Nazi-Leaks-Portal: Von hilfreich bis unsinnig

Nazi-Leaks-Portal: Von hilfreich bis unsinnig
Seit drei Wochen veröffentlichen anonyme Aktivisten auf der Website Nazi-Leaks Adressen und Telefonnummern von NPD-Spendern und Kunden rechtsradikaler Versandhäuser. Seitdem schalten sich rechte und linke Hacker gegenseitig die Homepages ab. Eine große Enthüllung ist aus den Datensätzen noch nicht entstanden.
18.01.2012
Von Miriam Bunjes

"Wir haben bald eine kleine Überraschung für euch. Freut euch drauf", schreibt OpBlitzkrieg auf Twitter. Im Netz ist die Überraschung noch nicht zu lesen, doch sie wird aus Daten bestehen. Daten über Rechtsradikale: Namen, Adressen – frei zugänglich im Netz. Denn #OpBlitzkrieg twittert für Nazi-Leaks, einem neuen Enthüllungsportal, das in der Wochen zwischen den Jahren online ging.

Auf der Website prangt die Maske der weltweiten Hacker-Vereinigung Anonymous und die kurze Information: "Plattform für Informationen über Neo-Nazis und ihre Strukturen". Den martialischen Twitter-Namen erklärt das Bild neben den bisher gesammelten Leaks: Ein großer Mann mit Anonymous-Maske versohlt einem Jungen mit Hakenkreuz den Hintern – das ist "Operation Blitzkrieg". Ein Krieg im Internet, ein Krieg mit Daten gegen Rechtsextreme. Zehn Leak-Links stehen auf nazi-leaks.info – sie sind erst seit wenigen Tagen wieder unter der neuen Adresse zu lesen. Denn die Angegriffenen haben die Kriegserklärung angenommen und Ende letzter Woche die Ursprungsseite mit Denial-of-Service-Attacken abgeschaltet – der bekanntesten Waffe des Hackerkollektivs Anonymous.

Nazi-Leaks will die bekannten Daten zentral erfassen

Adressen des in Deutschland verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerks, das neonazistische Musikgruppen vernetzt und organisiert, Adressen und Telefonnummern von Kunden des Thor Steinar-Versandhaus und "Eric & Sons", die unter Rechtsextremen beliebte Kleidung vertreiben, eine NPD-Spender-Liste, aber auch Informationen über die British National Party: Diese Daten kursieren in Teilen schon länger im Netz. In einem Chat mit Spiegel-Online erklärte ein Sprecher der aus fünf bis zehn Anonymous-Aktivisten bestehenden Gruppe hinter Nazi-Leaks, man hätte das vorhandene Material "einfach mal zentral zusammentragen wollen". Anlass seien die im November bekannt gewordenen Morde des Thüringer Nazi-Trios, das sich "Nationalsozialistischen Untergrund" nannte. Die Informationen sollen die Diskussionen um ein Verbot der NPD weitertreiben und Verantwortliche "zum Schwitzen" bringen.

Namen, Adressen, Telefonnummern – wer sie wie beschafft hat, wie alt sie sind und vor allem ob sie wirklich echt sind: All dies können User erstmal nicht erkennen. "Die Daten sind so erstmal ungeprüft und auch nicht eingeordnet", sagt Alexander Häusler, Sozialwissenschaftler bei der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf. "User sollten sich klarmachen, dass sie die Informationen prüfen müssen, bevor sie sie verwenden und beurteilen."

Spender wollen nicht als Unterstützer einer rechtsextremen Partei dastehen

Bei zumindest einem Leak-Link wurde schlecht recherchiert: Die "Autorenliste" genannte Adressensammlung der Zeitung "Junge Freiheit" enthält nach Angaben der Zeitung auch Datensätze von Interviewpartnern – auch von solchen, die die Interviewanfrage ablehnten, berichteten Medien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Fernsehsender N-tv. Die Junge Freiheit stellte Strafanzeige gegen Unbekannt, Nazi-Leaks nahm den Link von der Seite.

[listbox:title=Mehr im Netz[Werbevideo von Anonymous auf YouTube##Die Arbeitsstelle Neonazismus der Uni Düsseldorf##Die Enthüllungs-Webseite "Nazi Leaks"##Das "Netz gegen Nazis" der Amadeu-Antonio-Stiftung]]

Den Rechtsextremen schaden könnten die Seiten-Betreiber mit dem Datenkrieg aber durchaus, sagt Neonazi-Forscher Häusler. "Die NPD ist von Spenden abhängig, den Spendern ist es aber wichtig, öffentlich nicht als Unterstützer einer rechtsextremen Partei dazustehen. Ein solches Portal kann also zum Spendeneinbruch führen." Das Gleiche gilt für die rechtsextremen Handelsketten, deren Kunden verschreckt werden könnten. Das Enttarnen der Gegner sei keine neue Erfindung in der antifaschistischen Szene. "Im Internetzeitalter ist es nur leichter geworden", sagt Häusler.

Listen dann einfach ins Netz zu stellen findet Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung allerdings sinnlos und auch gefährlich. "Was nützt es, diese Daten zu veröffentlichen?" fragt Rafael. "Jetzt gibt es einen virtuellen Pranger, auf dem ungeprüfte Informationen stehen." Dabei würden nicht Kader oder Strukturen rechtsextremen Organisationen aufgedeckt, weil relevante und nicht relevante Informationen nicht unterschieden würden. "Wer einmal ein T-Shirt bei einem rechtsextremen Versand bestellt hat, sollte nicht mit Adresse im Netz stehen." Dort bleibe sein Name in diesem Zusammenhang – auch wenn seine Einstellung sich ändere. "Die Listen können auch als Aufruf zur Gewalt gegen die Gelisteten verstanden werden", sagt sie. Im Netz wird von Beginn an über diese Frage heftig gestritten: Ist Nazi-Leaks Online-Pranger und gefährliches Denuziantentum oder ein berechtigtes Mittel gegen eine menschenverachtende Ideologie? "Es ist wichtig, die rechtsextreme Szene im Auge zu behalten, dazu gehört aber mehr, als Datensätze online zu stellen", sagt Simone Rafael.

Eine journalistische Aufbereitung fehlt

Gehackt wurden rechtsextreme Organisationen schon mehrfach. "Inzwischen haben sie aber auch nachgerüstet", sagt Alexander Häusler. "Es gibt dort auch immer mehr Wissen um die Funktionsweise des Netzes." Seit Beginn der Leak-Seite startete daher auch die "OP Takedown" – der virtuelle Gegenangriff der Rechten, wie "OP Blitzkrieg" bei Twitter nachzulesen.

Eine neue Enthüllung über die Verflechtungen der Neonazi-Szene hat die Seite bislang nicht ergeben. "Journalistisch können die Daten nützlich sein", sagt Simone Rafael vom Netz gegen Nazis. Journalistisch müssten sie allerdings anders bearbeitet werden, sagt taz-Redakteur Wolf Schmidt. Im Februar 2011 erhielt die tageszeitung Daten aus einem Leck bei der Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD): Mehr als 60.000 interne E-Mails wurden ihr zugespielt. Einfach online stellen kam nicht in Frage. "Wir wollten der Öffentlichkeit nichts Relevantes vorenthalten, mussten aber auch die Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter schützen", sagt Schmidt, einer der sechs Redakteure, die den riesigen Datensatz durcharbeiten. Denn auch Bekannte und Angehörige werden in den Mails erwähnt.

"Wir haben die Funktionäre der NPD ins Zentrum gestellt: Ihr rassistisches Gedankengut kam in den Mails deutlich zutage – und wie die Mächtigen der NPD denken, reden und ihre Partei lenken ist die zentrale Information für die Öffentlichkeit, um die Partei richtig einzuschätzen", sagt Schmidt Vor der Veröffentlichung musste auch erst einmal fest stehen, dass die Daten echt sind. Das Nazi-Leak-Portal kann wertvoll für recherchierende Journalisten sein, meint Schmidt. Ungeprüft seien die Daten aber mit Vorsicht zu verwenden: "Ob sie echt sind, wie alt sie sind oder ob die aufgeführten Personen wirklich rechtsextrem sind, weiß man so erstmal nicht."


Miriam Bunjes ist freie Medienjournalistin.