Eine eingefrorene Männermode aus der Vergangenheit

Zwölf wissenswerte Dinge über den Talar in der evangelischen Tradition in Deutschland
Es war nicht immer so, dass Männer UND Frauen Talar tragen durften

Foto: MOF/iStockphoto

Es war nicht immer so, dass Männer UND Frauen Talar tragen durften

Im Schwerpunkt "Pfarrer und Schönheit" stellen wir die Frage nach der 'Attraktivität im Amt'. Wieviel ist erlaubt oder gewünscht? Welche Rolle spielen Körper und Kleidung, Mode und Geschmack bei evangelischen Geistlichen? Etwas, um das sie auf jeden Fall nicht herum kommen, ist der Talar. evangelisch.de klärt und erklärt zwölf wissenswerte Fakten rund um das liturgische Gewand.

1. Hätten Sie gewusst, dass…

der schwarze Talar mit weißem Beffchen der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer, wie er heute in den meisten Landeskirchen Tradition ist, NICHT auf Luther zurück geht?

Luther selbst nämlich trug im sonntäglichen Gottesdienst die Gewandung, die die Geistlichen seiner Zeit auszeichnete: Chorhemd und Kasel. Nur zur Predigt legte er, sichtbar für die gesamte Gemeinde, das Messgewand ab und sprach in der Alltags-Standeskleidung weiter zum versammelten Volk.

In seinem Fall war das zunächst die Ordenskleidung der Augustiner, und nach seinem Ausscheiden aus dem Kloster das vornehme Professorengewand seiner Zeit, die schwarze sogenannte Schaube. (Luther selbst fand es auch unwichtig für die Erlangung des Heils durch Jesus Christus, ob ein liturgisches Gewand getragen wurde oder nicht. Das gehörte für ihn zu den sogenannten 'Adiaphora', also nur mittelbaren Dingen, die laut Bibel weder geboten, noch verboten waren.) In den Gegenden, wo beispielsweise die Reformatoren Calvin und Zwingli wirkten, wurde dagegen viel radikaler mit der liturgischen Kleidung der Priester der römisch-katholischen Kirche gebrochen und schon früh in dunklen Gewändern Gottesdienst gehalten.

 

2. Hätten Sie gewusst, dass…

hauptsächlich der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der Modegeschmack für die Verbreitung des schwarzen Talars verantwortlich sind?

Der Preußenkönig nämlich verfügte per Kabinettsorder am 20.03.1811 für die preußischen Stammlande die Einführung dieses Talars als "Arbeitsuniform" für seine Beamten. Dazu gehörten übrigens nicht nur die lutherischen Pastoren, sondern auch die Richter und die jüdischen Rabbiner. Entsprechende Muster des aus schwarzem Wollstoff gearbeiteten Talars mit darunter getragenem weißen Beffchen wurden extra bei den geistlichen Behörden hinterlegt.

Autor
Keine Autoren gefunden

1917 wurde diese Verfügung dann auch auf sämtliche Länder unter preußischer Regierung ausgedehnt. Der König wollte damit der Uneinheitlichkeit und Willkür gerade bei den evangelischen Geistlichen in seinem Reich einen Riegel vorschieben. Die trugen nämlich damals, was gerade en vogue war und ihnen gefiel. In der Folgezeit führte das dann dazu, dass, wo auch immer in der Welt Lutheraner preußischer Herkunft missionierten und im 18. und 19. Jahrhundert ihre Kirchen und Gemeinden gründeten, der schwarze Talar zum selbstverständlichen Amtskleid des Gottesdienstleitenden wurde. Außerhalb der preußischen Territorien, in anderen deutschen Gebieten und Landeskirchen gab es zu dieser Zeit ganz ähnliche Entwicklungen, vielfach auch freiwillig.

Klaus Raschzok, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule in Neuendettelsau erklärt: "Der preußische Talar entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zum protestantischen geistlichen Leit-Gewand einer ganzen Epoche, da er wie kein anderes Kleidungsstück deren Zeitgeschmack und Farbempfinden mit seiner würdevoll-sachlichen Ausstrahlung entgegen kam." Vor allem die evangelischen Geistlichen, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als modern, aufgeschlossen und zeitbewusst empfunden hätten, hätten den preußischen Talar übernommen. Auch wenn er heute zeitlos wirkt, so bezeichnet Raschzok diesen schwarzen Klassiker doch als eigentlich "'eingefrorene' Männermode des frühen 19. Jahrhunderts".

 

3. Hätten Sie gewusst, dass…

der Preußenkönig 'seinen' Talar nach Luthers Vorbild entwarf – und damit einem Irrtum aufsaß?

Friedrich Wilhelm III. war offenbar sogar der Auffassung, mit dem von ihm entworfenen Talar die legitime liturgische Kleidung der Reformationszeit wieder herzustellen. Als Vorlage dienten ihm nämlich Abbildungen von Luther und anderen Reformatoren, die diese in der talarähnlichen schwarzen Schaube zeigten. Laut dem Theologen und Autor Walter Lotz prüfte er diese Bilder weder auf ihre historische Echtheit, noch fragte er danach, ob die Reformatoren die schwarzen Gewänder auch im restlichen Gottesdienst, nicht nur bei der Predigt (und im Alltag) trugen.

 

4. Hätten Sie gewusst, dass…

die Geistlichen schon Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Amtstracht selbst bezahlen mussten?

Im Unterschied zu den bisher im Eigentum der jeweiligen Kirche befindlichen gottesdienstlichen Gewändern mussten die Geistlichen ihre neuen Talare laut Verordnung des preußischen Staatsoberhaupts fortan auf eigene Kosten anschaffen. Nur für Theologiestudenten gab es eine Ausnahme: Für sie wurden in den Sakristeien größerer städtischer Kirchen entsprechende Talare bereitgehalten. Und bis heute sind die Geistlichen für die Anschaffung ihrer Amtskleidung genauso selbst zuständig, wie für die ihrer Krawatten und Socken.

 

5. Hätten Sie gewusst, dass...

lange Zeit auch ein passendes Barett zur Amtskleidung dazu gehörte?

In früheren Zeiten war eine zur Amtstracht passende Kopfbedeckung selbstverständlich. Auch in der bereits erwähnten Verordnung von Friedrich Wilhelm III. war ein solches passendes Barett vorgesehen und auch bei den von ihm verbreiteten Textilmustern dabei. Schließlich gab es auch 'Amtshandlungen', die im Freien vorzunehmen waren – mit einem adäquaten Textil auf dem Haupt.

 

6. Hätten Sie gewusst, dass…

der Talar gesetzlich geschützt ist?

Talar und Beffchen stehen im Prinzip unter dem Schutz des Paragraphen 132a des Strafgesetzbuchs, das den Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen regelt.

 

7. Hätten Sie gewusst, dass…

die weiblichen Geistlichen in der evangelischen Kirche erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt einen Talar tragen dürfen?

Tatsächlich mussten die Pfarrerinnen in den einzelnen deutschen Landeskirchen bis zu ihrer völligen Gleichstellung mit den männlichen Kollegen lange um das Recht kämpfen, überhaupt den Talar im Gottesdienst tragen zu dürfen. Das war schließlich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts soweit. In einigen Landeskirchen mussten die Theologinnen darüber hinaus auch noch Jahre nach der Einführung des Pfarrerinnentalars auf die Beffchen verzichten. Die nämlich durften nur Männer tragen, die Frauen hatten sich mit einem weißen Rundkragen auf ihrem Talar zu begnügen.

 

8. Hätten Sie gewusst, dass…

der klassische schwarze Talar schon einmal ernsthaft in Gefahr war, in geheimer Mission abgeschafft zu werden?

1970 bekam der international bekannte Designer und Modeschöpfer Heinz Oestergaard über den Wirtschaftsverband evangelischer Geistlicher in Bayern einen verdeckten kirchlichen Auftrag zum Entwurf neuer bayerischer Talare.

Ein Talarentwurf des Designers Heinz OestergaardEiner der Talarentwürfe des Designers Heinz Oestergaard (Foto: Annette Riedl, Hg.: Gottesdienst-Institut Nürnberg)

Vorangegangen waren unter anderem Proteste der Vikare in den Predigerseminaren Nürnberg und Bayreuth gegen den 'Talarzwang'. Oestergaard entwarf zu dieser Zeit auch mit großem Erfolg die neuen Berufsuniformen für die Angestellten von Polizei, Post und Lufthansa. Der Designer legte zuerst rund 30 gezeichnete Entwürfe vor, die sich mehr oder weniger am bisherigen bayerischen Talar orientierten. Fünf zusätzliche, deutlich 'mutigere' Entwürfe wurden dann auch ausgeführt. Diese schneiderte Oestergaard dem jungen Pfarrer Walter Zwanzger und seiner Ehefrau Edith auf den Leib.

Die beiden führten die Kollektion dann, von der Öffentlichkeit abgeschirmt in einer geheim gehaltenen Kirche im Großraum Erlangen, dem Referenten für Gottesdienstfragen im Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern vor. Der allerdings war von dem, was er sah, so schockiert, dass er jeden weiteren Schritt in der Sache untersagte und die Mitwirkenden um Stillschweigen über das Ganze bat. Aus diesem Grund gelangte die Öffentlichkeit erst über zwanzig Jahre später an Informationen über diese Episode.

 

9. Hätten Sie gewusst, dass…

in einer kleinen Landeskirche mitten in Deutschland eine Zeit lang ein modernerer Talar existierte?

Etwas konsequenter als die Evangelisch-Lutherische Kirche von Bayern war die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck. Hier setzte man sich mit einer neuen Talarform nicht nur auseinander, sondern führte sie – als einzige Gliedkirche der EKD – auch ein. 1968 wurde hier ein zwar weiterhin schwarzer, aber mit violettem, V-förmigem Schalkragen und Ärmelbesatz versehener Talar zum Standard. Das Ganze dauerte allerdings nur bis 1996 – dann wurde diese Alternative wieder eingestellt. Die Pfarrerschaft hatte wohl nicht richtig mitgezogen.

 

10. Hätten Sie gewusst, dass…

es beim schwarzen Talar trotzdem kleine, aber feine Unterschiede gibt?

Je nach Region oder Landeskirche steckt der Teufel… pardon, die Differenz im Detail: Da gibt es zum Beispiel Samtsättel, Ziernähte oder eine gesmokte, also mit der Hand ungleich gezogene Fältelung. 

Missionstalar mit StolaMissionstalar mit Stola (Foto: Annette Riedl, Hg.: Gottesdienstinstitut Nürnberg)

So entstanden nach und nach die preußische, sächsische, schlesische, pfälzische, kurhessen-waldecksche, hannoversche und württembergische Form des Talars. In Hamburg beispielsweise gibt es zudem die Sonderform des in Ober- und Untergewand geteilten Ornats. Dort verzichtet man auch traditionell auf die Beffchen und trägt stattdessen die sogenannte Mühlsteinkrause.

Auch die Beffchen übrigens (die ursprünglich entstanden, um die Kleidung vor dem der Mode entsprechend gepuderten Bart zu schützen) lassen sich noch einmal differenzieren:  Hier gibt es lutherische (ganz geteilt), reformierte (zusammengenäht) und unierte (halb geteilt). Im Übrigen gibt es doch auch noch eine Ausnahme vom schwarzen Talar, die nichts mit hellen Alben, bunten Stolen oder ähnlichem zu tun hat: Der 'Missions-' oder 'Tropentalar', der von Auslandspfarrern und Missionaren in heißeren Regionen der Welt getragen wird, ist – sinnvollerweise – weiß.

 

11. Hätten Sie gewusst, dass…

angehende Pfarrerinnen und Pfarrer das Bewegen im Talar in ihrer Ausbildung trainieren?

Das Vikariat, das als eher 'praxisorientierter' Teil der Pfarramtsanwärterinnen und -anwärter nach dem ersten Staatsexamen folgt, sieht tatsächlich in den meisten Landeskirchen auch ein 'Bewegungstraining' im Talar vor. Das passiert in der Regel in den Predigerseminaren und fällt unter das Ressort "Liturgische Präsenz".

Meist werden Referentinnen oder Referenten 'von außen' dafür engagiert, die Erfahrung mit Bewegung auf einer Bühne haben. Gelehrt wird dann nicht nur das unfallfreie Laufen und würdevolle Segnen, sondern auch scheinbare Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die, dass es sich empfiehlt, immer im rechten Winkel zum Altar gehen, statt diagonale Laufwege zu machen. Schließlich ist es ja heute doch so, wie der Pastor Wilhelm Torgerson aus Wittenberg in einem Vortrag sagte: "Wenn der lutherische Amtsträger Gewandung trägt, dann ist das keine Frage der Mode oder seiner persönlichen Marotte, auch nicht der Einstellung, die irgendeiner mal die Sieben letzten Worte der Kirche genannt hat: 'Sowas haben wir ja noch nie gemacht.' Gewänder sollen Werkzeuge sein, die mich in meinem Pfarrdienst, richtig eingesetzt, unterstützen."

 

12. Hätten Sie gewusst, dass…

man mit dem Talar das "Vaterunser" beten kann?

Auch das stimmt wirklich. Die Anzahl der Knöpfe beim klassischen preußischen Talar entspricht der Anzahl der Bitten im 'Gebet des Herrn'. So kann zum Beispiel beim Talaranziehen vor dem Gottesdienst der Pfarrer in der Sakristei im Rhythmus seiner Finger das Vaterunser beten.