Das "Gottesteilchen" und die Folgen

Der Durchbruch am Forschungszentrum CERN in Sachen Higgs-Teilchen hat gehörig Wellen geschlagen. Da es dabei auch immer wieder um religiöse Bezüge ging, hier ein kleiner Überblick über die Diskussion.

Bald zwei Monate ist es nun schon wieder her, dass die vielleicht bedeutsamste wissenschaftliche (oder jedenfalls physikalische) Nachricht der vergangenen Jahre verkündet wurde: die Entdeckung des Higgs-Bosons - oder jedenfalls eines Higgs-ähnlichen Teilchens. Darum ging es damals schon in diesem Blog - vor allem um die Frage, warum das Higgs in den Medien gern als "Gottesteilchen" bezeichnet wird, obwohl diese Bezeichnung völliger Humbug ist.

In der Folge gab es aber noch einiges an Artikeln und Stellungnahmen, die in den Bereich dieses Blogs fallen - angesichts des Schlagworts vom "Gottesteilchen" kann das kaum verwundern. Und auch wenn sich praktisch alle Experten vom skeptischen Naturwissenschaftler bis zum kirchlichen Würdenträger einig sind, dass der Begriff irreführend und inhaltlich durch nichts gerechtfertigt ist: Die Diskussion an sich ist durchaus interessant, da die Ansichten - außer im genannten Punkt - völlig gegensätzlich sind.

So schreibt der Theologe Philip Clayton in der "Huffington Post":

"Die Naturwissenschaftler sind nicht übers Ziel hinausgeschossen, als sie die Entdeckung (…) verkündeten. Sie hatten einfach nur verdammt gute Wissenschaft betrieben. Die Freunde und Feinde der Religion sind dagegen beide übers Ziel hinausgeschossen. . Die Jagd nach dem Higgs-Boson, und seine letztendliche Entdeckung, liefert für Gott weder einen Beweis noch einen Gegenbeweis."

Sargnägel und Strohmänner

Zu den Religionsgegnern, die das Higgs für ihre Ziele einzuspannen versucht haben, gehört etwa der bekannte britische Chemiker und Atheist Peter Atkins. Der BBC sagte er (hier die Audioaufzeichnung):

"Sie können sich nicht vor der Tatsache verstecken, dass die Naturwissenschaft mehr Fortschritt im Verständnis der tiefen Struktur der Welt macht, als es die Religion nie getan hat (…) das Higgs-Boson ist ein weiterer Nagel im Sarg der Religion."

Natürlich ist das keine sonderlich überzeugende Argumentation, sondern nur eine Variante des von Religionsverächtern so häufig (ich frage mich, ob bewusst?!) angewandten Strohmann-Arguments: Statt mich mit der tatsächlichen Position der Andersdenkenden zu beschäftigen, bastle ich mir einfach eine simplifizierte, verzerrte Variante ihrer Position, also quasi einen Strohmann, auf den ich mit meinen schwachen Argumenten dann erfolgreich einprügeln kann. Konkret: Die Higgs-Entdeckung ist gewiss eine schlechte Nachricht für jegliche Lückenbüßer-Theologie, die Gott dort und nur dort am Werk sieht, wo die Wissenschaft die Dinge bisher nicht verstanden hat. Aber über einen solchen Lückenbüßer-Gott ist die Theologie schließlich längst hinweg, falls sie ihn jemals ernsthaft postuliert haben sollte. So setzt auch Atkins' Gesprächspartner in der BBC (dessen Identität sich mir nicht klar erschließt) sofort dagegen:

"Ich denke, auch für gläubige Menschen ist es überhaupt kein Problem, diese Entdeckung zu feiern! (…) Jemand, dessen Glauben hiervon erschüttert werden kann, hat meines Erachtens keinen sonderlich gut durchdachten Glauben."

Ein weiterer Atheist, der in Claytons Worten wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen ist, ist der US-Physiker Lawrence Krauss. Zwar zeigt Krauss in der New York Times nur eine vielleicht etwas überschwängliche, aber durchaus nicht ehrenrührige Begeisterung für diese Großtat der Wissenschaft, und schreibt - in Anknüpfung an einen früheren CERN-Direktor, der Teilchenbeschleuniger als "gothische Kathedralen unserer Zeit" bezeichnet hat:

"Sowohl Kathedralen als auch Beschleuniger sind Werke unvergleichlicher Erhabenheit, welche die Schönheit des Lebens feiern. Die offenbare Entdeckung des Higgs führt uns zwar vielleicht nicht zu besseren Toastern oder schnelleren Autos. Aber sie ist ein bemerkenswertes Fest des menschlichen Geistes, der die Geheimnisse der Natur aufzudecken vermag, und der Technologie, die diese Geheimnisse der Kontrolle unterwirft. Verborgen in dem, was wie leerer Raum aussieht - also wie das Nichts, welches übrigens immer interessanter wird - stecken die Elemente, die die Grundlage unserer Existenz ausmachen. Indem sie dies demonstriert, wird die Entdeckung unseren Blick auf uns selbst und auf unseren Ort im Universum verändern. Sicherlich ist das das Markenzeichen großartiger Musik, großartiger Literatur … und großartiger Wissenschaft."

Im Magazin "Newsweek" wird Krauss aber expliziter und greift religiöse Vorstellungen direkt an (im Original nachzulesen hier, Hervorhebung von mir):

"Wenn wir davon ausgehen, dass das fragliche Teilchen tatsächlich das Higgs ist, bestätigt es eine noch nie dagewesene Revolution in unserem Verständnis der fundamentalen Physik. Es bringt dann die Wissenschaft näher zu dem Ziel, damit aufzuräumen, dass für die Erklärung des Universums zurück bis zu seinem Entstehen - und vielleicht darüber hinaus, falls es ein Davor gab - irgendwelcher übernatürlicher Schwindel nötig sei. (...) es legt nahe, dass die Eigenschaften von Materie und die unser Dasein beherrschenden Kräfte davon herrühren, dass sie mit dem wechselwirken, was ansonsten wie leerer Raum erscheint (…) Menschen, mit ihren bemerkenswerten Werkzeugen und ihren bemerkenswerten Gehirnen haben womöglich gerade einen Riesenschritt dahin getan, metaphysische Spekulation mit empirisch verfizierbarem Wissen zu ersetzen. Das Higgs-Teilchen ist nun wohl relevanter als Gott."

Das ist nun zweifellos wortgewaltiger als Peter Atkins, aber inhaltlich auch nicht stärker: Auch Krauss geht offenbar davon aus, dass alles menschliche Streben nach Erkenntnis und Sinn allein damit zum Ziel kommen wird, dass eine physikalisch lückenlose Beschreibung unseres Universums möglich wird - am besten bis zu dem Punkt, dass sich auch die Existenz des Universums selbst aus Naturgesetzen erklären lässt. Kein Gedanke daran, dass auch das Vorhandensein der Naturgesetze selbst Fragen aufwirft …

Kategorienfehler und Anti-Realisten

Wie naiv das Unterfangen ist, alle Erkenntnis auf das Physikalisch-Materielle zu reduzieren und damit der Zuständigkeit der Naturwissenschaft zu unterwerfen, spießt der britische Mathematiker und Christ John Lennox in einer Replik auf Krauss auf, die vor kurzem in der "Times" und dann in der "Christian Post" erschienen ist. In Anspielung auf den von Krauss ins Spiel gebrachten "Riesenschritt" zur Abschaffung metaphyischer Spekulation schreibt Lennox:

"Krauss selbst hat diesen Riesenschritt nicht getan: Seine Aussage ist weit davon entfernt, eine wissenschaftliche zu sein. Es handelt sich vielmehr um eine weitere metaphysische Spekulation - eine Mischung aus Überheblichkeit und einem inadäquaten Konzept von Gott. Was meint Krauss mit 'relevanter als Gott'? Relevant im Bezug worauf? Ganz klar: Für die Frage, wie das Universum funktioniert, ist das Higgs-Teilchen relevanter als Gott. Anders verhält es sich mit der Frage, warum es ein Universum gibt, in dem Teilchenphysik betrieben werden kann. Der Verbrennungsmotor ist wohl relevanter als Henry Ford für die Frage, wie ein Auto funktioniert, aber nicht für die Frage, warum es überhaupt existiert. Mechanismen und/oder Naturgesetze mit der Antwort auf die Frage nach Ursache oder Urheber (agency) zu verwechseln, so wie es Krauss hier tut, ist ein Kategorienfehler, der leicht passiert, wenn man die Metaphysik übergeht."

Dass es sich für Naturwissenschaftler durchaus lohnen kann, die philosophische Diskussion zur Kenntnis zu nehmen, hebt auch die "FAZ" hervor - wenn auch mit anderer Zielrichtung: In ihrem Blog anlässlich der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau macht die Autorin Sibylle Anderl deutlich, dass die meist unausgesprochenen und für selbstverständlich genommenen erkenntnistheoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft so selbstverständlich eben doch nicht sind:

"Weit schwerer zu ertragen sind dagegen für Physiker die philosophischen Anti-Realisten, die ganz grundsätzlich fragen, inwiefern wir denn überhaupt sicher sein können, dass all das auch wirklich existiert, was wir nicht mehr direkt wahrnehmen können. Sind Quarks und Higgs-Bosonen tatsächlich so real wie Kaffeetassen und Erdbeerkuchen? Oder sind sie nur Fiktionen innerhalb unserer Theorien, die wir dafür konstruiert haben, um direkt Beobachtbares korrekt zu erklären und vorherzusagen?"

Auf dieser völlig grundlegenden Ebene baut auch jegliche Wissenschaft auf einer Art Glauben (freilich keinem religiösen) auf. Und wie dann unsere Vorstellungskraft beim Thema Teilchenphysik gesprengt wird, macht die "FAZ" noch in einer recht amüsanten Bilderserie anschaulich: Sie hat die Tagungsteilnehmer - Nobelpreisträger und Nachwuchswissenschaftler - gebeten aufzumalen, wie sie sich das Higgs-Teilchen vorstellen.

Aber zurück zu einer christlichen Perspektive. Hier bleibt festzuhalten, wie schon eingangs gesagt wurde: Für die Gottesfrage trägt das vermeintliche "Gottesteilchen" nichts aus. Zu dem Schluss kommt auch der emeritierte Ulmer Physiker und Wissenschaftsphilosoph Peter C. Hägele in einem Beitrag für das Institut für Glaube und Wissenschaft, in dem er physikalische Hintergründe und theologische Diskussion gut lesbar zusammenfasst:

"Die Presse hat die Bezeichnung 'Gottesteilchen' für das Higgs-Boson gerne aufgegriffen und verbreitet. Physiker sind da zurückhaltender. (…) Auch der Forschungsdirektor von DESY in Hamburg, Joachim Mnich, der auch am CERN arbeitet, verwendet den Begriff nicht gerne und sagte: 'Nach meiner Meinung sind entweder alle Teilchen Gottesteilchen oder keins.' (…) Für den Christen – sei er Naturwissenschaftler oder nicht – ändert sich überhaupt nichts an seinem Glauben an Gott den Schöpfer. Er verfolgt mit Interesse das fortschreitende Verständnis für die gottgegebenen Ordnungen der materiellen Welt und staunt über ihr raffiniertes Zusammenspiel."

"Gott ist wie ein Higgs-Boson"?!

Zum Abschluss nun noch ein Gedanke, der über das bisher Gesagte hinausgeht und den ich bei William Lane Craig gefunden habe, einem christlichen US-Philosophen, der gern in öffentlichen Debatten mit Atheisten den Glauben mit argumentativer Wucht verteidigt. Ihm gefalle die Bezeichnung Gottesteilchen sehr, schreibt Craig auf seiner Webseite www.reasonablefaith.org,

"... denn sie unterstreicht zwei Aspekte von Gottes Existenz: dass er die Welt am Sein erhält und dass er verborgen ist. Zum ersten Punkt: Der christlichen Theologie zufolge hat Gott nicht nur das Universum erschaffen und zum Sein gebracht, sondern er erhält es jeden Moment am Sein. Würde er seine aufrechterhaltende Kraft entziehen, würde das Universum sofort vernichtet. Ganz ähnlich gilt auf physikalischer Ebene: Ohne das Higgs-Boson hätte nichts eine Masse und es könnte keine physikalischen Objekte im Universum geben. (...) Zum zweiten Punkt: (...) Nicht nur, dass Gott für die fünf Sinne nicht wahrnehmbar ist, da er kein physikalisches Objekt ist - manchmal scheint er auf frustrierende Weise abwesend zu sein, wenn wir ihn am meisten brauchen. Aber das Higgs-Boson lehrt uns, dass physikalische Nichtdetektierbarkeit kein Beweis für Nichtexistenz ist. Etwas kann objektiv da und real sein, sogar überall präsent, selbst wenn wir es nicht direkt wahrnehmen. Nur weil Sie möglicherweise im Leiden Gottes Wirken nicht sehen, folgt daraus nicht, dass Gott in Ihrer Situation nicht anwesend ist und handelt, von Ihnen unbemerkt. Auf diese Weise ist das Higgs-Boson eine nette Erinnerung für diese Eigenschaften von Gottes Existenz."

"Gott, das Higgs-Teilchen" als ein Bild, das uns in ähnlicher Weise hilft, eine Vorstellung vom Unvorstellbaren zu bekommen wie "der Vater", "die Liebe" oder "der Geist"? Würde mich interessieren, was ihr dazu denkt!

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