfahren waren schon damals evangelisch, sie hat deren Namen in alten Amtsbüchern gefunden.

"Es entstanden nach dem Toleranzpatent etwa 70 evangelische Bethäuser im heutigen Tschechien", sagt Zofie Vobrova - allerdings fast ausnahmslos auf dem Land. Denn in der Zeit der Unterdrückung hatten sich die Protestanten in entlegene, oft bergige Regionen geflüchtet, um dort im Verborgenen ihren Glauben zu leben. "In Prag war es damals schwer, überhaupt die Bedingungen für eine Gemeindegründung zu erfüllen", erklärt Historikerin und Denkmalschützerin Marta Prochazkova: Mindestens 100 evangelische Familien mussten sich zusammentun - eine Zahl, die in Prag kaum zu erreichen war.

Dass es gelang, lag an einem bemerkenswerten Schachzug: Deutsch- und tschechischsprachige Protestanten taten sich zusammen. Der Prediger Matthias Markovic predigte auf Tschechisch und auf Deutsch. Und das Abendmahl spendete er in zweierlei Weise: Lutheraner empfingen kniend den Kelch und eine Hostie in den Mund, Reformierte empfingen stehend den Kelch und ein Stück Brot in die Hand.