Letzte Ruhe im Gotteshaus

Erfolgskonzept Urnenkirche
"Die Himmelsleiter" - Kolumbarium in der Herz-Jesu-Kirche in Hannover.

Foto: Kollena/kolumbarium-hannover.de

"Die Himmelsleiter" - Kolumbarium in der Herz-Jesu-Kirche in Hannover.

Die Idee ist fast schon naheliegend, schließlich gab es das in früheren Jahrhunderten auch: Die Beisetzung von Verstorbenen IN der Kirche, nicht auf dem Gottesacker daneben. Was früher allerdings nur Herrschern, Adligen und hohen Geistlichen vorbehalten war, ist seit einiger Zeit ein Angebot für jedermann: Urnen- oder Grabeskirchen machen's möglich - eine Bestattung im Gotteshaus.

Das Ganze ist allerdings noch ein sehr junges Phänomen. Vorreiter war 2004 die altkatholische Pfarrkirche "Erscheinung Christi" in Krefeld. Die römisch-katholische Allerheiligenkirche in Erfurt folgte 2005, 2006 St. Josef in Aachen. Hier sind inzwischen fast alle Plätze belegt. Dabei gibt es mittlerweile drei Urnenkirchen im Bistum Aachen, zwei zusätzliche sind in Planung. Auch in Erfurt gibt es nun bereits zwei Urnenkirchen. Deutschlandweit sind es zur Zeit mindestens zwei Dutzend, darunter auch mehrere evangelische, Tendenz steigend. "Das Konzept der Urnen- bzw. Grabeskirche hat in den letzten Jahren geradezu einen Boom erlebt", sagt Christoph Keldenich, Vorsitzender der "Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas e. V."

Die Gründe für die große Nachfrage sind schnell genannt. Generell überstieg 2011 die Zahl der Feuerbestattungen, die seit dem zweiten Vaticanum auch Katholiken erlaubt ist, erstmals die der Erdbestattungen. Die Entscheidung für eine Einäscherung samt Urnenbeisetzung hat sehr häufig mit finanziellen Überlegungen zu tun: Erdbestattungen sind in der Regel rund ein Drittel teurer. Hinzu kommen Aufwand und Kosten für die Grabpflege. Bei Kolumbarien – ob auf Friedhöfen oder in Kirchen – fallen diese weg. Für viele Menschen ergeben sich aber noch eine ganze Reihe weiterer positiver Aspekte der letzten Ruhe im Kirchenraum: Die Wege für die Angehörigen sind, zumindest im städtischen Raum, oft deutlich kürzer als zum nächsten Friedhof. Zudem finden die Trauernden dort Räume vor, in denen sie vor Witterungseinflüssen geschützt sind, oft mit Sitzgelegenheiten und weiterer Infrastruktur (wie zum Beispiel Toiletten). Vor allem aber befinden sie sich hier in sakralen Räumlichkeiten, die eine würdevolle Atmosphäre und eine besondere, spirituelle Umgebung bieten.

Aber auch für die Betreiber ist die Einrichtung einer Urnenkirche meist eine gute Wahl. Viele Kirchengemeinden wissen aufgrund des strukturellen Wandels nicht mehr, wie sie ihre Kirchengebäude noch finanzieren sollen. Oft stehen diese auch leer. In St. Elisabeth in Mönchengladbach beispielsweise besuchten im Schnitt höchstens 15 Menschen noch den Sonntagsgottesdienst. Die Innenstadtgemeinden fusionierten und die Pfarrkirche wurde überflüssig. Der Abriss aber - oder eine Umwandlung in Wohnraum oder eine Kletterkirche - kam für die Gemeinde nicht in Frage. 2009 wurde so schließlich hier die erste Verstorbene bestattet, mittlerweile sind es viele Hundert. Die Kosten für Umbau und Erhaltung können aus den Gebühreneinahmen bestritten werden.

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Kolumbarien und Urnenkirchen
Kolumbarien und Urnenkirchen

Im oberbergischen Hückeswagen war es die Johanniskirche, die seit der Fusion der beiden protestantischen Kirchengemeinden zu einer unierten eigentlich nicht mehr gebraucht wurde. Die benachbarte Pauluskirche war einfach die größere von beiden. Über viele Jahre scheute man sich aber, die Johanniskirche anzutasten – zumal sie mittlerweile unter Denkmalschutz stand. Außerdem wurde sie wegen der günstigen Lage zum Friedhof noch regelmäßig für Beerdigungsandachten genutzt. So lag es nahe, die Kirche in ein Kolumbarium umzuwandeln.

Natürlich gab es anfangs auch Bedenken, ob sich die hohen Investitionen für einen Umbau wirklich rechnen würden. Also nahmen die Verantwortlichen im Presbyterium Gespräche mit Architekten, Denkmalamt und zuständigen Behörden auf und kalkulierten alles durch. Sodann wurden Infoblätter verteilt, mit der Möglichkeit, eine Absichtserklärung zu unterzeichnen: Für einen Vorzugspreis konnten sich Interessierte eine Urnengrabstätte in der Kirche sichern, verpflichteten sich aber im Gegenzug, dieses Geld sofort zur Verfügung zu stellen. So entstand quasi ein Grundkapital. Nachdem ausreichend Absichtserklärungen eingegangen waren, konnte man sich guten Gewissens für das Projekt entscheiden: Anfang 2012 wurde die Johanniskirche entwidmet, da sie nun nominell als Friedhof gilt, und das Kolumbarium eröffnet. Ein Weg, den man nicht bereut hat in Hückeswagen, wie Elke Möhring von der Verwaltung der Kirchengemeinde erklärt: "Wir würden bestimmt nochmal so entscheiden, das sieht wirklich alles sehr positiv aus!"

Überdachter Friedhof oder Gotteshaus?

Natürlich gab es am Anfang auch Bedenken ganz anderer Art, berichtet sie. Einige Gemeindemitglieder hatten emotionale Schwierigkeiten, sich "ihre" Kirche voller Urnen vorzustellen. "Aber nach der Fertigstellung war das völlig weg. Es gab nicht einen Einzigen, der gesagt hätte: 'Das hättet ihr besser nicht gemacht!'" berichtet Möhring. "Das ist wirklich auf ganz große Zustimmung und Akzeptanz gestoßen." Und tatsächlich stammen in Hückeswagen zur Zeit rund zwei Drittel der Interessenten für einen Urnenplatz aus der eigenen Gemeinde.

Das ist nicht überall so. In Hannover zum Beispiel gab es großen Widerstand gegen die Umwandlung der Herz-Jesu-Kirche. Das Aufgehen der Kirche in einem "überdachten Friedhof" wurde moniert, und das schleichende Verschwinden christlicher Symbole von den bisherigen Friedhöfen befürchtet. Etliche Gemeinden umgehen diesen Streit, indem sie eine Doppelnutzung anstreben – als Kolumbarium UND als Gottesdienstraum. Das geht allerdings nur, indem man baulich eine klare Trennung zieht. Im katholischen Gotteshaus St. Bartholomäus in Köln zum Beispiel wurde ein Glaskasten in die Vierung gebaut, der den geweihten Bezirk umschließt und damit tatsächlich eine Kirche in der Kirche bildet. In diesem können nun beispielsweise weiterhin Eucharistiefeiern stattfinden.

Beim Neubau der evangelischen Hoffnungskirche in Leverkusen hingegen ging man einen ganz anderen Weg: Man plante bereits von Anfang an ein Kolumbarium im Glockenturm ein. Im Erdgeschoss des Turms ist nun eine kleine Kapelle eingerichtet, die Urnen werden in Fächern beigesetzt, die zugleich die Rückseite der Altarwand der Hauptkirche bilden. "So bleiben die Verstorben sinnbildlich 'im Herzen' der Gemeinde", wie es auf der Homepage der Kirchengemeinde heißt.

Natürlich werden einige Kirchen nicht nur entwidmet oder entweiht, wenn sie in ein Kolumbarium umgewandelt werden - sondern auch verkauft oder in die Hände einer von der Kirchengemeinde unabhängigen Betreibergesellschaft gegeben.

Dafür gibt es in der Regel handfeste Gründe. Allerdings wird damit oft auch eine weitere mit der Einrichtung einer Urnenkirche einhergehende Chance verspielt, die sich manchen erst auf den zweiten Blick offenbart: Die seelsorgerliche Komponente als Gemeindeaufgabe zu begreifen. "Die Kirche als Institution beziehungsweise ihre Vertreter können den Trauernden wieder näher kommen, die sich im Rahmen des Bedeutungsverlustes der Kirchen zunehmend von diesen abgewandt hatten." So formuliert es der Verein Aeternitas.

Chance Trauerpastoral

Heinrich Mussinghoff, katholischer Bischof von Aachen erklärt es gegenüber der Publikation "stadt gottes" so: "Hinter der Umwandlung von Gottesdiensträumen in sogenannte "Grabeskirchen" steht eine pastorale Idee. Nachdem die Gesetzgebung anonyme Bestattung, Friedwälder u. a. gestattet hat, war es uns eine Frage, wie wir christlicher Bestattung einen Raum des Gebetes und des Gedenkens geben könnten. Dabei war mir wichtig, dass die Botschaft von Auferstehung und ewigem Leben verkündet werden kann, dass deutlich wird, dass der getaufte Christ einen Namen bei Gott und den Menschen hat und dass die Gemeinde das Gebet für die Toten pflegt." Folgerichtig gibt es beispielsweise in der zum Bistum Aachen gehörenden St. Elisabethenkirche in Mönchengladbach ein regelrechtes Zentrum für Trauerpastoral mit Angeboten von Trauergruppen über "Walking für Angehörige" bis hin zu sonntäglichen Gedenkgottesdiensten für die Toten – bei denen die Kirchenbänke wieder voll sind.

Diesem Beispiel folgen viele Gemeinden, in denen sich Urnenkirchen befinden, und bieten vielfältige Trauerbegleitung und Seelsorge an. Damit erreichen sie außer den Gemeindemitgliedern immer wieder auch kirchenferne Angehörige, deren Verstorbene in aller Regel auch ohne Konfessionszugehörigkeit in einer Grabeskirche bestattet werden können. Und sie wirken damit dem wohl zynischsten Kommentar entgegen, der von einigen Kritikern der Urnen- und Grabeskirchen kommt. Dieser lautet, dass sich die Kirche jetzt immer mehr um die Toten kümmern und damit zeigen würde, auf welche Zukunft sie eigentlich setze. Nicht nur inhaltlich setzt also diese Arbeit dem etwas entgegen, sondern manchmal auch ganz praktisch: Wenn der eine oder die andere über die Trauer der christlichen Botschaft und ihrem Angebot wieder näher kommt…

Dieser Artikel erschien erstmals am 25. November 2013 auf evangelisch.de.