Zeitung "Aftenposten" wirft Facebook Machtmissbrauch vor

Für Facebook zeigte ein Kriegsfoto zu viel nackte Haut. Das soziale Netzwerk löschte den Post einer norwegischen Zeitung und sieht sich nun erneut dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt.

Die größte norwegische Zeitung "Aftenposten" wirft Facebook Machtmissbrauch und Zensur vor. Chefredakteur Espen Egil Hansen schrieb am Freitag auf der Titelseite, das Hamburger Facebook-Büro habe die Zeitung zunächst aufgefordert, einen Artikel mit dem berühmten Kriegsfoto eines nackten Mädchens in Vietnam, das vor einem Napalm-Angriff flieht, nicht mehr zu zeigen. Wenig später habe das Unternehmen den Artikel selbst gelöscht. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) reagierte mit Unverständnis auf die Löschung des Fotos. Facebook verwies auf die schwierige Abwägung, wann ein Bild eines nackten Kindes zugelassen sei und wann nicht.

Kriegsfotos bei Facebook

"Hör mal Mark, das ist ernst", schrieb Hansen an Facebook-Chef Mark Zuckerberg gewandt. "Erst erlässt du Regeln, die nicht zwischen Kinderpornografie und berühmten Kriegsfotos unterscheiden. Dann setzt du diese Regeln durch, ohne Raum für Abwägungen zu lassen." Und dann zensiere Facebook auch noch Kritik und eine Diskussion über solche Entscheidungen, kritisierte der Chefredakteur.

Als Beispiel nannte Hansen den norwegischen Autor Tom Egeland, der vor einigen Wochen sieben Kriegsfotos bei Facebook gepostet habe, darunter das Bild der fliehenden Kim Phuc aus Vietnam. Auch damals wurde das Bild von Facebook gelöscht. Egeland habe diese Entscheidung kritisiert, prompt sei sein Account von Facebook blockiert worden. Er habe keine neuen Einträge veröffentlichen können.

Facebook äußerte sich auf Anfrage nicht dazu, ob der gelöschte Post wieder veröffentlicht wird. "Während wir uns bewusst sind, dass es sich hier um ein ikonisches Foto handelt, so ist es dennoch schwierig, Unterscheidungen zu treffen, in welchen Fällen das Foto eines nackten Kindes zugelassen wird und in welchen Fällen nicht", erklärte ein Sprecher. "Wir versuchen, die richtige Balance zu finden um Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu äußern und gleichzeitig einen sicheren und respektvollen Umgang für unsere globale Gemeinschaft zu garantieren." Facebook werde seine Standards weiter verbessern, um die bestmögliche Anwendbarkeit sicherzustellen.

Fotos, die die Welt bewegen

Bundesjustizminister Maas reagierte mit Unverständnis auf die Löschung des Fotos. "Wenn solche Fotos gelöscht werden, trifft es genau die Falschen", sagte er der "Bild"-Zeitung (Samstagsausgabe). "Strafbare Inhalte sollten aus dem Netz verschwinden, nicht Fotos, die die ganze Welt bewegen."

"Lieber Mark, du bist der einflussreichste Herausgeber der Welt", schrieb Hansen an Zuckerberg. Selbst er als Chefredakteur der größten Zeitung in Norwegen müsse einsehen, dass Zuckerberg seinen Spielraum für redaktionelle Verantwortung beschränke. "Ich glaube, dass du deine Macht missbrauchst." Freie und unabhängige Medien hätten die wichtige Aufgabe, Informationen und auch Bilder zu veröffentlichen, die vielleicht unangenehm seien und die Regierung und manche Bürger nicht sehen oder hören wollten.

Der Chefredakteur machte Vorschläge, wie Facebook es künftig besser machten könnte. In multikulturellen und multireligiösen Zeiten sei es unmöglich, universelle Regeln für Veröffentlichungen in dem Netzwerk zu erlassen, erklärte er. Facebook müsse daher in unterschiedlichen Weltregionen unterschiedliche Richtlinien erlassen und sollte auch zwischen Redakteuren und anderen Nutzern unterscheiden. Außerdem sei es derzeit noch zu schwierig, mit Facebook in einen Dialog zu treten, weil immer nur standardisierte Antworten zurückkämen.