Die Geburtshelferin der Babyklappe

Gabriele Stangl - Die Geburtshelferin der Babyklappe

Foto: epd/Rolf Zöllner

Seelsorgerin Gabriele Stangl hat im Krankenhaus Waldfriede vor 13 Jahren die weltweit erste mit einem Krankenhaus verbundene Babyklappe eingerichtet.

Für verzweifelte Mütter sind sie oft der letzte Ausweg: Babyklappen. Doch sie sind umstritten, weil sie nicht verhindern können, dass Babys ermordet werden. Trotzdem sieht ihre Erfinderin, eine Berliner Seelsorgerin, keine Alternative. Auch nicht die "vertrauliche Geburt", über die der Bundestag an diesem Donnerstag abstimmt.

Am Anfang lag ein toter Junge in der ersten Krankenhaus-Babyklappe der Welt, ermordet durch 15 Messerstiche. "Es war der blanke Horror", erinnert sich Gabriele Stangl, Seelsorgerin am Krankenhaus Waldfriede in Berlin-Zehlendorf, einer Einrichtung der Siebenten-Tags-Adventisten. Hier richtete die der Freikirche angehörende Theologin vor 13 Jahren die weltweit erste mit einem Krankenhaus verknüpfte Babyklappe ein. Damals dachte sie, nie wieder würde eine verzweifelte Mutter ihr Kind diesem "Babysarg" überlassen. Die Klappe sollte doch Rettung versprechen. Vier Wochen später lag dann ein gesunder Junge dort. "Es war ein Wunder", sagt Gabriele Stangl, "ich habe ihn Samuel genannt - Gott erhört".

Mittlerweile haben rund 20 Frauen die Babyklappe im Krankenhaus Waldfriede genutzt. Wenn sie ihr Kind in den mit Kissen gepolsterten Brutkasten legen, leitet ein Bewegungsmelder das Signal nach einigen Minuten an das Krankenhaus weiter. Sie Mutter hat so genügend Zeit, unerkannt wegzugehen. Diese Frauen befänden sich in existenzieller Not und müssten ihrem Umfeld Schwangerschaft und Geburt verschweigen, beschreibt Stangl: "Etwa weil sie aus einer Familie stammen, wo sie in Lebensgefahr geraten, wenn sie nicht als Jungfrau in die Ehe gehen". Oder weil ihr Partner gewalttätig sei; oder sie sich dafür schämten, Prostituierte zu sein.

"Das Recht zu leben ist wichtiger als das Recht, seine Herkunft zu kennen"

Sie suchen Schutz in der Anonymität. Neben der Babyklappe bietet das Krankenhaus Waldfriede auch die anonyme Geburt an, bei der Schwangere nicht ihre Identität preisgeben müssen. Doch beide Angebote bewegen sich in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone. Der Deutsche Ethikrat kritisiert sie, weil sie Kindern das Grundrecht auf Kenntnis ihrer Herkunft nehmen würden. Stangl sieht das anders: "Das Recht zu leben ist wichtiger als das Recht, seine Herkunft zu kennen." Immer wieder hatten der Krankenhausseelsorgerin Frauen im Vertrauen erzählt, ihr Kind umgebracht zu haben - für sie der Auslöser, die Babyklappe aufzubauen. Mittlerweile gibt es deutschlandweit rund 100 Babyklappen.

Am Donnerstag will nun der Bundestag über den Gesetzentwurf zur sogenannten vertraulichen Geburt abstimmen. Er würde Schwangeren erstmals erlauben, ihr Kind anonym zu gebären. Sie müssten sich bei einer Fachberatungsstelle zur vertraulichen Geburt melden. Dort würden ihre Daten erfasst, aber in einem Umschlag versiegelt werden, den das zur Adoption freigegebene Kind ab einem Alter von 16 Jahren einsehen dürfte. Im Krankenhaus könnten die Frauen ihre Identität hinter einem Pseudonym verbergen.

Diesen Weg hält Stangl für "zu bürokratisch und kompliziert". Frauen, die anonym entbinden wollten, würden nicht die vertrauliche Geburt wählen, "denn sie gehen auf keine Fachberatungsstellen, machen sich keine Gedanken über ein Pseudonym". Die Geburtshelferin der Babyklappe rechnet damit, dass die meisten Schwangeren in Not weiterhin die anderen Angebote nutzen würden. Nur die damit verbundenen Beratungsstellen im Krankenhaus könnten eine Rundumbetreuung leisten, beschreibt Stangl: "Wenn ich einen Anruf kriege, springe ich um zwei Uhr nachts aus dem Bett und bin in acht Minuten hier, um für die Frau da zu sein."

Gabriele Stangl denkt an Samuel

Bisher haben mehr als 200 Schwangere Hilfe bei der Seelsorgerin gesucht. Wenn sie zum Beratungsgespräch kommen, wollten sie ihr Kind unbedingt anonym auf die Welt bringen, erzählt Stangl: "Aber nach den Gesprächen haben über 95 Prozent der Frauen ihre Anonymität aufgegeben, weil sie sich sicher fühlten." Rund zwei Drittel dieser Frauen hätten ihr Kind zur Adoption freigegeben, ein Drittel habe ihr Kind sogar behalten wollen. Darüber freut sich Stangl, auch wenn sie keine Frau dazu dränge: "Die Frauen, die weiterhin anonym bleiben wollen, haben meinen Respekt. Denn sie haben Mut bewiesen, indem sie hier aufgetaucht sind."

Manchmal wird Gabriele Stangl ihre "harte Überzeugungsarbeit" zu anstrengend. Dann setzt sie sich in den Garten, spielt mit ihrer Katze - oder denkt an Samuel. "Das sind meine Kinder", sagt die 51-Jährige über Findelkinder wie ihn. Auch den Müttern ist Gabriele Stangl dankbar, deren Geschichten hätten ihre Sicht aufs Leben verändert: "Ich weiß nun, was wichtig ist im Leben: Dass mir Menschen das größte Geschenk sind."

 

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