Vorkämpfer der Schwulenbewegung: Magnus Hirschfeld

Vor 150 Jahren wurde der Sexualforscher Magnus Hirschfeld geboren
Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld

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Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld war Sexualwissenschaftler, der für die Straffreiheit von Homosexualität kämpfte.

Er war seiner Zeit weit voraus. Schon vor mehr als 100 Jahren befasste sich der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld mit geschlechtlicher Vielfalt - und kämpfte für die Rechte Homosexueller.

Magnus Hirschfeld (1868-1935) gilt als Begründer der ersten Schwulenbewegung. In erster Linie war er aber Sexualwissenschaftler, der für die Straffreiheit von Homosexualität kämpfte - zu einer Zeit, als an die erst seit 2017 mögliche "Ehe für alle" noch lange nicht zu denken war. Am 14. Mai jährt sich der Geburtstag des jüdischen Arztes zum 150. Mal. Die erst 2011 gegründete Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und die seit den 1980er Jahren bestehende Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft planen zahlreiche Gedenkveranstaltungen. Dazu gehört ein Festakt im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, in dessen Nähe einst Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft stand.

Hirschfeld kam 1868 als Sohn eines jüdischen Arztes im pommerschen Kolberg zur Welt, studierte Philologie in Breslau und Medizin in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin. Nach seiner Promotion eröffnete er 1894 zunächst eine naturheilkundliche Arztpraxis in Magdeburg. Einer seiner Patienten, ein Offizier, beging am Vorabend seiner Hochzeit Suizid, weil er schwul war. Dieser Vorfall gilt - neben dem Strafprozess gegen den homosexuellen britischen Schriftsteller Oscar Wilde - als ein Auslöser dafür, dass Hirschfeld sich mit der Erforschung der Homosexualität befasste.

In Berlin erinnert ein Denkmal an den Begründer der ersten homosexuellen Bürgerrechtsbewegung.

Er ging nach Berlin-Charlottenburg und gründete 1897 mit anderen Mitstreitern das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK)". Es war die weltweit erste Organisation, die sich für die Gleichberechtigung von Homosexuellen einsetzte. Mit einer Petition an den Reichstag kämpfte er - erfolglos - für die Abschaffung des Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte.

Vor fast 100 Jahren, 1919, gründete Hirschfeld dann sein Institut für Sexualwissenschaft, die erste Einrichtung dieser Art. Neben der Forschung gab es dort auch Beratung und Aufklärung, und es wurden Geschlechtskrankheiten behandelt. Hirschfeld arbeitete zudem als medizinischer Sachverständiger in Gerichtsprozessen und engagierte sich politisch als Sozialdemokrat. Seine eigene Homosexualität thematisierte er nicht groß. Aus seinen letzten Jahren sind zwei Partner bekannt, mit denen er zusammenlebte.

1930 begab sich Hirschfeld auf eine Weltreise, von der er nicht nach Deutschland zurückkehren sollte: Nach dem Erstarken des Nationalsozialismus blieb er im Exil in Frankreich. 1933 plünderten die Nationalsozialisten sein Institut in Berlin. Sie entwendeten eine Büste Hirschfelds, vernichteten einen Großteil seiner Sammlungen und seiner Bibliothek und verbrannten diese auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz.

Der Versuch einer Institutsneugründung in Paris scheiterte. Hirschfeld starb an seinem 67. Geburtstag am 14. Mai 1935 in Nizza. Dort wurde er auch begraben. Auf seiner Grabplatte steht sein Leitspruch: "Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit". Erst spät flammte das Interesse an ihm und seiner Arbeit wieder auf. Schließlich ergingen noch in den Anfangsjahren der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre hinein zahlreiche Urteile gegen homosexuelle Männer. Endgültig gestrichen wurde der Paragraf 175 erst 1994.

Saal im Institut für Sexualwissenschaft in Berlin mit Anschauungsmaterial zur Theorie der sexuellen Zwischenstufen.

Ralf Dose war 1982 Mitbegründer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Innerhalb der Westberliner Schwulen- und Lesbenbewegung habe es damals wieder ein Interesse gegeben, sich mit den geschichtlichen Vorfahren auseinanderzusetzen und diese auch wieder langsam ins Bewusstsein zu rücken, sagt er. Zudem sollten die Homosexuellen als eine Opfergruppe der Nationalsozialisten nicht länger vergessen bleiben. Dabei sei Hirschfeld sozusagen wiederentdeckt worden.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind aber auch umstritten. In der Kritik standen vor allem seine naturwissenschaftliche Herangehensweise und seine Auffassung zur Eugenik, in der es darum ging, mit Erkenntnissen aus der biologischen Forschung die Fortpflanzung zu regulieren. Wie andere Zeitgenossen war Hirschfeld der Meinung, durch entsprechende Eheberatung, Aufklärung und Familienplanung soziales Elend verringern zu können. Die NS-Rassenhygiene lehnte er aber ab.

Hirschfeld betrachtete Sexualität aus der Biologie heraus. Er beschrieb "sexuelle Zwischenstufen". In der Homosexualität wollte er "einen tief innerlichen konstitutionellen Naturtrieb" erkennen. Im Prinzip habe Hirschfeld die Kategorie von Mann und Frau völlig aufgelöst, sagt Ralf Dose. Dies sei damals bereits weit über das hinausgegangen, was gesellschaftlich akzeptabel war.

Der Geschäftsführer der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Jörg Litwinschuh, beobachtet derzeit ein gestiegenes Interesse am Erbe Hirschfelds und verweist auch auf die vielen Anmeldungen für den Festakt am 14. Mai. Dies sei auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Rechtspopulismus, Problemen mit Antisemitismus und Einwanderungsdebatten zu sehen, sagt er: "Wir merken eine stärkere Politisierung."