Zurück in die Zeit von Geheimprotestanten und Abtrünnigen

Wenn Steine sprechen könnten: Unterwegs auf dem Bibelschmugglerweg in Österreich
Die bizarre Felsformation "Predigtstuhl" liegt etwa 300 Höhenmeter über dem Hochplateau der Ramsau. Hier trafen sich in der Zeit nach der Reformation "Geheimprotestanten".

Foto: Brigitte Geiselhart

Die bizarre Felsformation "Predigtstuhl" liegt etwa 300 Höhenmeter über dem Hochplateau der Ramsau. Hier trafen sich in der Zeit nach der Reformation "Geheimprotestanten".

Hohlräume, Doppelwände und andere Verstecke - die Kreativität der Bibelschmuggler kannte zur Zeit der Reformation keine Grenzen. Die Wege, die sie gegangen sind, waren gefährlich und risikoreich - ein Abenteuer.

"Toleranzweg" – so zeigt es der Wegweiser an. Von der evangelischen Kirche im Ortszentrum von Ramsau aus geht es entlang einer saftig grünen Wiese an einem Bauernhof vorbei und dann in ein Waldstück. Bergauf. Steil bergauf. Auf relativ kurzer Strecke gilt es, gute 300 Höhenmeter zu überwinden. Machbar, aber anstrengend und recht schweißtreibend. Und die eine oder andere Verschnaufpause muss sein. Der Blick geht nach unten in den Ort und auf das gleichnamige Hochplateau, das sich immer weiter vom Betrachter entfernt. Oben angekommen fällt eine beeindruckende Felsformation ins Auge – der sogenannte "Predigtstuhl". Es heißt innehalten und vergangenen, leidvollen Tagen nachzuspüren. Vielleicht seine Gedanken in das "Gästebuch" eintragen, das sich in einer Art Briefkasten direkt am Felsen befindet. Wenn Steine sprechen könnten. Hier trafen sich in der Zeit nach der Reformation "Geheimprotestanten" – um Predigten zu hören, um gemeinsam zu beten und zu singen. Eine versteckte, distanzierte Lage mit bester Aussicht. Ganz bewusst so gewählt, so dass man näher kommende Häscher rechtzeitig entdecken und die Flucht ergreifen konnte.

Der Wanderer des 21. Jahrhunderts befindet sich auf einer Tagesetappe des Bibelschmugglerwegs, der als "Weg des Buches" 2008 von der Evangelischen Kirche in Österreich eröffnet wurde. Er folgt auf 600 Kilometern den Spuren von Bibelschmugglern und Geheimprotestanten von Ortenburg an der bayerischen Grenze über das Salzkammergut, den Dachstein, die Kärtner Nockberge bis zum Dreiländereck Österreich/Italien/Slowenien – und seit diesem Jahr auch weiter bis nach Triest. Die ersten 210 Kilometer sind als vier Rad-Etappen angedacht, dann geht es per Pedes vom österreichischen Traunsee in mehr als 20 Tagesetappen über die Berge, entlang kristallklarer Gebirgsbäche, vorbei am höchsten Wasserfall der Steiermark, an die Ufer einiger der schönsten Gebirgsseen Österreichs und durch unberührte Landschaften wie den Klafferkessel. Unterwegs gibt es viel Interessantes aus der Geschichte der Bibel- und Bücherschmuggler zu erfahren, und versteckte Höhlen und andere verborgene Plätze zu entdecken, die in der Zeit des Geheimprotestantismus als Treffpunkte dienten.

Aussicht von der WM-Skisprung-Schanze auf Ramsau und das Dachsteinmassiv. In der Bildmitte die Evangelische Kirche.

Die Bibel selber lesen? Das war im 16. Jahrhundert unglaublich, unerlaubt, revolutionär. Dank Martin Luthers Bibelübersetzung lernten auch in Österreich viele Menschen überhaupt erst lesen und wurden Protestanten – sehr zum Missfallen der katholischen Obrigkeit. Seit dem Augsburger Reichstag von 1530 hatte die Katholische Kirche im Einklang mit den damaligen Herrschern versucht, dem Protestantismus in Österreich den Garaus zu machen. Wer nicht wieder katholisch werden wollte, musste seinen Glauben also im Geheimen praktizieren. Lutherische Bibeln, Gebets- und Gesangbücher und auch evangelische Literatur waren verboten. Wenn man diese Bücher bei jemandem fand, wurden sie beschlagnahmt und verbrannt. Außerdem wurden die Abtrünnigen und Widerspenstigen zur Emigration gezwungen, wobei man ihnen die eigenen Kinder wegnahm, um sie katholischen Familien zur Erziehung zu übergeben. So begann der Bibel- und Bücherschmuggel. Auf abenteuerlichen Wegen und unter der Gefahr erwischt und schwer bestraft zu werden, wurden Bibeln nach Österreich auch in entlegene Bergtäler gebracht. Dorthin, wo sich der protestantische Glaube am stärksten hielt.

Zum Beispiel in Ramsau am Dachstein. Ein fast paradiesisch anmutendes kleines Dorf im Westen der Steiermark. Gerade auch im Sommerhalbjahr. Wenn nicht ganz soviel touristischer Betrieb herrscht wie im Winter. Natürlich sind die Zeiten vorbei, als noch vor wenigen Generationen das Sträßchen aus Schladming herauf nur einspurig und nur von neun bis zehn Uhr morgens für die Bergfahrt freigegeben war. Doch auch heute kann man hier Ruhe und Beschaulichkeit finden und die Chance, oft stundenlang zu wandern ohne auch nur einer einzigen Menschenseele zu begegnen.

Von paradiesischen Zuständen war in Ramsau in den Zeiten nach der Reformation allerdings wenig zu spüren. Vor allem auch für evangelische Christen, die hier eines ihrer Zentren hatten. "Unser Ort war schon damals ein protestantischer Hotspot", sagt Heinz Prugger.

Der ehemalige Geschäftsführer des Ramsauer Tourismusverbands ist kompetenter Ansprechpartner, wenn es um die aktuelle Gemeindeentwicklung, aber auch über den historischen Werdegang der Evangelischen Kirche in Ramsau geht. Auch hier waren überfallartige Hausdurchsuchungen an der Tagesordnung. Also wurden die Bauern bei der Auswahl der Verstecke immer geschickter. Gut verschlossene Fässer im See, Hohlräume unter den Brettern der Futterkrippe einer störrischen Kuh, das Heu in der Scheune, Doppelböden, Doppelwände, ausgehöhlte Balken und unzählige andere Verstecke wurden für die kostbaren Bücher benutzt.  Dennoch fielen immer wieder Bücher in die Hände der Visitatoren. So waren die Bücherschmuggler im Dauereinsatz, um für Nachschub aus Deutschland zu sorgen. Auch für sie war das Risiko, erwischt zu werden, enorm. Die meisten verdienten sich mit dem Schmuggel ihren Lebensunterhalt. Gerade junge Handwerksgesellen reizte das Abenteuer und das schnelle Geld.

Heinz Prugger weiß auch um die unrühmliche und maßgebliche Rolle, die der damalige Fürsterzbischof von Salzburg spielte, als es um rigorose Vertreibungen von protestantischen Bauern im Jahr 1731 ging. "Es gab viele Deportationen in den Osten, nach Siebenbürgen, auch bis nach Königsberg", erzählt Prugger. Die Höfe der Vertriebenen seien von anderen "übernommen" oder von der Katholischen Kirche "geerbt" worden. 1781 dann ein entscheidender Wendepunkt. In der Ramsau hatten sich 127 von 130 Familien zum evangelischen Glauben bekannt. In diesem Jahr erließ Kaiser Joseph II. sein "Toleranzpatent" und ermöglichte den durch den Westfälischen Frieden anerkannten protestantischen Kirchen und den Orthodoxen in den Habsburger Kronländern erstmals seit der Gegenreformation wieder eine freiere Ausübung ihrer Religion – wenn auch der Vorrang der Katholischen Kirche weiterhin bestehen blieb.

Heinz Prugger, ehemaliger Geschäftsführer des Ramsauer Tourismusverbands, mit einer gut erhaltenen "Handbibel" aus dem 18. Jahrhundert.

Und heute? "Der Glaube ist in der Ramsau identitätsstiftend und hat über Jahrhunderte die Kultur, das Brauchtum, die Arbeit und die Bildung bestimmt", sagte Josef Tritscher, Obmann des Ramsauer Heimatmuseums, am 24. Mai anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Glaubenskisten 1517 – 2017", die sich thematisch ins Reformationsjubiläum einpasst und noch bis April 2018 im Museum, das nur wenige Schritte von der Ramsauer Pfarrkirche entfernt ist, zu sehen ist.

Ramsau ist evangelisch. Schladming katholisch. So war es immer und so ist es nach wie vor. Natürlich wird auch hier die Ökumene gepflegt – aber "Sticheleien", über die man heute schmunzeln darf, gibt's immer noch. "Kennt's ihr den Unterschied zwischen evangelischen und katholischen Krapfen?", fragt Heinz Hartweger am Frühstückstisch die Gäste seines im benachbarten Haus im Ennstal gelegenen Hotels – und hat natürlich die logische Erklärung sofort parat: Auf dem sonnendurchfluteten Hochplateau der Ramsau gedieh immer schon der Weizen, unten in Schladming nur der Roggen. Folglich sind die evangelischen Krapfen bis heute aus Weizenmehl, schmecken mit süßer Marmelade oder auch mit steirischem Hartkäse. Die katholischen Krapfen sind dagegen aus Roggenmehl und werden in heißem Schweineschmalz frittiert. "Teuflisch gut", sagt Heinz Hartweger spitzbübisch. "Aber sie liegen mindestens drei Tage schwer im Magen." Ein gutes Frühstück und eine genauso gute Geschichte sind die richtige Grundlage, um bestens gelaunt und gestärkt die nächste Etappe des Bibelschmugglerwegs in Angriff zu nehmen. Es geht von Ramsau nach Schladming, dann über den wildromantischen Themenwanderweg "Wilde Wasser" und über 1000 Höhenmeter zur nächsten Übernachtung auf die Preintalerhütte.