"Vergessen ist die schlimmste Katastrophe"

Passionszeit

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Cornelia Füllkrug-Weitzel spricht im Interview über die Bedeutung der Fastenzeit für Christen und ruft zu 'Fastenopfern' auf. Als Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe sagt sie: "Unser ausufernder Konsum und Umgang mit den Gütern der Schöpfung ruft förmlich nach 'abnehmen'."

Was bedeutet die Passionszeit für uns Christen?

In der Passionszeit besinnen wir uns auf den Leidensweg und den gewaltsamen Tod Jesu – Ausdruck von und verursacht durch menschliche Schuld. Die Passionszeit ist auch eine Zeit der Besinnung auf Gottes Leiden an uns und durch uns, das er solidarisch trägt, um uns davon zu befreien. Sie ist Anlass, über unsere Unwilligkeit, Gottes Liebe anzunehmen und zu beantworten, nachzudenken. Aus der Verleugnung der Freiheit und der Grenzen, die Gott uns schenkt, resultiert nach christlichem Glauben unsere Unwilligkeit zu friedensfähigen und gerechten Formen des Zusammenlebens von Völkern, Bevölkerungsgruppen, Familien und unser zerstörerischer Umgang mit der Schöpfung.

Die Passionszeit ist eine Zeit der Buße, des Umdenkens und der Umkehr, deshalb ist sie traditionell eine Fastenzeit und viele Christen suchen heute nach Ritualen des Verzichtes, die eine notwendige Kehrtwende symbolisieren. Manche dieser Rituale werden inzwischen säkularisiert zu Wellnessritualen in der Frühjahrszeit. Wenn man die von diversen Kuren angepriesenen Verheißungen geistlich interpretiert, dann ergibt dies allerdings durchaus wieder Sinn: In der Tat brauchen wir gerade in diesen Zeiten dringend eine Entschlackung und Entgiftung unserer privaten und öffentlichen Denk- und Sprachmuster.

Unser ausufernder Konsum und Umgang mit den Gütern der Schöpfung ruft förmlich nach 'abnehmen': Weniger ist mehr. Nur so werden wir dem Friedenswillen, dem Gerechtigkeitssinn und der Liebe Gottes zu allen Geschöpfen wieder gerecht. Nur so können wir vermeiden, dass wieder und wieder Menschen und Schöpfung Opfer der Gewalt werden, die Gott in seinem Sohn stellvertretend auf sich genommen hat – um sie zu beenden. Denn das, und nur das ist das Ziel Gottes und sollte unser Ziel in der Passionszeit sein.

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Welche Bedeutung hat die Passionszeit für Sie als Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe?

Ich sehe in jedem Menschen, der heute ein Opfer von Gewalt, Flucht oder Naturkatastrophen ist, das Antlitz des leidenden Gottes. Und ich sehe in jedem Abbild des gekreuzigten Christus eine Anklage gegen die andauernde Gewalt gegen Mensch und Natur, denn das Kreuz führt uns unsere Schuld vor Augen. Und ich sehe darin einen Appell zur Solidarität mit denen, die heute leiden, denn Gott hat sich ihnen in Christus gleich gemacht, ist ihnen solidarisch zur Seite getreten und steht ihnen bei. Schließlich sehe ich auch das leere Kreuz: Gott hat uns mit Christus vom Tod zum Leben befreit – er will das Leben und er schenkt uns die Möglichkeit der Umkehr zum Leben in Würde und Frieden für alle. Ich kann in der Passionszeit nicht anders, als mit Gedanken, Gebet, Wort und Tat besonders nahe bei denen zu sein, die heute leiden. Und ich kann nicht anders, als Sie – Einzelne und Gemeinden – darum zu bitten, das auch zu tun. Deshalb dieser Aufruf der Diakonie Katastrophenhilfe zur Passionszeit mit Anregungen für die Gestaltung von Gebeten, Andachten, individuelle Fürbitten und 'Fastenopfern'.

Die Diakonie Katastrophenhilfe steht Menschen in vielen Krisen, Konflikten und Katastrophen weltweit zur Seite. Worauf wollen Sie in der Passionszeit im Besonderen aufmerksam machen?

Natürlich haben wir alle im Moment die unwürdige Lage und die Rechtelosigkeit von Flüchtlingen – besonders die in Europa – vor Augen. Und täglich konfrontieren uns die Medien mit den Folgen der sinnlosen Gewalt in Syrien und dem Irak. Es ist sicher gut, in der Passionszeit unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie dem endlich ein Ende gesetzt werden kann und was Beistand konkret bedeuten muss. Daneben gibt es aber zahlreiche Flüchtlinge – beispielsweise in Afrika – und Krisen, die für viele Menschen längst aus dem Blickfeld verschwunden sind, nehmen wir den Konflikt in der Ukraine. Das gleiche gilt für Naturkatastrophen. Wir dürfen die Menschen in Haiti nicht vergessen, nur weil der Hurrikan schon vor einigen Monaten über das Land hinweggezogen ist, so wie wir weiterhin an die hungernden Menschen in vielen Ländern Afrikas erinnern müssen, auch wenn wir nicht jeden Tag von einer großen Dürre in der Zeitung lesen. Vergessen ist für die Betroffenen die schlimmste Katastrophe.

Material zur Passionszeit zum Download

Das Spendenkonto der Diakonie Katastrophenhilfe, Berlin: Evangelische Bank, IBAN: DE6852 0604 1000 0050 2502, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort: Katastrophenhilfe weltweit