Einlass erst mit 60

Ganna Kolenchuk/evangelisch.de

„Wie die twisten können, das ist cool!“

Im Hamburger Gängeviertel steigt einmal im Monat die hippste Party der Stadt - der "Faltenrock". Schunkelmusik oder Kännchenkaffee sind da Fehlanzeige. Hier rocken grauhaarige Paare zu den Stones und Chubby Checker. Eine Feier mit Ex-Mods, den ersten Anti-Springer-Demonstranten und Mitgliedern im Kirchenchor.

Das Gängeviertel liegt in der Innenstadt Hamburgs, kaum 400 Meter von der Binnenalster entfernt: ein Sahnegrundstück aus Investorensicht. Dort stehen kaum mehr als eine Handvoll Häuser in wildem Outfit, mit Baugerüsten, Graffiti an bröckelnden Mauern, Plüschsofas im Innenhof, zahlreichen Galerien und der Jupi-Bar an der Caffamacherreihe. Seit bald drei Jahren besetzen Künstler das Viertel, unterstützt von Bürgern und retten es vor dem Abriss. Jetzt haben die Kreativen eine Genossenschaft gegründet und organisieren zum siebten Mal das subversivste Event des Nordens: "Faltenrock", ein Tanzabend für 60plus, immer am letzten Sonntag im Monat.

Ein Pärchen um die dreißig kommt die Caffamacherreihe entlang und bleibt vor der Jupi-Bar stehen. "Sorry, aber heute ist Faltenrock, Einlass erst ab sechzig", sagt der Mann an der Tür freundlich, aber bestimmt. "Och", entfährt es dem Paar. Schon eilen zwei Damen an den beiden vorbei. Die eine trägt Ohrringe und Turban im Leopardenlook, die zweite hohe Schuhe und Jeans. "Dürfen wir rein?" Mit einer leichten Verbeugung öffnet Türsteher Christoph Ströh den Gästen. Rockmusik-Klänge dringen aus der Bar. Das junge Paar schaut sehnsüchtig. Unter 60-Jährige dürfen nur in Begleitung eines Älteren rein.

Frauenüberschuss auf der Tanzfläche

Smoke on the Water (Deep Purple) Die Jupi-Bar ist klein wie ein Wohnzimmer. Die Lampen hängen schräg, die Tapeten blättern, rechter Hand steht der Tresen, geradezu, etwas erhöht, das DJ-Mischpult. Die Tanzfläche in der Mitte ist voll. Zwischen Frauen mit Riemchenhandtaschen über der Schulter reckt auch ein Grauhaariger im roten Pulli die Arme in die Höhe, dreht sich, klatscht mit den Händen. Es herrscht Frauenüberschuss. Statistisch gesehen kein Wunder: Von den knapp 17 Millionen der über 65-Jährigen in Deutschland, so ermittelte das Statistische Bundesamt im Jahr 2011, sind 57 Prozent Frauen und 43 Prozent Männer. Doch womöglich sind die weiblichen Szenegänger einfach nur umtriebiger als die Herren gleichen Alters.

Zu jung für Tanztees

I can´t get no satisfaction (Rolling Stones) Christiane Deneke, Dozentin an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften und 64 Jahre alt, streift ihren Mantel ab und legt ihn auf ein Polstersofa in der Ecke. "Eigentlich bin ich total unsportlich, dabei weiß ich natürlich, dass Bewegung gut tut", sagt sie und bestellt sich ein Wasser. Das geht, wie alles in der Jupi-Bar, auf Spendenbasis und an die Genossenschaft, die so ihre Betriebskosten finanziert. "Tanzen dagegen macht mir unglaublich Spaß. Ich gehe gern aus. Doch einmal war ich aus Interesse bei so einer Senioren-Tanzveranstaltung. Oh je, das war eher was für meine Ur-Großeltern. Meine Generation ist mit Rockmusik aufgewachsen, mit so was wie dieser Musik hier", sagt sie, und schon beginnt sie zu tanzen.

My Generation (The Who) Im hinteren Teil der Jupi-Bar befindet sich das Café Salome. Dort wird just in diesem Moment die Suppe der Gängeviertel-Volxküche an hungrige Tänzer ausgegeben. Kristina Sassenscheidt sitzt mit fünf Damen an einem Tisch und schaut sich die Fotos der letzten Faltenrock-Party an. Die 34-Jährige hat das Konzept dieses ungewöhnlichen Tanzabends entwickelt. "Meine Mutter hat mich auf die Idee gebracht. Sie tanzt so gern, aber sie fühlt sich zu alt für die Disco und zu jung für Tanztees. Da habe ich gedacht, diese Generation bräuchte mal etwas Neues. Und mittlerweile kommen mir die Gäste hier in ihrer Art jünger vor als manche 30-Jährigen." Einen besseren Ort als die Jupi-Bar konnte Kristina, die beim Amt für Denkmalschutz arbeitet, kaum finden. Musikanlage und Tresen sind vorhanden. Es gibt die Möglichkeit, im Gängeviertel Neues ohne kommerziellen Druck auszuprobieren. "Die DJs reißen sich mittlerweile darum, beim ‚Faltenrock’ mitzumachen. Die Stimmung ist einfach zu gut", sagt Kristina. 

Tango, Twist und Rock'n Roll

Born to Be Wild (Steppenwolf) "Heute früh haben wir im Kirchenchor gesungen und nun sind wir hier. Das erste Mal. Die Musik ist super." Salka Gärtner lacht. "Das nimmt mir fast die Angst vorm Älterwerden. Ich bin in sieben Jahren sechzig, das kann ich gar nicht glauben!" Flugs steht sie auf und eilt zur Tanzfläche. Ihr Mann schmunzelt. Klaus Gärtner, Jahrgang 45, war Gründungsmitglied der Grünen in Hamburg und hat gegen den Axel-Springer-Verlag demonstriert. "Ich bin ganz begeistert von diesem Viertel und den jungen Leuten, die auch dafür sorgen, dass in Hamburg nicht nur abgerissen wird", meint er. Ein Gespräch entspinnt sich. Es wird über Politik geredet, den Jahrestag von Tschernobyl und Klaus erklärt als ehemaliger Physiklehrer, warum Dioxin gefährlich ist. Partytalk auf hohem Niveau. Da kommt Salka und zieht ihren Mann am Arm zum Tanzen. Ein flotter Tango wird gespielt, Paartanz ist angesagt.

Partytalk auf hohem Niveau

Bamboleo (Gipsy Kings) DJane Sabrina macht Pause und lässt die CD laufen. Die 31-Jährige vertritt heute DJane Rita, die der Partyreihe den Namen gab: Falten-Rock oder Faltenrock, beide Schreibweisen sind erlaubt und Basis für viele Witze bei den Gästen. Rita hat den Musikstil geprägt, Rockabilly, Twist, Rock der Sechziger und Siebziger. Auch mitgebrachte Platten werden aufgelegt. Nun herrscht allerdings Flaute auf der Tanzfläche. Weder Songs von Cat Stevens noch Bob Dylan kommen an. Sabrina muss sich konzentrieren.

Johnny B. Goode (Coverversion von Jerry Lee Lewis) Es geht auf neun Uhr zu, draußen beginnt es zu dämmern, drinnen wird es heißer. "Ey, Jerry Lee Lewis!", ruft ein 70-jähriger Herr in fliederfarbenem Hemd und ist schon wieder auf der Tanzfläche. Bei Tutti Frutti (Little Richard) sind wieder acht Tänzer dabei, zwanzig bei Let´s twist again (Chubby Checker). "Wie die twisten können, das ist cool!", sagt Barkeeper Kai. Die Zigarette, die er draußen vor der Tür rauchen wollte, hat er sich hinters Ohr geklemmt.

C´mon everybody (Eddie Cochran) Mit Schweißperlen auf der Stirn lehnt sich ein Twisttänzer, er heißt Volker, an den Tresen. "Ich war ein Mod. Ende der Fünfziger, Anfang Sechziger, das waren meine wilden Jahre. Immer in Anzug und weißem Hemd. Wir Mods haben auf Äußeres geachtet, die anderen waren die Rocker", sagt er und erzählt von der Zeit im Star Club und im Indra, wo die Beatles das erste Mal in Deutschland auftraten. Ernst, aber nicht wehmütig, meint er schließlich: "Ich möchte einfach noch etwas erleben. Meine Frau ist nicht mehr so beweglich, die will nicht. Aber ich kann nicht nur zu Hause sitzen."

Hello I love you (Doors, die extrem lange Version) Es ist kurz vor zehn Uhr. Jetzt tanzt das Personal. Der Türsteher verrät: "Ich bin ein Tanzmuffel. Aber hier ist es so familiär, da tanze sogar ich mit." Noch zehn Gäste sind da, fünf Stunden haben die Tänzer in den Beinen, eine enorme Kondition. Für Volker ist Schluss, er zieht die Jacke über. "Fast perfekt bei euch", sagt er, "Nur die Haken unterm Tresen für Jacke oder Handtasche fehlen. Die schraube ich euch beim nächsten Mal an." Einige der Stammgäste sind heute nicht gekommen. "Aber", so meint Dozentin Christiane zum Abschied, "wir melden uns hier nicht ab, soviel soziale Kontrolle muss nicht sein."