Feier der Freiheit mit Blick auf das Heute

25.000 Menschen erinnern in Leipzig an die friedliche Revolution
"Pegida", Flüchtlinge und europäische Solidarität: Selten war die Erinnerung an den 9. Oktober '89 in Leipzig wohl so politisch wie in diesem Jahr. Dahinter stand die Frage, was aus den Werten geworden ist, für die Menschen damals kämpfen.

Tausende Kerzen flackern auf dem Augustusplatz und formen eine übergroße "89": Mit einem Lichtfest, einem Friedensgebet und einer "Rede zur Demokratie" haben etwa 25.000 Menschen am Freitagabend in Leipzig an die friedliche Revolution vom Herbst '89 erinnert. Das Programm der Feierlichkeiten trug im 26. Jahr nach der großen Massendemonstration vom 9. Oktober 1989 ein Fragezeichen. Unter dem Motto "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit?" stellten sich die Stadt, Besucher und Gäste explizit auch den aktuellen politischen Krisen wie der Flüchtlingssituation.

So mahnte der Publizist und Bürgerrechtler Wolfgang Templin die Deutschen und die Europäer in seiner "Rede zur Demokratie" zu mehr Solidarität an. 2015 sei nicht nur ein Jahr des Jubiläums der Deutschen Einheit und der Rückbesinnung auf die friedliche Revolution, sagte er. "Wir erleben alle ein Jahr, in dem die Europäische Union von inneren Krisen erschüttert wird, in dem Konflikte von weltpolitischer Dimension zu Brandherden werden, in dem die damit verbundenen Herausforderungen nahezu täglich auf uns einstürzen."

Spannungen und Konflikte wie die aktuellen seien "eine Probe darauf, wie ernst wir unsere Werte nehmen" und "ob wir bereit sind, sie nach innen und außen zu schützen und zu verteidigen", sagte Templin. Dies gelte für den Umgang mit der europäischen Haltung zum Ukraine-Konflikt ebenso wie bei der derzeitigen Flüchtlingssituation.

Die Bilder der vergangenen Monate aus Sachsen, etwa die "Pegida"-Demonstrationen, erfüllten ihn mit Kopfschütteln, Wut und Zorn. "Ein Leipzig, das stolz ist auf 1989 und ein Sachsen, mit dem ich mich verbunden fühle, sehen anders aus", betonte Templin.

"Friedenshoffnung, aus der wir leben, ist stärker als alle Kriegsdrohungen"

In seiner Predigt im Friedensgebet erinnerte auch Nikolaikirchen-Pfarrer Bernhard Stief daran, dass es noch heute in zu vielen Teilen der Welt Kriege gibt. Doch die "Friedenshoffnung, aus der wir leben, ist stärker als alle Kriegsdrohungen, die andernorts Menschen in die Flucht treiben", sagte der Theologe. Den Menschen, die derzeit "vor Not und Terror" flüchteten und nach Deutschland kämen, sollte eine "willkommene Aufnahme" bereitet werden, sagte er.

Am späteren Abend stellten Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der Präsident des Deutschen Fußballverbandes, Wolfgang Niersbach, sowie der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, die ersten Kerzen auf dem mit Zehntausenden Menschen gefüllten Augustusplatz ab. Das anschließende Programm wurde von der TV-Moderatorin Pinar Atalay und dem Schauspieler Florian Lukas ("Weissensee") gestaltet.

Mit der Begleitung des Chors der Leipziger Oper wurden dabei unter anderem historische Aufnahmen von geflüchteten DDR-Bürgern in den Kontext mit Berichten über die heutige Flüchtlingssituation an Europas Grenzen gesetzt. Als eines der ersten Musikstücke erklang vor historischem Bildmaterial das Lied "Die Gedanken sind frei."

Am 9. Oktober vor 26 Jahren zogen mehr als 70.000 Menschen nach dem traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche um den Leipziger Innenstadtring. Trotz der vorherigen Mobilmachung von Volkspolizei und Militär blieb die bis dahin größte Demonstration gegen das SED-Regime friedlich. Das Datum gilt heute als entscheidende Wegmarke der friedlichen Revolution.