Die Johannes-Passion der Empfindsamkeit

Szenenfoto mit dem Opernchor sowie Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Weimar.

Foto: Anke Neugebauer

Szenenfoto mit dem Opernchor sowie Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Weimar.

Weimar erlebt nach einem Vierteljahrtausend die Wiederaufführung einer Komposition von Carl Philipp Emanuel Bach. Der geheimnisumwitterte Zufallsfund in einem für Jahrzehnte nach Kiew ausgelagerten Archiv lässt die Leidensgeschichte Jesu völlig neu erleben.

Geschichten von geheimnisvollen Funden in versteckten Höhlen gibt es viele. Diese aber ist tatsächlich geschehen. 2000 erfährt der aus Kiew stammende Musikstudent Kirill Karabits zufällig aus dem Fernsehen von der Existenz einer umfangreichen historischen Sammlung von Autographen, Abschriften von Partituren und seltenen Notendrucken. Es handelt sich dabei um das Archiv der Berliner Singakademie, das von dem Komponisten und Musikpädagogen Carl Friedrich Zelter angelegt worden war. Diese Sammlung von Musikdokumenten des 18. Jahrhunderts galt seit Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen: bis zum Jahr 1999. Da wird sie von Forschern der Harvard University in Kiew wiederentdeckt. 2001 kehrt das in 241 Kisten untergebrachte 250.000-Seiten-Archiv nach Berlin zurück, wo es in der Staatsbibliothek aufbewahrt und öffentlich zugänglich ist.

Unter den riesigen Schätzen, überwiegend Erstdrucke mit handschriftlichen Widmungen und Anmerkungen, liegt auch die Johannes-Passion von Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788). Die Collage aus eigenen und Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten, in der Kirchenmusik Pasticcio genannt, schildert den Leidensweg Christi vom Abendmahl bis zur Kreuzigung und seinem Tod gemäß des Evangelisten Johannes. Die Komposition des zweitältesten Sohnes von Johann Sebastian Bach, der zur Entstehungszeit 1784 städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum Hamburg war, erfährt damals nur eine Aufführung. Karabits entdeckt sie, als er im Bereich Alte Musik nach großen Werken von Graun bis Telemann sucht. Sofort erkennt er ihren musikalischen Rang und bringt sie jetzt als Beitrag zum Reformationsjubiläum in Weimar zur Wiederaufführung nach fast 250 Jahren.

Kirill Karabits

In Weimar ist Karabits (39) seit September 2016 Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle in Weimar. Die Komposition, erklärt er, sei keine beliebige Version unter den allein rund 20 Passionen, die Carl Philipp Emanuel Bach, dessen Lebenswerk mehrere hundert Werke umfasst, zugeschrieben werden. Karabits nennt sie exemplarisch für den deutschen "Stil der Empfindsamkeit", als dessen erster Repräsentant der Bach-Sohn gilt. "Dieser Stil", verdeutlicht er seine Ansicht, "ist nicht mehr reiner Barock, er weist vielmehr bereits in Richtung der Frühklassik. Bach probiert Experimentelles, zeigt neue musikalische Farben und Harmonien auf, komponiert praktisch wie für das Theater."

Passionsmusik ist "Identität stiftend"

Passionsmusik, die Vertonung des Leidensweges Christi nach Texten der Bibel, lässt sich bis weit in das Mittelalter zurückverfolgen. Liturgisch bleiben sie über Jahrhunderte auf den Nachmittagsgottesdienst in der Karwoche beschränkt. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert entstehen Passions-Oratorien, die in Form von Arien und Rezitativen mit Orchesterbegleitung den Stellenwert des Textes nach dem Evangelium schmälern. Erst Johann Sebastian Bach kehrt mit seinen zwischen 1723 und 1729 entstandenen Passionen nach Johannes und Matthäus zum Kern der Evangelienworte zurück. Die "seriöse", nicht mehr bombastische Balance zwischen der dramaturgischen Bearbeitung der Bibelworte und den lyrischen Ausdrucksformen – Chorsätze, Choräle, Arien – wird so geschaffen.

In der evangelischen Kirchenmusik seit Luther sind die Passionen schlicht elementar. Johannes Pflüger, Kreiskantor des evangelischen Kirchenkreises Bonn, nennt sie "Identität stiftend". Jede neue Deutung, jede Innovation, jede musikarchäologische Ausgrabung sind daher für Kirchenmusiker und Kirchengemeinden von Bedeutung, erst recht anlässlich des Reformationsjubiläums.

In Weimar entschließen sich Karabits und der für Regie und Bühne bei diesem Projekt verantwortliche Philipp Harnoncourt, Sohn des Dirigenten und Musikforschers Nicolaus Harnoncourt, die Wiederentdeckung der Passion szenisch zu realisieren. Letztlich wie ein heutiges Theaterstück. Die Sängersolisten, der Opernchor des Hauses und Musiker der Staatskapelle Weimar agieren in einem Milieu der Gegenwart. Alltagskleidung dominiert, die Gespräche an einem Abendmahlstisch aus Allerweltsmaterialien drehen sich um Themen und Probleme von heute. Eine Johannes-Passion, ein Schlüsselwerk der Kirchenmusik des Protestantismus, inszeniert wie ein Stück für einen Theaterwettbewerb? Für Karabits, der schon in jungen Jahren als Chorleiter Kantaten von Bach dirigiert und für experimentelle Entwicklungen in der Alten Musik offen ist, kein Problem. Der auf den Ausdruck tiefster Gefühle ausgelegte Stil Bachs, findet der Weimarer Generalmusikdirektor Karabits, lege es geradezu nahe, das Stück als "narrative Leidensgeschichte Jesu" zu zeigen.

Schon der "strengere" Bach-Vater ändert Kompositionen regelmäßig ab, manche Zeit seines Lebens. Allein von seiner Johannes-Passion, die in der Aufführungspraxis im Schatten seiner Matthäus-Passion steht, existieren unterschiedliche Versionen, teils aus Gründen der kirchlichen Aufführungspraxis, teils wegen spiritueller Überlegungen. So stellen die Johannes-Passionen des Sohnes, der zu seinen Lebzeiten berühmter war als sein Vater, schlussendlich zwei Seiten derselben Medaille dar. Eine kirchenmusikalisch relevante Erkenntnis, die über den Anlass der Wiederaufführung und der weiteren kommenden Aufführungen weit hinaus ragt.

Um diese neue Erfahrung im Rahmen der "Kirchentage auf dem Weg" am Deutschen Nationaltheater überhaupt erst zu ermöglichen, musste das Projekt in einem frühen Stadium im Übrigen eine ganz spezielle Hürde nehmen. Karabits wurde, als er das Notenmaterial im Berliner Archiv entdeckte, ein spezielles Handicap gewahr: Alles Handschriftliche ist in Sütterlin, der altdeutschen Schrift, verfasst. Um die Noten transkribieren zu können, bedurfte es einer Lösung, die auch finanziell zu verkraften war: "Ich habe mich in Berlin an ein Altersheim gewandt", erzählt der findige Notenarchäologe, "und an der Rezeption nach jemandem gefragt, der bereit und fähig sei, die Schriften zu übersetzen." Dort habe man sehr freundlich reagiert und ihn mit einer netten 90-jährigen Bewohnerin zusammengebracht. Diese habe ihm gern geholfen und die gewünschte Übersetzung erstellt. So gesehen, ist die Wiederaufführung einer ein Stück unkonventionellen Passionsmusik nach einem Vierteljahrtausend Ergebnis einer ganzen Serie von größeren und kleineren Geheimnissen.