Erneut: Berliner "Lange Nacht der Religionen"

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Foto: evangelisch.de

Die fünf Weltreligionen symbolisch dargestellt: Der Fisch steht für das Christentum, der Davidstern für das Judentum, die Lotusblüte für den Buddismus, das "OM"-Zeichen für den Hinduismus und der Halbmond mit Stern für den Islam.

Auch in diesem Jahr wird kein eigener Bus-Shuttle zwischen den einzelnen Religionsorten zur Verfügung gestellt. Bei lauwarmen Hochsommerwetter bietet sich das Fahrrad als bequemste Möglichkeit an, möglichst viele Angebote zu erreichen. Denn auch die 2. Lange Nacht der Religionen ist eine recht kurze. Sie beginnt um 18:00 Uhr und spätestens um Mitternacht schließen die letzten Kirchen und Tempel ihre Pforten.

Bei der "Langen Nacht der Religionen" wurde schon für die jüdischen Kulturtage in den Bankreihen geworben, auch in der Synagoge Rykestraße.

Die St. Marienkirche unweit des Alexanderplatzes widmet sich an diesem Samstagabend explizit der Jugend. Mit Graffiti-Aktionen auf Leinwand an der Südseite der Kirche will man Jugendliche locken. Doch das gelingt nur bedingt. Stark alkoholisierte Punks liegen genau entgegengesetzt auf der Nordseite der Kirche zu Füßen des mächtigen Luther-Denkmales und lassen Kirche Kirche sein. Da gebe es noch viele Berührungsängste, aber man wolle im Laufe des  Abends mit Brotkörben herumgehen und so versuchen ins Gespräch zu kommen, verspricht Pfarrerin Cordula Machoni.

Mit dabei ist Gabriele Rohmann, Leiterin des Archiv der Jugendkulturen. Sie versucht bei den Evangelischen Verständnis für die unterschiedlichen Cliquen und Strömungen zu wecken: "Gerade der Alexanderplatz ist ein Spannungsfeld zwischen Jugendlichen und Älteren. Hier kommen die Jugendkulturen wie Emos, Punks und Hiphopper zusammen, die sich teilweise untereinander nicht gut verstehen und scheinbar gefährlich wirken. Es ist wichtig, mit der Jugend im Gespräch zu bleiben", erklärt sie.

Neu in diesem Jahr ist, dass die Lange Nacht der Religionen auch ein Feld für Religionslose ist: Wenige Straßen weiter bietet im Kulturhaus Podewil die Friedrich-Naumann-Stiftung und der Verein Forum offene Religionspolitik Humanisten und Atheisten die Gelegenheit, ihre religionskritischen Thesen zu formulieren.

Weg von der spitzfindigen Diskussion winkt geistige und körperliche Entspannung im nahen Lotos Vihara Zentrum. Deutsche Buddhisten haben hier mitten zwischen Plattenbauten in einer ehemals sozialistischen Kita ihr Meditationsparadies aufgebaut. Alles hier läuft über Spenden, allein auf Basis bürgerlichen Engagements.

 Menschen suchen Spiritualität

"Der Bedarf und das Interesse sind riesig. Die Lange Nacht der Religionen hat sich in Berlin durchgesetzt. Die Menschen suchen einen spirituellen Ort, etwas, was sie innerlich unterstützt", erklärt die praktizierende Buddhistin und studierte Theaterwissenschaftlerin Karin Löwenhag von Lotos Vihara.

Diesen Eindruck hat auch der Rechtsanwalt Rudolf Gridl vom Geistigen Rat der Baha’i in Berlin Mitte. Anders als noch im letzten Jahr, als zum Beispiel viele Religionslehrer mit ihren Klassen vorbeischauten, kommen in dieser Nacht vor allem junge Erwachsene, die sich einfach informieren wollen. Sie seien auf der Sinnsuche, schätzt Gridl ein. Er zumindest hat seinen Frieden in der ursprünglich persischen Religion gefunden. Moses, Jesus Christus, Krishna, Buddha und Mohammed sind für ihn durchaus aber auch Mittler des göttlichen Willens.

Doch längst nicht alle Besucher der Langen Religionsnacht sind Sinnsucher. In der unweit gelegenen katholischen Herz Jesu-Kirche flanieren mehrere ältere Menschen. Einer ist extra aus Charlottenburg mit dem Fahrrad hierhergekommen. "Ich habe hier als Kind die Bombennächte verbracht. Jetzt nach Jahrzehnten wollte ich einfach mal wieder gucken", sagt er.

Ein Ehepaar aus Hohenschönhausen wurde über die Medien auf die Lange Nacht aufmerksam. Sie nennen sich beide ungläubig, aber das prächtig ausgemalte Gotteshaus hat es ihnen an diesem Abend dennoch angetan: "Wenn man sich mal so einen Ort anguckt. Wie würde die Stadt aussehen, wenn da keine Kirchtürme wären? Mit der Einstellung gehen wir da ran. Wir gucken uns das an, wir freuen uns daran, so ist das schön."

Letzte Station an diesem Abend ist die Synagoge Rykestraße. Da sie mitten zwischen Wohnhäusern steht, wagten es die Nazis nicht, diese in der Pogromnacht abzufackeln, wären doch gleichzeitig Hunderte reichsdeutsche Wohnungen mitzerstört worden. Anders als die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße fielen hier keine Bomben, aber die DDR ließ die Synagoge verkommen. Nach der Wende wurde sie in ganzer Pracht wieder hergestellt.

Im Innenhof raucht eine ältere Dame vor der nächsten Musikeinlage eine Zigarette. Zu später Stunde gibt es noch eine Einführung in die Synagogalmusik. Die Besucherin ist extra aus Spandau hierhergekommen: "Weil ich mich ab einem bestimmten Alter überhaupt erst mal für Religionen interessiert habe. Mir bleibt dann mehr im Gedächtnis, wenn ich auch noch die Häuser dazu sehe."

Gott schenke ihr ein langes Leben. Im nächsten Jahr bei der dann schon dritten Langen Nacht der Religionen wird sie spätestens wieder Gelegenheit haben, das religiös-kulturelle Erbe der Stadt weiter zu entdecken.