Hat Religion schädliche Auswirkungen?

„Glaube verdirbt die Gesellschaft“ - so ist ein aktueller Online-Beitrag von DRadio Wissen polemisch betitelt. Er bezieht sich auf ein Interview mit dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas, der von Studien erzählt, welche die genannte These angeblich belegen.

Religiöse Menschen glauben nicht nur, sie glauben vor allem auch an die Vorteile ihres Glaubens: Er mache sie gesünder, friedlicher und gerechter. Studien widerlegen diesen Glauben“, heißt es im Vorspann des DRadio-Beitrags. Das klingt nach starkem Tobak: Glaube soll die Gläubigen letztlich zu schlechteren Menschen machen und ihnen schaden? Propagandisten des Atheismus wie Richard Dawkins oder in Deutschland die Giordano-Bruno-Stiftung behaupten natürlich seit langem genau das. Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender unter Berufung auf die Wissenschaft sich diese These zueigen macht, ist das freilich ein ganz anderes Kaliber. Denn wenn sich die These tatsächlich beweisen ließe, müsste das die Überzeugungen wohl jedes Gläubigen zutiefst erschüttern.

Somit ist der DRadio-Beitrag mindestens eines: ein guter Grund, diesem Blog endlich wieder Leben einzuhauchen.

Was steckt dahinter? Der knappe Online-Text gibt bereits zentrale Aussagen des knapp siebenminütigen Radiointerviews wieder. Hier meine Zusammenfassung von Text und Interview:

  • Betrachtet man Gesellschaften als Ganzes, so der Text, scheint Glauben deren Wohlergehen eher zu schaden: Je religiöser die Menschen, desto ausgeprägter soziale Ungleichheiten und weitere Negativ-Indikatoren wie Armut, Übergewicht, Teenager-Schwangerschaften, Suizide …Umgekehrt gilt: Je besser es einer Gesellschaft geht (und damit auch den Menschen), desto weniger religiös sind diese.

  • Dabei soll es sich nicht nur um eine Korrelation handeln, sondern um einen Kausalzusammenhang. Soll heißen: Man hat nicht nur festgestellt, dass Religiosität und gesellschaftliche Dysfunktionalität gemeinsam auftreten (was heißen könnte, dass ersteres letzteres verursacht, aber auch, dass letzteres erstes bewirkt oder beides von einer noch unbekannten Ursache abhängt) - sondern es gibt, laut DRadio/Rüdiger Vaas, zumindest Hinweise darauf, dass Religiosität die Missstände (mit-)verursacht!

  • Knackpunkt für diese Zusammenhänge sind dem Artikel zufolge die sozialen Ungleichheiten: Je größer die Einkommensschere und je geringer das staatliche soziale Engagement, desto schlechter gehe es einer Gesellschaft insgesamt. Gerade religiöse Menschen nähmen aber Einkommensunterschiede leichter in Kauf und plädierten eher für niedrige Steuern, also letztlich für wenig staatliche Hilfe für sozial Schwache. Entsprechend sei ihr Wahlverhalten.

  • Länder mit weniger Gläubigen sind, so Vaas, friedlicher und die Menschen dort positiver gestimmt als in stärker religiös geprägten Staaten.

  • Fazit (Zitat Vaas): „In gewisser Weise kann man sagen, dass der Glaube das Leben im Diesseits verschlechtert, weil die Handlungen der Religiösen das allgemeine Wohl weniger fördern.“

Kein ganz neues Thema

Quellenangaben zu den Studien, die all das belegen sollen, fehlen. In einem Thread auf Google Plus verweist die Redaktion auf die Ausgabe 1/2013 von Bild der Wissenschaft (BdW). Dort ist Rüdiger Vaas Redakteur. Die Ausgabe hat das Titelthema „Hotline zum Himmel“. Ich muss gestehen, sie war meiner Aufmerksamkeit bisher leider entgangen - nun muss ich das Heft erst mal besorgen, online zugänglich sind die Inhalte nämlich (noch) nicht, nur ein Inhaltsverzeichnis. Dort heißt es: „Hirnforscher und Psychologen fanden Erstaunliches heraus über den Zusammenhang von Religion mit Lebensangst und Intelligenz, auch über Merkmale einzelner Länder. Tatsächlich verändert der Glaube sogar Hirnstrukturen.“ Gut, letzteres ist wenig erstaunlich - schließlich verändert alles, was wir tun, lernen und erleben, unsere Gehirnstrukturen, indem es Synapsen (Verbindungen zwischen grauen Zellen) neu entstehen lässt oder bestehende Synapsen stärkt, während andere, ungenutzte Verbindungen verkümmern. Aber der erste Satz passt zum Interview und der spannenden Frage, ob der Effekt von Religion auf das Wohlergehen von Mensch oder Gesellschaft empirisch nachweisbar ist und ob er gegebenenfalls positiv ausfällt.

Sodann werden zwei zum Thema gehörige Texte angekündigt:

Göttliche GesellschaftenDemokratie, Lebensqualität und Religion hängen zusammen

Gläubige GehirneWo und wie Gedanken über Gott verarbeitet werden

Genau die gleichen zwei Artikelthemen kamen vor genau drei Jahren, in der Ausgabe 1/2010, schon mal vor: Damals gab es einen Text mit Titel „Gläubige Gehirne“ über Religion und Hirnforschung sowie einen weiteren Artikel über den Zusammenhang gesellschaftlichen Wohlergehens und Religion - damals allerdings unter dem Titel „Weltangst schürt die Gottesfurcht“. Diese sind im Gegensatz zu den aktuellen Texten im Online-Archiv frei zugänglich. Und siehe da: In "Weltangst schürt die Gottesfurcht" tauchen fast alle oben genannten Punkte aus dem DRadio-Interview auch schon auf.

Deshalb nun also mal eine erste, vorläufige Auseinandersetzung mit Vaas' Argumentation auf Basis des alten BdW-Textes.

Korrelation klar, Kausalität nicht bewiesen

Je besser es einer Gesellschaft geht, desto weniger religiös sind die Menschen: Das passt genau zu dem, was der Volksmund schon immer weiß: „Not lehrt beten“. Auch Jesus hat diesen Zusammenhang, heruntergebrochen auf die individuelle Ebene, bereits verkündet: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ (Mk 10,25) Wer keine Sorgen hat, muss sie auch nirgendwo abladen; wem nichts fehlt, der sucht keinen Beistand, auch keinen göttlichen; wer im materiellen Überfluss lebt, dem geht vor lauter Beschäftigung und Zerstreuungsmöglichkeiten meistens die Zeit und Muße ab, darüber nachzudenken, was im Leben wirklich zählt.

Je religiöser die Menschen, desto schlechter geht es der Gesellschaft? Das eben Gesagte bedeutet umgekehrt natürlich auch: Wo die soziale Not größer ist, dort sind die Menschen vermutlich im Durchschnitt religiöser. Die große Frage ist aber, wie DRadio/Vaas auch eingestehen, ob es tatsächlich den behaupteten, ursächlichen Zusammenhang zwischen hoher Religiosität und schlechtem Zustand der Gesellschaft gibt - oder ob beides nur häufig gemeinsam zu beobachten ist, aus welchen Gründen auch immer (Korrelation). Solange ich Vaas‘ aktuelle Quellen nicht kenne, kann ich dazu nichts Abschließendes sagen. Sein Artikel von 2010 behauptet jedenfalls nur die Korrelation - ein kausaler Zusammenhang sei bislang nicht beweisbar, sagt eine von Vaas‘ zentralen Quellen ausdrücklich: „Es gibt bislang zu wenige gute Daten, die belegen, dass sich historisch religiöse Einflüsse verändert haben, bevor sich die ökonomischen Ungleichheiten änderten.“

Wenn sich die bloße Korrelation durch empirische Vergleiche zwischen unterschiedlichen Ländern bestätigen lässt, wäre das also keine Überraschung, aber natürlich ein interessantes Ergebnis. Vaas zitiert gewissermaßen als Kronzeugen dafür den unabhängigen US-Forscher Gregory S. Paul sowie den britischen Biologen Tom Rees. Paul hatte offenbar als erster bestehende Daten aus einer Reihe von Industrienationen dahingehend statistisch ausgewertet, einen Zusammenhang zwischen Wohlstandsindikatoren und Religiosität zu finden (wissenschaftliche Originalveröffentlichungen dazu in Journal of Religion & Society 2005 und in Evolutionary Psychology 2009).

Wie belastbar seine überzeugend wirkenden Ergebnisse tatsächlich sind, ist jedenfalls für Nicht-Soziologen erst einmal schwierig einzuschätzen. Misstrauisch kann zumindest machen, dass Gregory Paul keinesfalls ein ausgewiesener Fachmann ist - vielmehr ist der freischaffende, keiner Institution angehörige und nicht einmal promovierte Forscher studierter Geologe, der lange Jahre vor allem über das Aussehen von Dinosauriern gearbeitet hat und vor allem für seine Illustrationen Anerkennung erntete. Seine erste Veröffentlichung im Journal of Religion & Society wurde im selben Fachmagazin zudem mit einer vernichtenden Kritik beantwortet, die letztlich auf das Argument hinausläuft, Paul‘s Methodik sei zu schlecht, um irgendetwas belegen zu können. Freilich stammt auch diese Replik nicht von Religionssoziologen, sondern von Politik- und Geschichtswissenschaftlern eines christlichen Colleges.

Vaas‘ zweite Quelle Tom Rees ging auf ähnliche Weise wie Paul an die Sache heran, betrachtete allerdings weniger Wohlstandsindikatoren (nämlich einzig die Einkommensunterschiede) und dafür mehr Länder. Auch seine Untersuchung erschien nach anonymer Begutachtung im Journal of Religion & Society (2009) - allerdings ist auch Rees eben kein Fachmann, sondern laut seinem Blog Medizinjournalist und studierter Biotechnologe. Paul und Rees haben seither übrigens keine neuen Forschungsergebnisse veröffentlicht. Auf welche neuen Forschungsergebnisse Vaas in DRadio Wissen anspielt, weiß ich also nicht - damit werde ich mich in den nächsten Tagen auseinandersetzen, sobald ich den aktuellen BdW-Artikel in den Händen habe.

Der These zufolge müssten Gläubige traditionell FDP wählen

Soziale Ungleichheiten und politische Präferenzen als Knackpunkt: Hier lässt einen die Argumentation im DRadio-Beitrag spontan an die USA denken, wo - jedenfalls in unserer medialen Wahrnehmung - die „religiöse Rechte“ der obigen, negativ klingenden Charakterisierung entspricht: Sie kämpfen einerseits für niedrige Steuern und Eigenverantwortung, also für einen Rückzug des Staats aus sozialer Verantwortung - und verkörpern andererseits einen festen, mitunter fast aggressiv gelebten Glauben und Werte, die häufig als rückständig angesehen werden, etwa im Bereich der Sexualmoral.

Und tatsächlich: Vaas‘ oben genannter Kronzeuge Gregory Paul ist US-Amerikaner, und dieser beklagt auf seiner Website http://www.gspaulscienceofreligion.com dass die vergleichsweise christlichen USA „wesentlichen Indikatoren zufolge die dysfunktionalste Erste-Welt-Nation sind“. Die Schuld daran scheint er der religiösen Rechten zu geben - sie tendiere schließlich dazu, „sich einer effektiven, fortschrittlichen sozioökonomischen Politik zu widersetzen, zugunsten einer sozioökonomisch darwinistischen, dysfunktionalen Politik, welche die Religiosität des Volks begünstigt“. Dabei ist es natürlich, nebenbei bemerkt, eine sehr politische und wenig wissenschaftliche Aussage, eine nach US-Maßstäben linke Sozialpolitik als effektiv, eine rechte dagegen als dysfunktional zu bezeichnen (auch wenn Paul an dieser Stelle meine volle Sympathie hat).

Weiter beruft sich Vaas, immer noch in Bild der Wissenschaft 1/2010, auf eine Untersuchung des New Yorker Politikwissenschaftlers David Stasavage, der den Zusammenhang zwischen Religiosität und politischen Präferenzen erforscht hat - allerdings wiederum mit Fokus nur auf den USA. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Mechanismus „Religiöse Menschen wählen Parteien, die einen schlanken, sozial wenig engagierten Staat anstreben und deren Politik deshalb dem gesellschaftlichen Wohlergehen schadet“ offenbar nur für die USA nachgewiesen wurde. Ich würde behaupten, dass die dortige Situation einer starken politischen Polarisierung zwischen Positionen pro und kontra starkes Sozialsystem ziemlich speziell ist und der Zusammenhang zwischen Religiosität und Wahlverhalten sich so nicht auf andere Kontexte übertragen lässt. Gerade Deutschland ist ein starkes Gegenbeispiel: Würde die These auch hier gelten, müssten die gläubigsten Menschen traditionell FDP wählen - ein absurder Gedanke!

Weniger religiöse Länder sind friedlicher: Diese Behauptung findet sich im Artikel von 2010 so nicht, weshalb ich hier nicht darauf eingehen will. In dem Text steht nur, dass im Krieg der Stellenwert der Religion steigt - was wieder der alten „Not lehrt beten“-Weisheit entspricht und somit weder überrascht noch gläubige Menschen erschüttern muss.

Kein neutraler Journalismus

Mein (Zwischen-)Fazit: Auf Basis der mir bis dato bekannten Studien ist die Aussage, der Glaube verschlechtere das Leben im Diesseits, nach wie vor als Propaganda-Behauptung und nicht als wissenschaftlich untermauerte Tatsache einzustufen. Wenn ein Wissenschaftsjournalist wie Rüdiger Vaas sich eine solche Position zueigen macht, dürfte dies eher seiner persönlichen Vorüberzeugungen geschuldet sein als einer ergebnisoffenen Recherche. Daran finde ich zunächst nichts Verwerfliches: Keiner soll behaupten, er gehe an derartige Themen wirklich völlig unvoreingenommen und neutral heran. Alles was man verlangen kann ist journalistische Sorgfalt - nämlich im Zweifel beide Seiten zu Wort kommen zu lassen und/oder es offenzulegen, von welcher Grundüberzeugung ausgehend man sich dem Thema nähert. Das kommt mir hier aber zu kurz: Rüdiger Vaas verkauft uns eine fragwürdige Position als wissenschaftlich objektives Resultat - ohne offenzulegen, dass er selbst Partei ist. Denn was uns DRadio verschweigt: Vaas sitzt im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für einen säkularen Humanismus und somit gegen jeglichen öffentlichen Einfluss von Religion stark macht.

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