Keine Entschuldigung ohne Reue

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Foto: Matthias Albrecht

Wer seine Hand zur Entschuldigung reicht, muss vorher bereuen.

Die römisch-katholische Kirche müsse sich bei Homosexuellen entschuldigen, erklärt Papst Franziskus zu Beginn der vergangenen Woche. An diesen Worten fällt auf, der Bischof von Rom spricht im Konjunktiv. Und dieser Konjunktiv ist absolut angemessen, denn in der Lage sich bei Lesben und Schwulen zu entschuldigen, ist die römisch-katholische Kirche noch lange nicht.

Sich entschuldigen meint den Vorgang, andere Menschen nach einem begangenen Unrecht um Verzeihung zu bitten. Dafür gibt es Voraussetzungen: Erstens, dass die Person, die sich entschuldigen möchte, das, was sie getan hat ernstlich bereut. Zweitens, dass sie glaubhaft anstrebt, dieses Verhalten in Zukunft nicht zu wiederholen. Was das Handeln gegenüber Homosexuellen betrifft, lässt sich die Erfüllung dieser beiden Kriterien jedoch weder beim Papst noch bei der Institution der römisch-katholischen Kirche erkennen.

Bereuen kann, wer Reue empfindet. Ob ein Mensch wirklich innere Reue empfindet, das können wir von außen nicht feststellen, diese Kenntnis bleibt Gott vorbehalten. Deshalb geht es mir im Folgenden auch nicht darum, Überlegungen zur subjektiven Reue von Papst Franziskus oder anderen kirchlichen Vertreter_innen anzustellen. Mich interessiert vielmehr, ob denn die objektiven Voraussetzungen für eine Reue überhaupt gegeben sind. Denn, wer bereuen will – das dürfte unstrittig sein – muss zunächst einmal wissen, was er denn bereut. Und hier klafft in den Aussagen des Bischofs von Rom eine große Lücke. Er spricht zwar davon, dass die römisch-katholische Kirche viel dazu beigetragen habe, Homosexuelle ins gesellschaftliche Abseits zu schieben, aber auf welche Weise das geschehen ist, darüber hat er seit dem Beginn seiner Pontifikates vor drei Jahren auch nicht annährend eine ausreichend Erklärung abgegeben. Es ist auch nicht in Sicht, dass dieses Schweigen ein Ende finden soll. Der Vatikan plant nach wie vor keine Bestandsaufahme, keine systematische Aufarbeitung und auch keine Intervention, wenn Homosexuelle in der römisch-katholischen Kirche diskriminiert werden. Ohne das aber muss doch jedes Ansinnen der Entschuldigung substanzlos bleiben. Für was denn will sich der Papst entschuldigen? Wie kann er bereuen wollen, wenn er nicht mal erklären kann, was er bereut und – da kommt die zweite Voraussetzung für eine Entschuldigung ins Spiel – wie kann er ein Verhalten abstellen wollen, das er nicht mal benennen kann?  

Die Durchführung einer historischen Analyse des anti-homosexuellen Unrechts, das die römisch-katholische Kirche und ihre Oberhäupter über die Jahrhunderte begangen haben, nimmt sicherlich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch. Doch auf das Endergebnis einer solchen Studie muss der Papst– so wichtig und notwendig diese Analysearbeit auch ist – ja nicht erst warten, um die Missetaten, die die römisch-katholische Kirche begangen hat und auch weiterhin begeht, zu erkennen. Fast keine Woche vergeht, in der nicht irgendein römisch-katholischer Bischof erklärt, Homosexuelle seinen  krank, zerstörten die Ehe und Gesellschaft, seien dämonisch besessen oder ähnliches. Warum schweigt der Vatikan beharrlich dazu? Wer nun entgegenhalten will, der Papst bevormunde seine Bischöfe nicht, den frage ich, wie schnell sich der Vatikan entschieden abgrenzen würde, wenn ein Bischof antisemitische Äußerungen tätigte und ob das dann auch eine Bevormundung oder nicht eher eine mehr als angemessene Intervention wäre? Das eigentliche Problem, das jede ernsthafte Entschuldigung seitens der römisch-katholischen Kirche derzeit undenkbar macht, liegt jedoch nicht allein in den ausbleibenden Reaktionen des Bischofs von Rom auf die Aussagen anderer, es liegt viel mehr bei ihm selbst. Er ist es doch, der erst vor wenigen Monaten in seinem Schreiben Amoris laetitia (dt. Die Freude der Liebe) die Ungleichheit homo- und heterosexueller Partnerschaften, sowie die vermeintliche Komplementarität der Geschlechter neu festzuschreiben versucht hat. Mit solchen Äußerungen, die ihre Wirkung in der ganzen Welt entfalten, setzt sich Franziskus an die Spitze derer, die symbolische Gewalt gegen Homosexuelle ausüben. Der Papst selbst bereitet den Nährboden für radikale und radikalste Kräfte mit. Vor diesem Hintergrund wirkt auch nur das Ansinnen einer Entschuldigung bei den Lesben und Schwulen so, als träte er jemand auf den Fuß, erkläre währenddessen, dass es ihm leidtue und stampfe dann zur Bekräftigung noch einmal mit voller Wucht auf den fremden Fuß. Das ist keine Umkehr!

Trotz allem hoffe ich darauf, dass Franziskus seine Entschuldigung subjektiv ernst meint, dass er wirklich will, was er letzte Woche, wenn auch vage andeutet. Darum bete ich:

"Herr, schenk denen Umkehr, die Lesben und Schwule, die ihre Liebe leben,  herabsetzen. Schenke denen Umkehr, die durch ihre Worte und Taten den Hass gegen homosexuelle Liebe schüren. Schenke Einsicht, die am Ende eine echte Versöhnung zwischen Deinen Kindern möglich macht. AMEN."