Umweltschutz: Warum wir nicht tun, was wir wissen

Ein Mann liegt entspannt auf einer grünen Wiese.

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"Eine grundsätzliche Wende weg von unserer zerstörerischen Lebensweise ist nicht in Sicht." Dieses ernüchternde Fazit zogen Experten bei einer Konferenz von "Denkwerk Zukunft" in Berlin. Was können wir also tun, um die Erde zu retten - gerade als Christen? Wir sollten trotz allem die Verantwortung aus dem Schöpfungsauftrag wahrnehmen, kleine Schritte wertschätzen - und Gleichgesinnte suchen.

Seit dem 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums", wissen wir, dass der Lebensstil des "Jederzeit-Alles-Massenkonsums" und das mit ihm verbundene Wirtschaftssystem des unendlichen Wachstums das Ökosystem unserer Erde und damit unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören droht. Der Verbrauch an Ressourcen übersteigt die Grenzen der planetaren Belastbarkeit inzwischen um das Dreifache. Dabei tragen die früh industrialisierten Länder überproportional viel zum Klimawandel, zur Versauerung der Meere, zum Verlust von Artenvielfalt, fruchtbarem Boden und Trinkwasser bei. In vielen Ländern des Südens sind Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und kriegerische Konflikte die Folge. Erstmals in der 4,6 Milliarden währenden Geschichte unseres Planeten ist das Erdsystem durch den Menschen selbst so nachhaltig verändert worden, dass es um die Zukunft einer auch für die nächsten Generationen bewohnbaren Erde schlecht bestellt ist.

  Das alles ist bekannt, aber nur eine Minderheit bemüht sich tatsächlich um einen umweltfreundlichen Lebens- und Wirtschaftsstil. Wir tun nicht, was wir wissen. Um die Frage nach den Ursachen dieser "kognitiven Dissonanz" und nach den Erfolgsaussichten eines Umsteuerns ging es Anfang Oktober bei der 4. Konferenz des Denkwerks Zukunft in der Berliner Auferstehungskirche. Die Stiftung für kulturelle Erneuerung hatte hochrangige Fachleute aus Klima- und Nachhaltigkeitsforschung, Politik, christlicher Sozialethik, Philosophie, Evolutionsbiologie und zur Diskussion über das Thema eingeladen: "Warum wir nicht tun, was wir für richtig halten - Von der Macht des tradierten Denkens".

Vor rund 400 Teilnehmenden debattierten in einer ersten Gesprächsrunde der Klimaforscher Wolfgang Lucht, der Philosoph Thomas Pogge und der Nachhaltigkeitsforscher Hermann E. Ott über die gegenwärtige Lage und die die Erfolgsaussichten eines Umsteuerns. Die Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen zogen einmütig ein ernüchterndes Fazit: "Eine grundsätzliche Wende weg von unserer zerstörerischen Lebensweise ist nicht in Sicht", so der Tenor. Dabei, so Wolfgang Lucht, müsse die Naturwissenschaft eingestehen, dass sie derzeit nicht verlässlich sagen könne, wann genau der Kipppunkt für die Biosphäre erreicht sei. Fest stehe allerdings: "Die Erde ist nicht so stabil, wie wir lange dachten." Meinhard Miegel, Vorsitzender des Denkwerks, fasste einen weiteren Konsens in der Gesprächsrunde so zusammen. Es ist "intellektuell unredlich", zu behaupten, wir könnten die im Pariser Klimaabkommen verabredeten Ziele noch schaffen oder zu hoffen, "das von uns Angerichtete positiv zu verändern, obwohl wir weiter in der falschen Richtung unterwegs sind".

Ein "Komplettversagen der Weltgemeinschaft konstatierte der Umweltwissenschaftler Hermann E. Ott. Angesichts fehlender Überprüfungskriterien und mangelnder Kontrolle hält er die im Pariser Klimaabkommen verabredeten freiwilligen Maßnahmen zum Klimaschutz für unzureichend und stuft es als fatalen Rückschritt gegenüber dem Kyoto Protokoll ein. Einigkeit bestand bei den Experten auch darin, dass sich eine Wende nicht innerhalb des bisherigen Wirtschaftssystem und Lebensstils gestalten lassen werde. "Wir müssen Abschied von einer Lebenslüge der industrialisierten Länder nehmen, es könne so bleiben, wie es ist", so Meinhard Miegel.

"Der Mensch ist der an Gottes Stelle Handelnde und hat Verantwortung"

Welche Rolle kann dem Handeln des Einzelnen zukommen, wenn zu befürchten ist, dass es ohnehin womöglich zu spät ist und dass individuelle Bemühungen kaum ins Gewicht fallen? Ist es eine Option, zu resignieren oder zu hoffen, man selbst bliebe irgendwie verschont oder es werde alles doch nicht so schlimm kommen? Thomas Pogge postulierte deine moralische Verpflichtung, etwas zu tun, um  zumindest den gegenwärtigen Zustand aufrechtzuerhalten: "Kleine Beiträge dürfen nicht ignoriert werden. Jeder noch so kleine Schritt zählt." Hermann E. Ott zeigte sich überzeugt: "Wer resigniert, verspielt die Chance, dass sich Rettendes ereignet." Es sei nötig, die berechtigte Angst vor dem, was kommt, fruchtbar zu machen und Visionen zu entwickeln, um mit begrenztem Wissen und wenig Zeit womöglich doch noch zu Lösungen zu kommen.

Der spannenden Frage, welche Rolle auch das Christentum im Blick auf Nachhaltigkeit und Umgang mit der Natur gespielt hat oder künftig spielen kann, gingen der christliche Sozialethiker und Theologe Markus Schneider, der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg und der Philosoph Volker Gerhardt nach. Schneider warf einen kritischen Blick auf die traditionelle Deutung der Schöpfungsgeschichte (Genesis 1,28). Der biblische Herrschaftsauftrag "Macht euch die Erde untertan" sei lange im Sinne einer imperialen Unterwerfung der Natur gedeutet worden. Hier habe die Naturvergessenheit der Moderne und die daraus folgende Naturzerstörung ihre Wurzel. Es gelte, einer solchen Fehldeutung mit der Wiederentdeckung der ursprünglichen Textaussagen entgegen zu treten und die "eigene Religion neu zu denken".

Die dem Menschen zugeschriebene Gottesebenbildlichkeit "ist kein Freibrief für Willkürherrschaft, sondern ein Kultur- und Verantwortungsauftrag. Krone der Schopfung sei nach der biblischen Urerzählung nicht der Mensch, sondern der Sabbat". Der Mensch sei im Rhythmus von Arbeit und Ruhe eben nicht nur Gestalter oder Herrscher, sondern dürfe und solle auch staunend und dankbar und im achtsamen Umgang mit der ihm anvertrauten Schöpfung und den eigenen Grenzen leben. Die Erhaltung der Erde dürfe nicht einem "allmächtigen Gott" zugeschrieben werden. "Das ist keine Option. Der Mensch ist der an Gottes Stelle Handelnde und hat Verantwortung", so Schneider. Der Satz: "Du bist nicht allein", beinhalte die Verpflichtung zum verantwortlichen Handeln und zugleich die Zusage des Gehaltenseins. Ein solcher Glaube könne ein Gegenpol zu naturvergessener "Wachstumsreligion" und Fortschrittsglaube sein.

"Kein angeborenes Verhaltensprogramm bietet uns Einhalt"

Dass menschliches Handeln aber keineswegs in erster Linie von Wissen und Werten, von Glaube und Moral bestimmt wird, zeigt ein Blick auf Ergebnisse der Umweltbildung. Die Ökobilanz von Menschen, die viel über Umweltgefahren wissen, ist im Durchschnitt nämlich nicht besser als die von ökologisch Ungebildeten. Menschliches Verhalten wird weithin von tief im menschlichen Gehirn verwurzelten evolutionsbiologischen Verhaltensmustern geprägt. Wie diese Muster aussehen und wie sich Menschen dennoch für einen nachhaltigen Lebensstil gewinnen lassen, war Gegenstand der weiteren Diskussion.

Warum wir so schlecht darin sind, auf gefährliche Situationen mit einer Verhaltensänderung zu reagieren, wenn wir die negativen Folgen unseres Handelns erst viel später erleben, und warum wir sofortigen Vorteil dem späteren Gewinn vorziehen, erklärte der Biologe Manfred Milinski aus Sicht der Evolutionsbiologie. Ressourcen rücksichtslos auszunutzen sorgte im Lauf der Evolution bei allen Lebewesen für bessere Chancen auf Nachkommen. "Rücksicht zu nehmen führte zu weniger Nachkommen…. Da wir erst neuerdings Ressourcen übernutzen können, bietet uns kein angeborenes Verhaltensprogramm Einhalt. Deshalb haben wir keine Programme, den Klimawandel jetzt aufzuhalten, um folgende Generationen vor den gravierenden Folgen zu bewahren", erklärte Milinski.

Der Philosoph Thomas Metzinger plädierte dafür, die Ergebnisse der Neurowissenschaften einzubeziehen. Es gehöre zur geistigen Tiefenstruktur des Menschen, die eigene Sterblichkeit zu verdrängen und sich in Selbsttäuschung über das Ausmaß der Gefahr zu retten und sich in einen "irrationalen Optimismus" zu flüchten. "Unser eigentliches Problem sind nicht der Kapitalismus, der Klimawandel oder Terrorismus als solche, sondern die Struktur unseres eigenen Geistes", so Metzinger.

Was also tun, damit wir dennoch tun, was wir wissen? Wissen bewegt Menschen laut dem Umweltpsychologen Marcel Hunecke nur zum Tun, wenn es mit positiven Emotionen und Erfahrungen verbunden wird. Dazu gehört etwa die Aufwertung der eigenen Reputation, die Überzeugung etwas Sinnvolles zu tun und die Solidarität Gleichgesinnter, so der Umweltpsychologe.