Dienst am Mikro: Der israelische Militärsender Galei Zahal

Dienst am Mikro: Der israelische Militärsender Galei Zahal
Der israelische Militärsender "Galei Zahal" ist für viele junge Leute ein Sprungbrett in die Medien. Auch der Deutschlandkorrespondent Eldad Beck hat vor 28 Jahren dort als Rekrut angefangen.
07.06.2011
Von Caspar Schlenk

Eldad Beck ist an den Ort zurückgekehrt, an dem der Israeli vor 28 Jahren seinen Wehrdienst abgeleistet hat. Seit über sechzig Jahren sendet die Radiostation aus Jaffa, gleich neben Tel Aviv. Und seit über sechzig Jahren arbeiten in dem alten Gebäude junge Rekruten an den Schaltpulten und Mikrofonen. Gesendet wird das Programm rund um die Uhr in Hebräisch, auch auf Kurzwelle und im Internet.

David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, hatte den Sender der Zahal, der israelischen Streitkräfte, im September 1950 als Informations- und Grußsender für Soldaten und Einwanderer ins Leben gerufen. Heute läuft auf Galei Zahal vor allem Popmusik, das personelle Erfolgsrezept aber ist dasselbe geblieben: Die Hälfte der Mitarbeiter besteht aus Wehrdienstleistenden. Die 18- bis 22-Jährigen sorgen regelmäßig für frischen Wind, bringen die neuen Musiktrends mit ins Studio und unter die Hörerschaft. So viel Schwung hat dafür gesorgt, dass aus den "Wellen der Zahal" einer der erfolgreichsten Radiosender des Landes wurde.

Und quasi nebenbei hat sich Galei Zahal zu einer Kaderschmiede für israelische Journalisten entwickelt. Einen festen Lehrplan gibt es hier nicht. Egal ob die Wehrdienstleistenden mit dem Mikro auf der Straße unterwegs sind oder am Schaltpult stehen: Nach einem Monat Intensivtraining funktioniert das Ganze nach dem Prinzip Learning by doing. Auch die Wehrdienst-Drecksarbeit müssen die angehenden Journalisten erledigen, die Treppen schrubben etwa oder Wache schieben an der Eingangstür des Radiosenders.

Fünf Minuten bis zum Ministerpräsidenten

Über 1.000 Rekruten versuchen jedes Jahr, einen der 30 Plätze beim Radio zu ergattern. Sie müssen einen Wissenstest ablegen, es gibt ein persönliches Gespräch und Rechercheaufgaben, die es in sich haben. Inbal Gasit, die ihren Militärdienst ebenfalls hier abgeleistet hat und jetzt als Zivilistin beim Sender arbeitet, beschreibt die Anforderungen so: "Jeder, der hier sitzt, muss es schaffen, den Ministerpräsidenten ans Telefon zu bekommen."

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Angefangen hat es so auch für Eldad Beck, der heute in Berlin-Prenzlauer Berg wohnt. Der 46-Jährige ist Deutschland-Korrespondent der israelischen Tageszeitung "Yedioth Ahronot ", schreibt über Westerwelle, Merkel, NS-Verbrecher oder auch mal über die Berliner Toiletten. Ursprünglich hatte er davon geträumt, Radio-Sprecher zu werden, als er sich für die Wehrdienstzeit bei Galei Zahal bewarb. Nach vier Monaten Auswahlverfahren hatte Beck es geschafft. Doch nicht wie erhofft als Moderator, sondern als Redakteur.

Dass er im multi-kulturellen Haifa eine Schule besucht hatte, an der Arabisch unterrichtet wurde, machte ihn für den Sender besonders interessant. "Es hat zu der Zeit überall geknallt im Nahen Osten", sagt Beck. Er verfolgt also die arabischen Sender und berichtet über den Bürgerkrieg im Libanon, vom Iran-Irak-Krieg und von den Friedensverhandlungen mit Ägypten. An manchen Tagen ist er so oft in den Nachrichten zu hören, dass man seine Stimme draußen wiedererkennt. "Bist du nicht der aus dem Radio?", wird er gefragt. Beck ist damals 18 Jahre alt.

Ohne Gewehr unterwegs

Als einer der Ersten berichtet er für Galei Zahal aus den besetzten Gebieten, spricht mit Palästinensern. "Vorher ging es in den Berichten nur um die Armee oder um die Siedler", sagt Beck. An eine Geschichte erinnert er sich noch genau: In Nablus trifft er einen Mann, der bei einem Attentat beide Beine verloren hat. Der junge Eldad kommt in Uniform, mit Mikro und Gewehr. Der Mann sagt: "Du bist in meinem Haus willkommen, aber ohne Waffe." Nach dem Vorfall spricht der junge Rekrut mit seinem Vorgesetzten: Fortan darf er die Uniform ablegen und ohne Waffe arbeiten.

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1987 ging Beck nach Paris, um dort Islamwissenschaften zu studieren. Mitte der 90er Jahre kehrte er während des Friedensprozesses von Oslo als Zivilist zum Radio zurück. Die Parteien verhandelten damals auch über einen Radiosender für Palästina. Beck erzählt von Mauern in Tel Aviv, auf denen stand: "Wozu brauchen die Palästinenser einen Radiosender? Sie haben doch Galei Zahal." Ein Kompliment für den Sender, der trotz seiner Nähe zum Militär Wert darauf legt, objektiv zu berichten.

Das Radio kann verbinden

Den gesamten Nahen Osten hat Eldad in den vergangenen Jahren bereist. Erst kürzlich berichtete er über eine deutsch-israelische Initiative, die im Westjordanland ein Kino wiederaufgebaut hat. Doch das Internet macht seine Arbeit im Ausland schwieriger: Obwohl er einen europäischen Pass besitzt, darf er in viele Länder nicht einreisen, wenn die Leute über Google erfahren, dass er israelischer Journalist ist. Er bedauert das, denn er ist weiterhin überzeugt: "Nichts kann uns eher zusammenbringen als die Berichterstattung von der anderen Seite."

Galei Zahal fühlt er sich weiterhin verbunden. Als er im letzten Jahr zum 60. Geburtstag des Senders kommt, stellt er fest, dass sich seit seinem Weggang einiges verändert hat. Es werde nicht mehr so viel Wert auf sprachliche Feinheiten gelegt, sagt Beck. Dafür ist eine neue Welle dazugekommen, die hauptsächlich Musik und Verkehrsinformationen sendet. Doch auch wenn Songs von "Tokio Hotel" und "Polarkreis 18" heute wie selbstverständlich dazu gehören – jeden Morgen zu Sendebeginn wird zuerst die die israelische Hymne gespielt, die "Hatikwa". Das ist das hebräische Wort für Hoffnung.


Caspar Schlenk ist freier Journalist.