Brüsseler Tagung über Lehren der Reformation für Europäische Union

In Brüssel haben Politiker, Kirchenvertreter und Wissenschaftler über die Reformation und ihre möglichen Lehren für die Zukunft der Europäischen Union diskutiert.

Ideen wie die der Freiheit, der Verantwortung und der Gnade, die schon für den Reformator Martin Luther (1483-1546) zentral waren, standen bei vielen Beiträgen der Konferenz am Dienstag im Brüsseler Europaparlament im Vordergrund. Angehörige verschiedener Konfessionen und Parteien wiesen auf die Aktualität von Thesen aus der Reformationszeit und andererseits auf ihre Zeitgebundenheit hin.

Simo Peura, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands, warnte mit Verweis auf Luther vor einer zu strikten Trennung von kirchlicher und politischer Verantwortung. Kirche und Staat seien "zwei verschiedene Instrumente für Gottes Werk", sagte Peura. Nur durch gegenseitigen Dialog könnten sie am besten "Gottes Liebe in dieser Welt verwirklichen".

Luthers theologische Zwei-Reiche-Lehre wurde Peura zufolge in der Vergangenheit oft einseitig rezipiert. Dabei sei der Unterschied zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Reich betont worden, fügte er hinzu: "Als eine Folge haben Kirchenführer und Gläubige geschwiegen, als Unrecht verübt wurde." Luther selbst habe dagegen die Verbindung zwischen den beiden "Reichen" hervorgehoben, erklärte Peura.

"Es ist wesentlich für uns als Politiker, Gerechtigkeit anzustreben"

Die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre gehört zum Herzstück von Luthers Werk. Der Reformator sprach von zwei "Regimenten", mit denen Gott Einfluss auf die Menschen nimmt. Das weltliche Reich ("Regiment") wird repräsentiert durch die Regierungen ("Obrigkeit"), aber auch durch Institutionen wie Ehe und Familie, Wirtschaft und die Berufe. Das "geistliche Regiment" soll die Menschen erlösen durch die christliche Botschaft, die Kirche oder auch durch die Sakramente wie Taufe und Abendmahl.

Der Europaabgeordnete Peter van Dalen erklärte, die Bibel lehre an vielen Stellen, dass sich Gott an der Gerechtigkeit erfreue. "Es ist wesentlich für uns als Politiker, Gerechtigkeit anzustreben - oder, um es anders zu sagen, Ungerechtigkeit zu verhindern", erklärte der niederländische Politiker. Indem die Politik Gerechtigkeit anstrebe, würden Räume geschaffen, "in die Gnade eingehen kann", sagte van Dalen.

Theologe warb für ökumenische Gemeinschaft

Auf verschiedene Ebenen des Freiheitsbegriffs ging Katrin Hatzinger von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein. Luther sei "ein Kind des Mittelalters und kein moderner Denker" gewesen, urteilte die Leiterin des Brüsseler EKD-Büros. Dementsprechend habe er auch keine moderne politische Idee der Freiheit verfochten, sondern "eine in der Beziehung zu Gott verankerte Freiheit".

Indem Luther diese Beziehung als eine unmittelbare beschrieben habe, habe er aber zugleich die geistlichen Autoritäten seiner Zeit infrage gestellt. Das wiederum habe später zur klaren Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Macht geführt, die noch für die heutigen politischen Systeme in Europa grundlegend sei, erklärte Hatzinger.

Der Theologe Dezsö Buzogany warb für eine ökumenische Gemeinschaft von Katholiken, Orthodoxen und Protestanten. Gemeinsam sollten sie "die Hauptaufgabe der Kirche" angehen, "Europa zurück zu den historischen Werten des Christentums zu bringen", forderte der Professor der Universität von Cluj in Rumänien.