Gauck: Hospiz- und Palliativmedizin Alternative zu Sterbehilfe

Bundespräsident Joachim Gauck spricht am 02.11.2015 in Berlin im Rahmen des Bellevue-Forums während einer Podiumsdiskussion zum ehrenamtlichen Engagement in der Hospiz- und Palliativversorgung.

Foto: dpa/Soeren Stache

Bundespräsident Joachim Gauck während einer Podiumsdiskussion zum ehrenamtlichen Engagement in der Hospiz- und Palliativversorgung.

Qualtod oder Giftbecher? Es gibt eine Alternative, machten Hospiz- und Palliativexperten bei einer Diskussion beim Bundespräsidenten deutlich. Indirekt schaltete sich Gauck damit auch in die Debatte um eine Neuregelung der Hilfe beim Suizid ein.

Vor der Abstimmung im Bundestag über eine mögliche Neuregelung der Hilfe beim Suizid hat sich Bundespräsident Joachim Gauck deutlich skeptisch über mehr Möglichkeiten zur Sterbehilfe geäußert. "Nicht durch die Hand eines anderen sollen die Menschen sterben, sondern an der Hand eines anderen", zitierte Gauck den früheren Bundespräsidenten Horst Köhler am Montag bei einer Diskussion in Berlin. Besser könne er es heute auch nicht sagen, ergänzte Gauck.

Gauck hatte mehrere Experten zum Thema Hospiz- und Palliativversorgung ins Schloss Bellevue eingeladen. Palliativmediziner und Sterbebegleiter gäben eine andere Antwort auf Ängste am Lebensende. Sie nähmen einen Teil der Angst, aus der in vielen Fällen der Ruf nach Sterbehilfe erwächst. Dieses Engagement müsse weiter bekanntmacht werden, forderte der Bundespräsident.

Schwerpunkt der Diskussion im Bundespräsidialamt war die Hospiz- und Palliativmedizin. Der Bundestag berät am Donnerstag abschließend über ein Gesetz von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), das diesen Bereich deutlich stärken soll. Die Dringlichkeit machte auch eine am Montag veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung deutlich. Im Krankenhaus wollen demnach nur sechs Prozent der Bundesbürger ihre letzten Tage verbringen. Für ein würdevolles Sterben zu Hause müsse die ambulante palliative Versorgung weiter ausgebaut werden, erklärte die Bertelsmann Stiftung am Montag in Gütersloh.

Der Bereich Sterbehilfe, der am Freitag auf der Tagesordnung des Parlaments steht, war bei der Diskussion im Schloss Bellevue ebenso Thema. Der Erlanger evangelische Theologe Peter Dabrock appellierte, am Lebensende Hilfe, aber auch das Sterben zuzulassen. Das Mitglied im Ethikrat, das gegen eine explizite Erlaubnis der Hilfe beim Suizid durch Vereine ist, sagte, ihn wundere in der Debatte das Verständnis von Selbstbestimmung über das eigene Leben. Ein gutes Leben machten auch Beziehungen aus, in denen man sich fallenlassen könne. Wer so sterben möchte, wie er gelebt hat, müsste sich also in diese Beziehungen fallenlassen und nicht alles kontrollieren wollen, sagte er.

Zentralrat der Juden und Bundesärztekammer für Verbot organisierter Beihilfe zum Suizid

Derweil warnte am Montag auch der Zentralrat der Juden vor einer Liberalisierung der Sterbehilfe. Schwer kranke und alte Menschen dürften durch dabei entstehende Angebote nicht in den Suizid gedrängt werden, sagte Zentralrats-Präsident Josef Schuster am Montag in Berlin. "Hilfe zur Selbsttötung darf nicht zum Regelangebot oder zur normalen Dienstleistung und damit zur Alternative der Sterbebegleitung werden", ergänzte Schuster, der selbst Arzt ist und der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer angehört.

Bei der Abstimmung am Freitag steht die Frage im Vordergrund, ob die Hilfe beim Suizid, wie sie inzwischen durch Vereine geschäftsmäßig angeboten wird, unter bestimmten Umständen unter Strafe gestellt werden soll. Die fraktionsübergreifenden Vorschläge reichen von einem kompletten Verbot bis hin zu einer ausdrücklichen Erlaubnis dieser Form der Sterbehilfe durch Vereine und Ärzte. Dazwischen liegt der Vorschlag von Kerstin Griese (SPD) und Michael Brand (CDU), die nur die organisierte, sogenannte geschäftsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe stellen wollen. Gewissensentscheidungen im Einzelfall sollen davon nicht erfasst werden.

Für diesen Vorschlag sprach sich am Montag erneut die Bundesärztekammer aus. In einem Brief an die Bundestagsabgeordneten, der dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt, widerspricht Präsident Frank Ulrich Montgomery dem Vorwurf, Griese und Brand wollten Ärzte kriminalisieren. Dies sei nicht der Fall und verunsichere nur, betonte Montgomery.