Arzneimittel-Qualität: Umstrittener Prüfer muss gehen

Arzneimittel-Qualität: Umstrittener Prüfer muss gehen
"Die Zeit des Halbgottes in Weiß ist vorbei", hat Peter Sawicki, Lieblingsfeind der Pharmaindustrie, bei seinem Amtsantritt im Sommer 2004 gesagt. Jetzt läuft seine Zeit ab: Sawickis Vertrag als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wird nicht verlängert.
22.01.2010
Von Eva Richter

Als offizieller Grund für die Entscheidung wird Fehlverhalten bei der Spesenabrechnung angegeben. Sawicki selbst streitet das ab. Politiker der Opposition halten die Ablösung des streitbaren Mediziners für "lupenreine Klientelpolitik von Schwarz-Gelb", wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach formuliert.

Das 2004 gegründete IQWiG, eines der Lieblingsprojekte der vorigen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), prüft, ob medizinische Leistungen - Arzneimittel, aber auch nichtmedikamentöse Therapien - für Patienten sinnvoll sind oder nicht. Die Empfehlungen des Instituts dienen dem Gemeinsamem Bundesausschuss, einem Gremium aus Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern, für seine Entscheidungen darüber, welches Medikament oder welche Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird und welche nicht. Dabei geht es um viel Geld: Allein für Arzneimittel gab die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 2008 knapp 30 Milliarden Euro aus, Tendenz steigend.

Wenig Freunde in der Pharmaindustrie

Mit seinen Empfehlungen hat sich das Sawicki-Institut in den vergangenen Jahren nicht immer Freunde gemacht: Zweifel am Effekt kurzwirksamer Insulinanaloga bei Diabetikern, am Nutzen eines Antidepressivums oder eines Präparates gegen Alzheimer haben Patienten verunsichert und die Pharmaindustrie hochgradig verärgert. Auch die Arbeitsweise des Instituts geriet immer wieder in die Kritik: Studien seien einseitig ausgewählt, die Methodik zeige gravierende Schwächen.

Doch nicht nur die Arbeitsweise des Instituts polarisierte, sondern auch dessen Leiter: Sawickis stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein wird von Kritikern oft als arrogant empfunden. Einen gewissen Egoismus sagt er sich sogar selbst nach: In der Publikation "Aus Fehlern lernen", die Anfang 2008 erschienen ist, gab er zu, aus reinem "Ärzteegoismus" das Leben einer Patientin aufs Spiel gesetzt und verloren zu haben: Als Assistenzarzt habe er gegen den Willen der Patientin eine OP durchgesetzt, an deren Folgen die Frau aber starb.

Methodenstreit und formale Fehler

Karriere machte der 52-Jährige als Diabetologe an der Uniklinik Düsseldorf, 2000 wurde er Direktor der Inneren Medizin des Sankt Franziskus Hospitals in Köln. Zeitgleich profilierte er sich als Diabetesforscher und war Mitherausgeber des pharmakritischen Fachdienstes "Arznei-Telegramm". Gleich zu seinem Amtsantritt als IQWiG-Chef 2004 stritt er sich mit Bundesärztekammer-Präsident Jörg Hoppe: Während Sawicki sein Konzept der evidenzbasierten (auf Beweisen beruhenden) Medizin verfocht, konterte Hoppe, dass "Medizin keine sichere Wissenschaft sei".

Ende 2007 geriet der IQWiG-Chef wegen formaler Fehler bei der Auftragsvergabe persönlich unter Beschuss: Bei sechs von 71 Auftragsvergaben wurden Fehler festgestellt, drei Aufträge gingen an das von ihm gegründete Deutsche Institut für evidenzbasierte Medizin (DIeM), dessen Geschäftsführung seine Frau innehat. Dafür kassierte er eine Ermahnung des IQWiG-Vorstandes, der ihm aber zugleich das Vertrauen aussprach

"Dann werde ich wieder Notarztwagen fahren"

Mit seinem Abrechnungsgebaren - unter anderem bei der Nutzung von zu großen Dienstwagen und überteuerten Dienstflügen, wie Sawicki vorgehalten wird - hat der Institutsleiter seinen zahlreichen Gegnern eine Steilvorlage geliefert. Politisch war er ohnehin angezählt: Schon im Koalitionsvertrag der Regierung findet sich der Passus, dass die Arbeit des IQWiG "unter dem Gesichtspunkt stringenter, transparenter Verfahren überprüft werden soll, um damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten, Leistungserbringer und Hersteller zu verbessern". Da hilft auch die Unterschriftsliste von 600 Medizinern nicht mehr, die sich zum Jahreswechsel in einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) für den Institutschef ausgesprochen haben.

Druck auszuhalten sei er gewohnt, sagte Sawicki einmal in einem Zeitungsinterview. Sollte er an der Spitze des Instituts einmal nicht mehr erwünscht sein, werde er ganz bestimmt nicht von Existenzängsten geplagt: "Dann werde ich wieder Notarztwagen fahren. Das kann ich auch gut."

epd