So wird die Welt satt

Alte und neue Formen der Landwirtschaft - Bäuerin in Indien und Labormitarbeiter von Bayer CropScience

Filmemacher Valentin Thurn fragt in seinem neuen Film "10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?" nach der Zukunft der Welternährung. Das evangelische Werk "Brot für die Welt" findet seine Vorschläge etwas zu einfach, aber im Grunde richtig: Kleinbäuerinnen müssen gefördert werden, und wir sollten mehr regionales Gemüse statt Fleisch essen.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung wahrscheinlich auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. Wo und wie soll bei weltweit abnehmenden Agrarflächen und zurückgehender Bodenfruchtbarkeit die Nahrung für immer mehr Menschen herkommen? Diesen drängenden Frage geht Valentin Thurn in seinem neuen Film "10 Milliarden – wie werden wir alle satt?" nach.

Bereits 2011 hatte der Kölner Regisseur und Bestsellerautor mit seinem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm "Taste the waste" über das verstörend hohe Ausmaß von Lebensmittelvernichtung in den Industriegesellschaften berichtet und damit eine breite Bewegung gegen Lebensmittelverschwendung ausgelöst.

In seinem neuen Film sucht Valentin Thurn nun weltweit nach Wegen zur sicheren Welternährung. Er spricht mit Machern aus der industriellen und der bäuerlichen Landwirtschaft, trifft Biobauern und Farmer mit Sojamonokulturen zur Tierfutterproduktion, befragt Nahrungsmittelspekulanten, besucht Forscher, Düngerproduzenten, Laborgärten sowie Fleisch- und Fischproduzenden.

Sehr schnell wird deutlich: Es gibt zwei miteinander unvereinbare, konkurrierende Strategien, mit denen die Ernährungssicherheit gewährleistet werden soll. Die industrielle globale Landwirtschaft setzt auf Masse sowie auf einen kapital- und energieintensiven Einsatz von Maschinen, Treibstoff, Kunstdünger und Pestiziden, auf gentechnisch verändertes Saatgut und flächendeckende Monokulturen. Nur so könne mehr produziert und die Welt künftig ernährt werden, behaupten ihre Befürworter.

Dass dabei auch Geschäftsinteressen der Saatgut- und Düngerindustrie eine große Rolle spielen, liegt für Thurn auf der Hand: "Das Schreckensszenario zehn Milliarden wird auch deshalb gerne an die Wand gemalt, um Geschäftsinteressen durchzusetzen. Es geht auch darum zu sagen: Wir müssen mehr produzieren, um mehr Chemie oder mehr Dünger verkaufen zu können." Dass gegen Ende des Jahrhunderts die Vorräte der für die industrielle Landwirtschaft unentbehrlichen Düngerrohstoffe Kali und Phosphor erschöpft sein werden, blenden deren Befürworter bislang aus. Auch das zeigt der Film beklemmend deutlich.

Die Zukunft liegt in der Hand der Frauen

Als Gegenmodell stellt Thurn in seinem Film Protagonisten der biologischen und bäuerlichen Landwirtschaft aus Deutschland, Asien, Afrika und Amerika vor. Die nachhaltige Landwirtschaft produziert weniger Masse, ist dafür aber an Land, Leute, Klima und Boden angepasst und geht schonend mit den begrenzten Ressourcen von Wasser und Boden um. Ihre Befürworter weigern sich, beim internationalen "Saatgutmonopoly", mitzuspielen, bei dem Konzerne wie Bayer Crop Science oder Monsanto genetisch verändertes Saatgut zusammen mit Pestiziden und Dünger verkaufen und Bauern damit oft in eine Schuldenfalle locken. Denn die müssen das Saatgut jedes Jahr neu kaufen. Stattdessen setzt etwa die Inderin Vadana Shiva auf die Vermehrung und Weitergabe von traditionellem Saatgut, das an die jeweiligen Bedingungen von Klima und Boden angepasst ist und in den Dorfgemeinschaften weitergegeben wird. Mit verblüffendem Erfolg: Der Film zeigt, dass die angepassten traditionellen Sorten oft widerstandsfähiger und ertragreicher sind als teures Saatgut aus dem Labor.

Valentin Thurns "persönliche Heldin" ist die Kleinbäuerin Fanny Nanjiwa aus Malawi. Sie baut auf ihrem sehr kleinen Acker in drei Etagen unterschiedliche Pflanzen an: Schattenspendende Straucherbsen verbessern den Boden, darunter wächst Mais und am Boden gedeihen Süßkartoffeln. Dadurch verhindert sie, dass der Boden einseitig belastet wird, und stellt sicher, dass ihre Familie selbst in Dürrezeiten genug zu essen hat. Zudem trägt dieser Mischanbau zu einer gesunden Ernährung bei. Denn viele Menschen in Fanny Ninjiwas Heimat ernähren sich fast nur von Mais. Das macht zwar satt, führt aber zu Fehlernährung.

Für Valentin Thurn macht das Beispiel zweierlei klar: "Es zeigt, dass Kleinbäuerinnen mit manueller Arbeitskraft mehr aus dem Land heraus holen als in der industriellen Landwirtschaft mit Maschinen. Wenn wir eine begrenzte und abnehmenden Agrarfläche bei steigenden Bevölkerungszahlen haben, dann ist es natürlich relevant, was aus einem Hektar herausgeholt wird." Zum anderen verdeutlicht das Beispiel die immense Bedeutung von Frauen für die Zukunft der Welternährung. "Verantwortlich für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern sind in den meisten Familien die Frauen. Sie müssen gefördert werden. Zugleich dürfen wir mit Bemühungen, das Bevölkerungswachstum zu bremsen, nicht nachlassen", fordert Thurn. Denn: "Der entscheidende Faktor für eine geringere Kinderzahl ist nicht die Verfügbarkeit von Nahrung, sondern der wichtigste Faktor dafür ist die Bildung junger Frauen und das damit verbundene bessere gesellschaftliche Standing."

Bei Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft von Brot für die Welt, findet Valentin Thurn Zustimmung mit seinen Forderungen nach einer weltweiten Agrarwende. "Er greift Ansätze auf, die wir seit Jahren unterstützen: Bekämpfung des Hungers, Frauenförderung, nachhaltiges Wirtschaften, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung", sagt Tanzmann. Dass Thurns Film dabei keineswegs objektiv oder neutral sein will und die Fragen der Welternährung "aus dem Blickwinkel der Armen sieht", merkt Tanzmann durchaus positiv an.

Wir müssen bereit sein, mehr zu bezahlen

Natürlich seien die Fragen noch weitaus komplexer als im Film dargestellt, aber, so Tanzmann: "Er zeigt erste Schritte und andere Wege auf, die wir gehen müssen, wenn es 'Brot für die Welt' geben soll."

Allerdings bemängelt Stig Tanzmann, dass der Film die traditionelle Landwirtschaft in den Ländern des Südens womöglich idealisiere. Es werde nicht ausreichend deutlich, "dass die Unterstützung der Kleinbäuerinnen durch gezielte Weiterentwicklung ihres traditionellen Wissens unbedingt nötig ist". Es könne der Eindruck entstehen, ein "Weiter wie bisher" genüge schon, um dem Hunger zu wehren. Dass zur unbedingt nötigen Schulung und Beratung der einheimischen Kleinbauern in den Ländern des Südens ein verändertes Konsum- und Ernährungsverhalten mit weniger Fleisch und mehr lokalen Produkten bei uns dazukommen muss, auch darin ist sich Stig Tanzmann mit dem Kölner Filmemacher einig.

Der Landwirtschaftreferent von Brot für die Welt geht allerdings über das hinaus, was Valentin Thurn in seinem Film zur Diskussion stellt: Er fordert, die Politik müsse unbedingt bessere Rahmenbedingungen für eine nachhaltig wirtschaftende Landwirtschaft schaffen, damit bäuerliche Familienbetriebe nachhaltig produzieren und davon auch leben können. Der Zustimmung Thurns zu einer gewollten und politisch unterstützten Agrar- und Ernährungswende kann Stig Tanzmann sich allerdings ziemlich gewiss sein. Denn auch der Filmemacher weiß, dass Appelle an Einsicht und Moral allein nicht genügen: "Dazu sind wir viel zu gut im Verdrängen."

Zu wünschen ist es allemal, dass Valentin Thurns Film dazu beiträgt, dass die Zahl der Verbraucher weiter steigt, die potentiell bereit sind, für ökologische und faire Lebensmittel einen angemessenen Preis zu zahlen. Ein wichtiger Diskussionsbeitrag zur Zukunft der Welternährung ist er mit Sicherheit.