Karneval: himmlisch jeck und durch und durch protestantisch

Karnevalsmarkt Lutherkirche
© imago/Eduard Bopp/imago stock
Jährlicher Karnevalsmarkt in der evangelischen Lutherkirche in Köln.
Karneval: himmlisch jeck und durch und durch protestantisch
Der Obrigkeit den Spiegel vorhalten. Widerspruch wagen. Den Zeitgeist hinterfragen, als Narr die Welt im Blick haben und verändern wollen. Der Karneval ist im Urgrund protestantisch, sagt unser Gastautor Hans Mörtter. Und der muss es wissen, denn er ist Pfarrer in Köln.

Ich bin Rheinländer, das Karnevals-Gen ist in mir drin. Ich kann sozusagen nichts dafür. Zu Karneval ergießt sich der Heilige Geist massiv bei uns. Im kölschen Karnevals-Gottesdienst geraten 500 bunt kostümiert und geschminkte Gläubige aller Generationen in Ekstase. Ich kann auch nicht anders, steh, springe, schunkele im bunten Kostüm und Netzstrümpfen, von denen nicht nur die Seniorinnen begeistert sind.

Ich weiß, an den letzten Tagen vor der Passionszeit klingt das außerhalb des Rheinlands befremdlich. Schließlich beginnt die Vorleidenszeit mit den Predigttexten bei uns Protestanten schon drei Sonntage vor der Passionszeit. Wir leiden am Leid der Welt. Nur wir ändern nichts damit, außer dass wir unsere ernste Betroffenheit pflegen. Da kommen wir Rheinländer nicht so richtig mit.

In fröhlicher Sinnlichkeit

Auch Jesus war dem Leben zugewandt, feierte, aß und trank Wein. Menschennähe, Berührung und Freude sind lebenswichtig. Wir wollen uns freuen, glücklich sein miteinander – dafür haben wir unsere "fünfte Jahreszeit" – und das in fröhlicher Sinnlichkeit. Unsere sozialen Aufgaben und Anliegen lassen sich mit dieser lebensbejahenden Einstellung noch besser erfüllen.

Mal hat ein Gemeindeglied – 32 Jahre lang war er engagierter Presbyter – heimlich auf unser Holzkreuz im Gemeindesaal mit leichtem Schriftzug "Tünnes" angebracht. Hintergrund dazu war eine Sitzung der kultigen Kölner Karnevals-Stunksitzung mit rund 34.000 Besucher und Besucherinnen. In einer provozierenden Szene gab es ein großes Holzkreuz mit Corpus - und drüber ein "Tünnes"-Schild. Die Wogen schlugen sehr hoch in Köln und ich wurde dabei zum theologischen Anwalt der frechen alternativen Karnevalisten. Noch wie wurde so intensiv öffentlich über die Bedeutung des Kreuzes in der Stadt diskutiert.

"Ein Narr, der den Anspruch hat, die Welt zu verändern"

INRI, diese Initialen hatte Pontius Pilatus den Evangelien zufolge über dem gekreuzigten Jesus anbringen lassen: Iesus Nazarenus Rex Iiudaeorum (Jesus von Nazareth, König der Juden) hieß das – eine Provokation, ein Verlachen dessen, der sich als Gesalbter und Gesandter Gottes verstand. Dann kann die moderne Übersetzung von INRI doch nur heißen: "Seht, da hängt ein Narr, der den Anspruch hat, die Welt zu verändern".

Hans Mörtter (re) beim Karnvelsgottesdienst 2015 in der evangelischen Lutherkirche in Köln.

Aber ist dieser "Narr" ein "Tünnes", der nicht um die Realitäten weiß? Um die Not der Flüchtlinge, die es lebend zu uns geschafft haben, mit ihrem Recht auf Würde, Hilfe und Beistand – ohne rosarote Brille? Um den gefährlichen Rechtsruck mit Erstarken der AfD, die Schusswaffengebrauch an der Grenze hoffähig machen wollen? Um das Ergehen derer, die von Hartz IV-Bezügen leben und den Bildungsnotstand bei armen Kindern ohne gesellschaftliche Chancen?

Das Wort vom Kreuz – eine Torheit

Ich sage: Christus weiß um uns, hält dagegen, steht ein für Ermutigung und zum Widerspruch, zum Einstehen für das Leben. "Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft." (1.Korinther 1, 18).

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Im Mittelalter führten die Armen im Kölner Karneval die Reichen, die Obrigkeit, den Klerus und Kardinal in ihrer kleinkarierten Bigotterie vor, machten sich lustig und entlarvten sie, indem sie ihnen den Spiegel vorhielten. Vor dieser anarchischen Freigeistigkeit hatte Napoleon Angst und wollte den Karneval verbieten – erfolglos. Die nachfolgenden protestantischen Preußen lernten daraus und gründeten 1824 das "Festordnende Komitee" des Kölner Karnevals, um obrigkeitlich Ordnung zu schaffen. Aber auch damit brachten sie das Geschehen nicht unter Kontrolle. Der Widerspruchsgeist der Menschen war zu stark und so entstand der Kölner alternative Karneval.

Jesuanisch und prophetisch auf Seiten der Armen

Ich nenn das ur-christlich, ur-protestantisch und stehe für diese Kultur in meiner Gemeinde und der ganzen Stadt ein. Frei sage ich, dass der Karneval im Urgrund protestantisch ist, nämlich jesuanisch und prophetisch auf Seiten der Armen, kritisch hinterfragend gegenüber dem Zeitgeist. Frei und aufrecht und mutig. Ein Bild dafür ist der Clown von Georg Baselitz, der kopfüber in der Zirkusmanege hängt und so die Welt anders in den Blick nimmt. Oder wie Johann Christoph Blumhardt (evangelischer Theologe 1805-1880) sagte: "Christenmenschen sind Protestleute gegen den Tod!".

Genau das erlebe ich im Kölner Karneval: Wir lassen uns nicht kleinkriegen, wir erleben uns zusammen in der Freude zu leben, im Miteinander der Kulturen, in unserem Anspruch, göttlich verdankte und reich beschenkte Menschen zu sein. Wir tanzen glücklich miteinander im Freiraum unserer Kirche, kostümiert und herrlich geschminkt – erleben uns in unserer Andersartigkeit und kostbaren Besonderheit, in unserem Menschsein. Gott, na klar, es ist Karneval! Da schlägt das Herz ganz groß für die Menschen, egal woher sie kommen und wer sie sind. Im Karneval bei uns erleben wir Gottes Weite, seine fröhlich lebensbejahende, zugewandte, lebendige Kraft. Das macht Mut und tut gut!

Und darin lassen wir uns auch von der grassierenden Angsthysterie nicht schrecken. Wir alle sind als Menschen, Obdachlose, Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger, Illegalisierte im Kirchenasyl bei uns, Afrikaner, Syrer, Bürgerliche und Wohlhabende, Schwule und Lesben, alle miteinander eng verbunden, eine große Menschheitsfamilie, Kinder Gottes, Männer und Frauen.

Im Karneval spielen und erleben wir unsere Unterschiedlichkeit, unser Verdanktsein  im Sinne unseres Aus-Gott-und durch-Gott-Geschaffenseins, unser Miteinander, die Faszination am Anderen und Fremden, dazu auch unsere herrliche Erotik und gegenseitige Anziehungskraft. Manchmal glaube ich zu hören, wie unser Gott lacht und sich über uns und mit uns herrlich freut. In dieses lebensbejahende göttliche Lachen stimmen wir fröhlich mit ein, um uns gleichzeitig die Unstimmigkeiten unserer Welt vorzuknöpfen.

"Der Prophet ist ein Narr, der Mann, der den Geist hat, ist ver-rückt." Hosea 9,7

Dieser Artikel wurde erstmals am 8. Februar 2016 auf evangelisch.de veröffentlicht.