Altbischof Noack: Nassauische Union ist Vorbild für Toleranz

Die Gesellschaft brauche auch heute Menschen, die aus Überzeugungen heraus handeln und nach der Wahrheit fragen, ohne auf sie zu pochen, sagte der Kirchengeschichtler am Freitagabend in der Unionskirche Idstein.

Die Gründung der Nassauischen Union vor 200 Jahren hat der ehemalige Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack (67), als Vorbild für Toleranz bezeichnet. Die Gesellschaft brauche auch heute Menschen, die aus Überzeugungen heraus handeln und nach der Wahrheit fragen, ohne auf sie zu pochen, sagte der Kirchengeschichtler am Freitagabend in der Unionskirche Idstein. Noack sprach als Festredner zum Jahrestag der ersten Vereinigung von Lutheranern und Reformierten in einem deutschen Fürstentum.

"Tolerant sein" werde heutzutage oft mit "egal sein" verwechselt, sagte der Altbischof laut Redemanuskript. Wer heute die Wahrheit suche und eine Überzeugung vertrete, gerate schnell unter den Verdacht, ein Fundamentalist zu sein. Dagegen habe die nach der Idsteiner Synode von Herzog Wilhelm I. von Nassau am 11. August 1817 angeordnete Union Unterschiede in den Überzeugungen ertragbar gemacht, ohne auf die Frage nach der tragenden Wahrheit zu verzichten. Die Union sei mehr als Toleranz: Sie suche nach den gemeinsamen Grundlagen als Basis des Miteinanders.



Die Zusammenschlüsse der Protestanten in deutschen Ländern hätten letztlich zur Überwindung der Spaltung der evangelischen Kirchen in Europa geführt, sagte der pfälzische Kirchenpräsident und Vorsitzende der Union Evangelischer Kirchen in Deutschland, Christian Schad. Mit der Leuenberger Konkordie 1973 hätten die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen sich Kirchengemeinschaft gewährt, ohne ihre jeweiligen Bekenntnisse aufzugeben. 107 evangelische Kirchen in Europa praktizierten "Einheit in versöhnter Verschiedenheit".

Dieses Modell könne auch in einer zunehmend multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft Orientierung geben, sagte Schad laut Redemanuskript. Die Fähigkeit, Unterschiede zu respektieren und mit ihnen geschwisterlich umzugehen, sei ein hohes Gut und Grund zu feiern.

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung nannte die Idsteiner Entscheidung vor 200 Jahren "wegweisend für das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau", in der die früher selbstständige Landeskirche Nassau aufgegangen ist. "Gelebte Einheit des Glaubens bedeutet nicht Vereinheitlichung, sondern ein Ja zu unterschiedlichen Formen des Glaubens", sagte Jung.

Bürgerfeset in Idstein

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) würdigte die Gründung der Nassauischen Union. Die Kirchenunion zeige, dass eine starke Motivation, tiefsitzende Gräben zu überwinden, und die Bereitschaft, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, zu Lösungen auch bei schwierigen Fragen führen können, sagte Dreyer laut Redemanuskript. "Der Gedanke, dass Christen Unterschiede überwinden können, um gemeinsam den Glauben zu bekennen und in der Welt für die Menschen zu handeln und Frieden zu befördern, bildet die Verbindungslinie zwischen dem historischen Ereignis und der Gegenwart", sagte Dreyer. Auch der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hob das Beispielhafte des Unionsschlusses hervor. 

Das Jubiläum wird am Wochenende mit einem Bürgerfest in Idstein gefeiert. Kirchenpräsident Volker Jung wird sich beim Festgottesdienst am Sonntag in der Unionskirche in seiner Predigt an dem Text orientieren, der vor 200 Jahren Grundlage des Festgottesdienstes zur Nassauischen Union war.